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Sport-Stammtisch (vom 21. November)

Was wir in diesen Tagen erleben (es ist ja nicht nur die Terror-Welle), unterscheidet sich fundamental von anderen Anlässen zur Gefühlsaufwallung. Die berührten nicht unseren Kern. Mein hessischer Spruch, »Ambiente« sei »das Innedrin vom Drummerum«, trifft es umgedreht vielleicht besser: Drummerum ums Innedrin. Drummerum, das sind FIFA, DFB, VW, Lufthansa & Co. Innedrin aber fühlten wir uns dennoch sicher und behaglich. Das ist vorbei. Zuversichtliche Einschränkung: vorerst.
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Da heimelt das kleinkarierte Gezerre um die Niersbach-Nachfolge fast schon wieder an. Strippenzieherei, Mauschelei, Durchstechereien, Beleidigtheiten – angenehm beruhigend, wie zuverlässig täppisch der DFB seinen Affären-Weg stolpert. Nun redet auch der große Schweiger. Da er nicht Papst, sondern nur »Kaiser« ist, spricht er nicht in Rom ex cathedra, sondern in München aus der Süddeutschen Zeitung. Beckenbauer stiftet auch keine örtliche Verwirrung, sondern giftet die Frage nur als rhetorische: »Ja wo samma denn?!«
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Die Bundesliga würde lieber Dr. Reinhard Rauball wählen. Der weiß aber, wie gnadenlos heute jeder überprüft wird, der in seinem öffentlichen Lebensweg Spuren hinterlassen hat – ganz anders als bei Herrn Soundso von den DFB-Amateuren. Rauball kennt das. Als er Ende des 20. Jahrhunderts NRW-Justizminister unter Wolfgang Clement wurde, schossen Spiegel und Focus aus allen Rohren. Rauball habe mit seinem Bruder »auf Kosten der Anleger einträgliche Geschäfte am grauen Kapitalmarkt« gemacht, dem »geschäftstüchtigen Duo« sei als »Vermögensvernichter« der Spitzname »Raub-All« verpasst worden. (alle Zitate: Focus 1999).
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Der Spiegel lud zur selben Zeit nach: Rauball habe »als Notar die gesetzliche Vorschrift missachtet, seine Nebentätigkeit für die US-Firma Eurogas anzuzeigen.« Nach nur wenigen Tagen im Amt verließ »der kleine Doktor« das Clement-Kabinett mehr oder weniger freiwillig. – Clement? Schon vergessen? Der Mann schrieb viele Schlagzeilen, in Erinnerung bleibt aber vor allem eine staunenswerte Gottesgabe: Er trank ein Glas Bier schneller aus als andere ein Glas Schnaps, denn er konnte das Zäpfchen in seinem Rachen nach oben klappen und die Flüssigkeit einfach laufen lassen. Nur kein’ Neid!
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Besonders weit entfernt von meinem Innedrin ist das Drummerum des geplanten Anti-Doping-Gesetzes. Je näher es rückt, desto lauter wird die Kritik, sogar aus unerwarteten Kreisen. Denn dieses ADG ist kein ABS (Anti-Blockier-System) des Dopings, sondern »Murks« (sagt sogar der Grünen-Sportsprecher im Bundestag). Ich habe das Thema zwar ähnlich ausgeleiert wie meine »VHS« (Video-Hilfe für den Schiedsrichter), will aber wenigstens noch einen logischen Schluss anhängen, mit Hegels Hilfe. These: Schon der Besitz kleiner Dopingmengen ist strafbar. Antithese: Wick Medinait für Kinder steht auf der Dopingliste. Synthese: Der Besitz von Wick Medinait für Kinder ist strafbar. – Das ist nur eine von mehreren Ungereimtheiten … aber ich bin ja schon ruhig.
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Was mir bei Flavio Briatore schwerfällt. Alle Eingeweihten wahren auch fast zwei Jahre nach Michael Schumachers Skiunfall ihr Stillschweigen, nur der Italiener  posaunt jetzt in der Welt am Sonntag hinaus, er habe »präzise Informationen«, die derart schlimm seien, dass er Schumacher lieber nicht besuche, um ihn »so in Erinnerung zu behalten, wie ich ihn kannte«. Für diesen Vertrauensbruch sollte man ihn … genau wie damals, als der abgelebte Playgreis eine Jet-Set-Kneipe an einem sardischen Strand eröffnen wollte, mit seiner Clique in Motorbooten angebraust kam, von Badegästen aber nicht bestaunt, sondern als »infamia« (Schande) und »nulla« (Taugenichts) beschimpft wurde.
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Bei Zlatan Ibrahimovic steht die Null zwar auf dem Trikot, aber hinter der Eins, und Schwedens Nummer zehn taugt auf dem Fußballplatz für alles, nun auch dafür, seine Nationalmannschaft praktisch im Alleingang zur EM zu schießen. Er ist drauf und dran, auf einer Stufe mit Ronaldo und Messi zu stehen (er wird tönen: »Stehe längst drei Stufen drüber!«). Wenn der Junge aus Malmös Problemviertel Rosengård nicht geworden wäre, was er geworden ist – was hätte aus ihm alles werden können …
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Ach ja, die zuversichtliche Einschränkung: Dass nichts mehr so sein wird, wie es war, dachten wir auch am 9. September 2001 und schon bei Olympia 1972. Aber »The games must go on«, und sie gingen weiter. Wir können zwar nicht zwei Mal in den selben Fluß steigen, aber immer wieder in den gleichen. Panta rhei (Alles fließt). Carpe diem (Nutze den Tag). Wem’s zu hochgestochen ist, sagt auf gut Hessisch: Als weidder!  (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle