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Spielt Fußball! (“Anstoß” vom 19. November)

Das alte Waldstadion-Gefühl, gemeinsam mit vielen Tausend Zuschauern die riesigen Jets tief auf sich zu und über sich zum Flughafen einschweben zu hören und zu sehen, es hat seine heimelige Vertrautheit verloren. Vorsichtig blicke ich nach links, nach rechts. Und schaue in ebenfalls betont unauffällig nach links und rechts blickende Gesichter. Aber niemand sagt etwas. Wir schreiben den 16. September 2001, und ich denke: Auch hier im Waldstadion (so hieß es damals noch) wird nichts mehr so sein, wie wie es einmal war.
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Doch schon bald ging das Leben wieder seinen gewohnten Gang. Bei uns. New York war weit weg, und statt Angst vor dem Terror wuchs hierzulande das Unverständnis  über die Überwachungs-Paranoia in den USA. Jetzt droht sie zusammen mit dem Terror auch in Deutschland anzukommen. Unser heimeliges Leben mit seinen kuscheligen Problemchen wird uns unheimlich, und das böse Wort vom Überwachungsstaat verliert seinen Schrecken, wenn sich Bürger schlecht bewacht fühlen.
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Selbst das Reizwort »Vorratsdatenspeicherung« wird versachlicht, und auch fundamentale Friedensfreunde ahnen, dass nicht alle Schwerter zu Pflugscharen gemacht werden dürfen, weil man einige Schwerter halt doch noch dringend benötigt, um all die Pflugscharen zu beschützen.
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Wie belanglos mutet jetzt doch an, was uns in den letzten Wochen lustvoll empört und beschäftigt hat: Dieses läppische Gesellschaftsspiel, wer wann wie wem und warum 6,7 Millionen zugeschoben hat. Ist eh egal, ändert nichts, aber einer muss halt den Schwarzen Peter ziehen.
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Der Schrecken sitzt noch in den Knochen, zumal uns schwant, dass die »primitiven« Mordmethoden mit Bomben und Kalaschnikows nicht des Wahnsinns letzter Schluss sind. Daher kann uns die Forderung nach Versachlichung momentan gefühlsmäßig überfordern. Doch wir sollten uns schnell wieder bewusst machen, dass Massenveranstaltungen schon immer Risiken bargen und die Gefahr, dort durch Terroranschläge zu Schaden zu kommen, auch bei pessimistischer Einschätzung statistisch geringer bleiben wird als durch kollektive Panikattacken. Schlimme Beispiele gibt es zuhauf, ich erinnere nur an die Tragödie im Brüsseler Heysel-Stadion vor 30 Jahren.
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Kein Ort der Welt, an dem sich Menschenmassen ballen, kann absolut sicher sein. Wir wissen es und gehen dennoch ins Stadion, ins Kino, zum Open Air, zum Public Viewing. Lückenlose Sicherheitskontrollen sind kaum vorstellbar – oder wollen wir eine Dame der Gesellschaft vor dem Eingang zur Oper überall dort untersuchen lassen, wo sich Gefährdungsgut unterbringen lässt?
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Was uns, was mich am meisten verstört, ist der nackte Wahnsinn in den Köpfen vernunftbegabter Menschen, die mit all ihrem tödlichen Ernst glauben, als Massenmörder im Paradies von 77 willigen Jungfrauen verwöhnt zu werden. Ihr werdet euch wundern! Was glauben eigentlich mörderische Musliminnen wie jene von gestern in Paris? Dass sie im Paradies von so vielen California Dream Boys umtanzt wird wie ihr zerrissener Körper Stücke zählt?
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Mit der Bedrohung wächst vor allem die Gefahr der Massenpanik. Die Ameise stellt sich auch in Panik noch vorbildlich diszipliniert in der Schlange hinten an. Das hat für alle Ameisen den Vorteil, schneller aus der Gefahrenzone zu kommen, denn das Tempo der Schlange ist umso größer, je weniger der einzelne drängelt. Die Ameise hat’s seit Millionen von Jahren in den Genen, der Mensch kennt wildes Gedränge im Stadion erst seit zweitausend Jahren (Colosseum), bei ihm muss es im Kopf funktionieren – und mit durchdachten Fluchtwegen (die wir, heißt es, in unseren Stadien haben).
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Morgen spielt der HSV gegen Dortmund, am Samstag und Sonntag der Rest der Liga. Absagen sind keine Option. Einmal, wenigstens  einmal noch sollten wir auf  Franz Beckenbauer hören: »Geht’s raus und spuilt’s Fußball!« (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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