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Sonntag, 15. November, 6.40 Uhr

Beim Blick auf die Meldungen der Nacht wirkt die Welt fast schon wieder heimelig: “Benimm-Expertin hält wenig vom Jogginghosen-Verbot” oder “Katholische Schützenvereine öffnen sich für Schwule und Muslime” – das sind Probleme! Sie wirken grotesk biedermeierlich angesichts der Anschläge von Paris, die die Welt womöglich noch mehr verändern werden als das fast datumsgleiche 9/11.

Ist es auch angesichts des Grauens von Paris unangemessen selbstbezogene Biedermeierlichkeit, dass ich aufgeatmet habe, nachdem ich in buchstäblich letzter Sekunde eine Peinlichkeit verhindern konnte? Eigentlich hatte ich nicht vor, mir das Länderspiel am Freitag anzuschauen. Angesichts der Beliebigkeit des Tests, der Aufstellungen ohne Bestbesetzung und der bekannt unbequemen Spielweise der Franzosen, die der deutschen Mannschaft nicht liegt und kein attraktives Spiel verhieß, hatte ich Besseres vor und wäre auch früh schlafen gegangen. Ich hätte nichts von der Katastrophe mitbekommen, und in der Zeitung wäre meine Samstags-Kolumne zu lesen gewesen, mit dem letzten Absatz (siehe “gw-Beiträge Anstoß”, dort stehen die ursprüngliche und die geänderte Fassung), der – nach diversen Negativ-Themen – mit dem Einstieg beginnt: Wo bleibt das Positive? Gestern in Paris. Undenkbar.

Es wäre unvermeidbar gewesen, denn der Diensthabende in der Redaktion war kurz vor Redaktionsschluss mit den schlimmen Aktualitäten mehr als beschäftigt und hätte in der Hektik mit großer Sicherheit nicht gewusst oder sich nicht daran erinnert, was unten auf der Länderspiel-Seite im letzten Absatz des Sport-Stammtischs stand. Mich schüttelt es immer noch, wenn ich daran denke. Kleingeistige Selbstbezogenheit?

Ich sah mir das Spiel an, eher reiner Zufall als innere Unruhe wegen des letzten Absatzes, und als die erste Detonation zu hören war, dachte ich: Das wird doch wohl nicht … Dann die zweite. Dann die langsam, quälend langsame Wahrheit, scheibchenweise, die sich gegen und nach Ende des Spiels in die unfassbare Dimension steigerte. Was sollte ich tun? Als freier Mitarbeiter und als Ex-Chef der Sportredaktion? Zu Hause sitzend? Ich wusste, dass nur ein Redakteur in der Sportredaktion saß, dass der Redaktionsschluss praktisch schon vorbei war. Ich rief an, der Diensthabende (Danke, Ronny) erkannte meine Nummer (sonst hätte er in seinem Stress gar nicht abgehoben), ich bekam (durch meinen VPN-”Tunnel” in die Redaktion, den ein “normaler” freier Mitarbeiter nicht hat) ganz kurzen Zugriff auf die in Arbeit befindliche Seite … und saß nachts zu Hause alleine in meinem Arbeitszimmer vor meiner Kolumne und musste in Blitzesschnelle den letzten Absatz zeilenidentisch umformulieren … und saß … und dachte … und hatte eine Schreibblockade … Leere im Kopf … minutenlang, schien mir … in wachsender Panik (gleichzeitig denkend, dass Panik jetzt gerade eine unpassende Beschreibung war) … in der Realität aber nur zehn, zwölf Sekunden lang (aber auch das war schon zu lang) … friemelte schließlich Anfang und Ende des letzten Absatzes um, es hatte vielleicht eine oder zwei Minuten gedauert … atmete auf und wusste gleichzeitig, dass Aufatmen unangemessen war.

Gestern las ich von dem Shitstorm, der über die ARD gefegt ist. Und dachte an meine unprofessionelle Schockstarre. Wie hätte ich im Stadion, als Bartels, Opdenhövel oder gar als Nicht-Profi Scholl reagiert? Sicher nicht so angemessen wie sie. Wie als Nachrichten-Profi der ARD-Redaktionen, die Zugriff auf alle Informationen hatten und in das Programm eingreifen konnten? Da muss dann schon professionelle Kritik erlaubt sein, dass sie die Kollegen von Sport im Stadion allein ließen und ihnen noch lange, quälende Zeit nicht beisprangen. Irgendwo las ich, auf den Punkt gebracht: In der ARD sprach Stranzl, im ZDF Obama.

Ich enthalte mich dennoch der Kritik, immer noch an das eigene Dilemma denkend.

Vor einigen Tagen notierte ich mir den letzten Absatz (!) der “Memoiren” von Bertha von Suttner:

“So tollhäuslerisch hoch auch die Vorräte der gegenseitigen Vernichtungsinstrumente noch aufgetürmt werden, so furchtbar auch noch an einzelnen Stellen kriegerische Rückfälle vorkommen könnne  – Ich fürchte kein Dementi in den Geschichtsbüchern der Zukunft, wenn ich hier sage:

Der Völkerfriede ist auf dem Wege.”

Bertha von Suttner, Schriftstellerin (“Die Waffen nieder!”), Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin von 1908, schrieb dies im Juli 1908.

Das doppelte Dementi der Geschichte folgte. Ende offen.

Und mein kleinstgeistiges, selbstbezogenes, total unerhebliches Problem: Was schreibe ich in den Montagsthemen? Eine Sportkolumne? Oder eine überarbeitete Fassung dieses Blog-Eintrags?

 

Baumhausbeichte - Novelle