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Montagsthema (vom 16. November)

Der letzte Absatz. Als ich ihn am Freitag für den samstäglichen »Sport-Stammtisch« verfasste, war die Welt eine andere als die, welche ich am Sonntag beim Schreiben der »Montagsthemen« vorfinde. Dennoch wirkt sie scheinbar schon wieder heimelig, wenn ich Schlagzeilen wie diese lese: »Benimm-Expertin hält wenig vom Jogginghosen-Verbot« oder »Katholische Schützenvereine öffnen sich für Schwule und Muslime« – das sind Probleme! Krampfiges Biedermeier angesichts der Anschläge von Paris, die die Welt womöglich noch mehr verändern werden als das fast datumsgleiche »9/11«.
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Man stelle sich bloß vor, der Selbstmordattentäter, der offenbar ins Stadion wollte, wäre nicht von einem aufmerksamen Ordner abgewiesen worden … nein, man stelle es sich lieber nicht vor. Ist es angesichts des Grauens von Paris kleingeistige Selbstbezogenheit, dass ich aufgeatmet habe, nachdem ich in buchstäblich letzter Sekunde eine schlimme Peinlichkeit vermeiden konnte? Eigentlich hatte ich nicht vor, mir das Länderspiel anzuschauen. Angesichts der Aufstellungen ohne Bestbesetzung und der bekannt unbequemen Spielweise der Franzosen, die der deutschen Mannschaft nicht liegt und kein attraktives Spiel verhieß, hatte ich Besseres vor und wäre auch früh schlafen gegangen. Dann aber hätte am Samstag der letzte Absatz – nach diversen Negativ-Themen – mit dem arglos die deutsch-französische Freundschaft feiernden Einstieg begonnen: Wo bleibt das Positive? Gestern in Paris.
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Undenkbar. Aber unvermeidbar, denn der Diensthabende in der Redaktion war extrem kurz vor Redaktionsschluss mit den schlimmen Aktualitäten mehr als beschäftigt und hätte mit großer Sicherheit nicht daran gedacht, was der Ruheständler und freie Mitarbeiter »gw« im letzten Absatz der dort schon viele Stunden zuvor platzierten Kolumne geschrieben hatte.
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Ich sah mir das Spiel dann doch an. Innere Unruhe? Mulmiges Gefühl? Eher reiner Zufall. Als die erste Detonation zu hören war, dachte ich: Das wird doch wohl nicht … Dann die quälend langsam angedeutete Wahrheit, scheibchenweise, die sich gegen und nach Ende des Spiels in die unfassbare Dimension steigerte.
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Was sollte ich tun? Ich wusste, dass der Redaktionsschluss praktisch schon vorbei war. Ich rief dennoch an, der Diensthabende (Danke, htr!) gab mir  ganz kurzen Zugriff auf die für den Druck schon fertige Seite, und ich saß nachts zu Hause in meinem Arbeitszimmer … musste in Blitzesschnelle den letzten Absatz zeilenidentisch umformulieren … und saß … und hatte eine Schreibblockade … Leere im Kopf … gefühlte Stunden vergingen, in der Realität aber nur eine oder höchstens zwei Minuten … friemelte schließlich Anfang und Ende des letzten Absatzes notdürftig um, wenige Worte nur … atmete auf und wusste gleichzeitig, wie unangemessen mein Aufatmen war.
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Tags darauf las ich von dem Shitstorm, der über die ARD gefegt ist. Und dachte an meine unprofessionelle Schockstarre. Wie hätte ich im Stadion reagiert, als Bartels, Opdenhövel oder gar als journalistischer Nicht-Profi Scholl? Gewiss nicht so angemessen wie diese. Was hätte ich als Nachrichten-Profi der ARD getan, der Zugriff auf alle Informationen hat und in das Programm eingreifen kann? Da muss dann schon professionelle Kritik erlaubt sein, dass er bzw. sie die Kollegen von Sport im Stadion allein ließen und ihnen noch lange, quälend lange nicht beisprangen. Irgendwo las ich, auf den Punkt gebracht: In der ARD sprach Martin Stranzl, im ZDF Barack Obama. Ich enthalte mich dennoch der Kritik, immer noch an das eigene nächtliche Dilemma denkend.
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Auch für Jean Todt habe ich Verständnis. Der französische Automobil-Weltverbandschef verglich die Katastrophe mit den vielen Verkehrstoten, für die sowieso eine Schweigeminute vorgesehen sei. Nicht böswillig, nicht unsensibel, sondern trottelig. Dafür bekommt er Prügel. Nicht von mir, denn Trotteligkeiten erinnern mich an … mich. Sie haben auch einen Namen: Philipp-Jenninger-Syndrom. Spätgeborene mögen den Namen bitte googlen.
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Vor einigen Tagen notierte ich auf meinem Themenzettel  den letzten Absatz (!) der soeben gelesenen »Memoiren« von Bertha von Suttner:
So tollhäuslerisch hoch auch die Vorräte der gegenseitigen Vernichtungsinstrumente noch aufgetürmt werden, so furchtbar auch noch an einzelnen Stellen kriegerische Rückfälle vorkommen können – ich fürchte kein Dementi in den Geschichtsbüchern der Zukunft, wenn ich hier sage: Der Völkerfriede ist auf dem Wege.
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Bertha von Suttner, Schriftstellerin (»Die Waffen nieder!«), Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin von 1908, schrieb diesen letzten Absatz im Juli … 1908. Das doppelte Dementi der Geschichte folgte sogleich. – Der letzte Absatz wird immer neu geschrieben. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle