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Sport-Stammtisch (vom 14. November)

Wer dieses Land im Herbst 2015 unvoreingenommen beobachtet, sei es von außen oder von innen, der muss lachen, wundert sich … oder bekommt es mit der Angst zu tun. Nirgendwo ist der Weg von einem ins andere Extrem kürzer als hierzulande. Dass Flüchtlingsbeseelte Blumen-Spalier für Asylsuchende standen, gerührt vor allem von sich selbst, nun aber versuchen, die Tore, die man selbst sperrangelweit geöffnet hat, wieder notdürftig zu schließen … ach, das Thema ist zu groß, zu existenziell für eine kleine Sportkolumne.
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Wir finden das beste Beispiel ja im eigenen Bereich. Da galt der DFB jahrelang als Vorzeige-Verband und Franz Beckenbauer als seine und unsere Lichtgestalt, und jetzt wirkt der »Kaiser« wie der Häuptling einer Räuberbande. In der Mitte lag schon immer die Wahrheit, und dort liegt auch der uns Deutschen zu empfehlende Weg. Im Sport und anderswo.
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Nicht die Dinge haben sich geändert, sondern die Sicht auf sie. Aber nicht meine. So blieb mir, als nach der WM-Wahl im Jahr 2000 die Euphorie groß war, nur Ironie: »Da Deutschland gewonnen hat, ging natürlich alles mit rechten Dingen zu. Also: nix Mauschelei, nix Bestechung, alles nur kaiserliche Gnade.« Ich erinnerte auch schon früh an das Bild, als auf Samoa ein gewisser Mister Dempsey verlegen grinsend halb nackt vor einem korrekt gekleideten Gentleman namens Beckenbauer tanzte, der ihn herablassend, aber nachdenklich ansah: »Und so begann das Sommermärchen schon sechs Jahre zuvor einfach märchenhaft.«
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Ich weiß, dass Selbstzitierung als unangenehm wirkende Besserwisserei ankommen kann. Entschuldigung, dass ich sie mir nicht verkneifen konnte. Zum Ausgleich gebe ich zu, dass ich von einer Entwicklung, die alle anderen unüberrascht hinnehmen, total überrumpelt bin. Ich hätte nie! nie! nie! gedacht, dass die »Bild« -Zeitung den »Kaiser« fallen lässt. Zwar entsorgt »Bild« bisweilen verhätschelte Lebensabschnittspartner (Wulff!) kalt lächelnd vor der Haustür des eigenen Boulevards, macht sie dort platt und tritt sie breit, aber dass nun auch Beckenbauer geopfert wird – das für mich Undenkbare ist geschehen. Er schien mit »Bild« in einer lebenslangen Einehe verbunden, inniger als jedes Graugans-Paar – und nun das!
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Das Sommermärchen war kein Märchen, sondern Selbstberauschtheit (siehe oben), daher haben sich (dito) nicht die Dinge geändert, sondern die Sicht auf sie. Nur beim »Kaiser« geht es wie im Märchen weiter, allerdings von hinten nach vorn: vom Prinz zum Frosch. Nun quaken alle um ihn herum, aber er bleibt stumm. Und wenn ihn jemand küsst, dann einer von den Freunden der italienischen Oper.
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Die ehrenwerte Gesellschaft hat viele Gesichter, in der Leichtathletik wahrscheinlich mehr, als diese an olympischen Disziplinen aufweist. Vermutlich fast so viele, wie es medaillengeile Länder gibt. Sie tragen die gleiche Maske vor dem Gesicht, doch zum innermafiösen Konkurrenzkampf gehört, dass manchmal eine Maske heruntergerissen wird. Wer aber Russland wegen organisierten Dopings ausschließen will, muss auch die USA ausschließen (Stichwort Balco), wer die USA ausschließt, muss auch, Stichwort Freiburg … huch! Dann doch lieber Maskenball?
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Bestechung hier, Doping dort. Zwei Seiten einer Medaille. Beide besitzen eine Gemeinsamkeit, die gerne übersehen wird: Doping ist das, was auf der Dopingliste des Sports, Bestechung das, was im Gesetzbuch des Staates steht. Auf beiden Seiten gibt es daneben ein weites Feld, auf dem gedeiht, was auf keiner Liste steht, vom naiven Betrachter aber als Doping oder Bestechung empfunden wird, wie Nikes High-Tech-Haus in Oregon oder deutsche Panzer in Saudi-Arabien.
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Und wo bleibt das Positive? In Paris. Zwar weiß ich beim Schreiben dieser Zeilen nicht, wie es dort auf dem Fußballplatz zugegangen ist, aber dieses Länderspiel gibt wieder einmal Anlass, das Glück der deutsch-französischen Freundschaft und, trotz des aktuellen Gezerres, des friedlich vereinten Europas zu empfinden. Daher erinnere ich noch einmal an das, was 1935 im »Reichssportblatt«, dem »Kicker« dieser Zeit, im Vorbericht zu einem Fußball-Länderspiel in Paris zwischen Deutschland und Frankreich zu lesen war. Da sollte der Torwart »eiserne Wacht« halten, die Halbzeiten hießen »Kampfabschnitte«, und der Schreiber hörte »wohl schon halb unbewusst das Knattern der Gewehre, das Geratter der Maschinengewehre und den Donner der Geschütze«. Er erinnerte seine Leser an die Zeit, »als wir nach Frankreich fuhren« und mahnte sie, »dass man die Männer nicht vergessen soll, die ihr Leben für euch gelassen haben«. Im ersten großen Krieg. Der zweite folgte. Ich bin ein Europäer! (gw)

 

Nachtrag um 23.30 Uhr: “Wo bleibt das Positive? In Paris.” Das konnte so natürlich nicht stehen bleiben. Für die morgige Ausgabe habe ich soeben den Schluss geändert, in aller Hast, denn ich hatte weniger als zwei Minuten Zeit dafür:

Diese Kolumne schrieb ich vor dem Spiel. Im letzten Absatz stand: »Zwar weiß ich beim Schreiben dieser Zeilen nicht, wie es dort auf dem Fußballplatz zugegangen ist, aber dieses Länderspiel gibt wieder einmal Anlass, das Glück der deutsch-französischen Freundschaft und, trotz des aktuellen Gezerres, des friedlich vereinten Europas zu empfinden. Daher erinnere ich noch einmal an das, was 1935 im ›Reichssportblatt‹, dem ›Kicker‹ dieser Zeit, im Vorbericht zu einem Fußball-Länderspiel in Paris zwischen Deutschland und Frankreich zu lesen war. Da sollte der Torwart ›eiserne Wacht‹ halten, die Halbzeiten hießen ›Kampfabschnitte‹, und der Schreiber hörte ›wohl schon halb unbewusst das Knattern der Gewehre, das Geratter der Maschinengewehre und den Donner der Geschütze‹. Im ersten großen Krieg. Der zweite folgte.«
Klingt makaber, angesichts der Ereignisse. Um so eindringlicher wiederhole ich den Schlusssatz: Ich bin ein Europäer!
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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