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Dienstag, 10. November, 8.45 Uhr

Der KZ-Amoklauf des Katzenkrimi-Schreibers. Seltsames Coming-out eines Fremdländischen gegen alles Fremdländische und ihm Fremde (Frauen, Schwule etc.). Wäre ich sein Psychiater, würde ich die Diagnose stellen: Cherchez la femme! Seit seine Frau ihn verlassen hat, dreht er durch. Sein Geschrei nur ein Schrei nach Liebe, ein Sichsuhlen in Selbstmitleid, Liebeskummer in extremis? Komm zurück, und alles ist gut und ich werde wieder gut? Gut, dass ich kein Psychiater bin. Die Patienten würden mich einliefern.

Zu den Kandidaten auf die Niersbach-Nachfolge zählen auch Bruchhagen und Sammer, also auf meiner Gefühlsskala die best- und schlechtestmögliche Wahl. Wenn es Bruchhagen wird, kommt dann Sammer als sein Nachfolger zur Eintracht? O Schreck o Graus. Und bringt Loddar als Trainer mit? Wenn ich mit diesem Entsetzen weiter Scherz treibe, liefern mich die Eintracht-Fans ein.

Mit Entsetzen Scherz treiben, das ist die vielleicht treffendste Definition von schwarzem Humor.  Meister aller Klassen dieses Genres war “unser” Matthias Beltz. Der hat ja nicht nur den Wiener OB, der nach einem Briefbomben-Attentat eine Hand verlor, in einen Second-Hand-Shop geschickt, sondern auch (ich erinnere mich wegen Sammer) in einer unserer Jahresendzeitkolumnen(Dezember 2000)  mit ihm und Matthias Altenburg (heute besser bekannt als Jan Seghers) als Muppet-Opa-Duo und mir als juxend empörten Moderator für diese Schote gesorgt:

 

Beltz: »Ja, im Dezember war es sehr schön, da hab ich gesehen, wie Matthias Sammer und Marius Müller-Westernhagen zusammen bei Beckmann in der Show waren. Da wurde mir klar: Westernhagen und Sammer, das ist was für die Politik – zwei Dumpfbacken, die dermaßen aufrichtig vor sich hin quallen können, also das kriegt ja keiner aus der Bundesregierung hin. So ein betroffenes Pack! Und dann haben sie anschließend noch einen Gelähmten reingeschoben, einen gelähmten Neger

Jetzt muss ich aber . . .

Altenburg: »Das war der neue Kulturminister…«

. . . wirklich mal . . .

Beltz: »Genau, das war der Nachfolger vom Naumann.«

. . . protestieren . . .

Altenburg: »Wie heißt der? Schlumpf-Rübelschweiß?«

. . . gegen Ihre Wortwahl und Gesinnung . . .

Beltz: »Und Beckmanns Gesicht dazu! Dann: extra kein Publikum, damit die nicht dauernd dazwischenlachen. Das war so eine Form von deutscher Hochkultur, also das hat mir gefallen. Das war für mich der Höhepunkt des Dezembers.«

. . . aber das hat ja keinen Zweck, auf mich hört hier ja keiner. Ab sofort wird zensiert.

 

Könnte man sich heute nicht mehr leisten.

Noch ein Kandidat: Rauball. Tritt er an, gewinnt er auch. Auch bei ihm läuft die Erinnerungsmaschine an: Grauer-Markt-Affäre mit seinem Bruder, Kurzzeit-Justizminister unter Clement … da fällt mir natürlich zuerst dessen Zäpfchen ein. Noch’n Rückblick auf gw-Kolumnen (aus dem Jahr 2003):

Saufen mit Clement. Am Montag gelesen in einem Spiegel-Artikel über das Bierdeckel-Kabinett, von dem wir regiert werden: »Schröder imponierte, dass Clement ein Glas Bier schneller austrinken kann als andere ein Glas Schnaps. Das liegt daran, dass Clement nicht schlucken muss, wenn er trinkt. Clement kann das Zäpfchen in seinem Rachen nach oben klappen und die Flüssigkeit einfach laufen lassen.« Herrlich. Aber mittlerweile kennt’s jeder. Die Spiegel-Leser sowieso, die Bild-Leser auch, weil ihr berühmt-berüchtigter Kolumnist Franz Josef Wagner den Spiegel schon vorab lesen konnte, und als dann am Dienstag bei Harald Schmidt der Programmpunkt »Saufen mit Clement« angekündigt wurde, wusste ich: Wenn ich mehrere Tage nach Spiegel, Bild und Late-Night-Show auch noch auf Clements Zäpfchen herumkaue, es beispielsweise sportlich mit der Bierstaffel-Trainingslehre verwurste, dann bin ich doch nur Gossen-Goethe Wagners und Gosch’n-Goethe Schmidts mickriges Eckermännchen.

 

Und auch zu Rauball noch ein Blick ins eigene Archiv. Er war ja nicht nur NRW-Justizminister, sondern auch Krabbe-Verteidiger im ersten Verfahren. Nach dem zweiten Fall Krabbe  hatte ich 1992 meine logische Freude::

Dr. Reinhard Rauball, dem Krabbe-Verteidiger in Darmstadt und London, ist womöglich ein Kunstfehler unterlaufen: »Nachdem ich mich vier Monate täglich mit dem Fall beschäftigt habe, kann ich nicht glauben, mit welcher Geschwindigkeit die Sprinterinnen rückfällig geworden sind«. »Rückfällig geworden« – woher weiß er das? Hatte er damals wider besseres Wissen verteidigt, oder ging jetzt mit dem Juristen der unjuristische Gaul durch? Noch ein kleiner Rauball-Schnitzer: Er will »grundsätzlich nicht mehr gegen die persönliche Überzeugung handeln«. »Nicht mehr«?

Alles Material für die nächste Kolumne, also wieder einmal Blog als Stein(es)bruch? Mal sehen. Zunächst kommt aber die Kolumne mit der “Wer bin ich?”-Auflösung. Bereite ich heute vor, schreibe ich morgen, erscheint am Donnerstag.

Apropos Stein(es)bruch: Ich habe die Chefin um Rat gefragt, ob ich als Thema meiner nächsten “Nach-Lese” fürs Feuilleton (5. Dezember) über Sprache, Sprachverwirrung, Sprachpuristen schreiben soll (ich hätte hübsche Beispiele), also eher harmlos (obwohl deutsche Sprachwächter das alles anders als harmlos finden), oder ob ich den Blog-Eintrag vom Sonntag (Flüchtlinge, Hass und Gewalt) ausarbeiten und -formulieren sollte, mit Ausflügen in die Vergangenheit (der Hiroshima-Bomberpilot, das Milgram-Experiment, Arno Gruen). Sie hat das heikle Thema angeordnet.

Warum schreibe ich heute früh so viel? Der Psychiater in mir weiß es: Weil ich es aufschiebe, hinaus zu müssen und körperlich zu arbeiten. Zum Beispiel die schweren Oleander-Töpfe in die “Limonaia” zu hieven, wo sie ein halbes Jahr lang winterschlafen werden. Und Laub aus dem Teich holen. Und etwa eine Tonne Nussbaum-Laub zusammenkehren. Und etwa eine Tonne Kastanienbaum-Laub zusammenkehren. Ist ja alles bei dem Wind runtergekommen. Und das sind nur drei von zig Tages- bzw. Herbstordnungspunkten auf meiner Agenda. Jetzt muss ich raus.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle