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Sonntag, 8. November, 6.25 Uhr

“Man wird ja doch noch sagen dürfen” … und dann folgt das, was man schon immer sagen durfte.

Man wird ja doch noch sagen dürfen, dass “man wird ja doch noch sagen dürfen” den das ja noch  sagen Dürfenden kenntlicher kennzeichnet als das, was er nach  ”man wird ja doch noch sagen dürfen” sagt.

Es ist eine Geisteshaltung, die es schon immer gab, latent im Volk steckend und in schlimmen Extremen eruptiv ausbrechend. Den schlimmsten Moment haben wir hoffentlich schon hinter uns, der dauerte nicht tausend, sondern nur ein Dutzend Jahre, einerseits, wirkt andererseits aber noch mindestens tausend Jahre lang nach.

Was wir jetzt erleben, unterscheidet sich fundamental von anderen Krisen und Krisenursachen. Die, über die wir lustvoll diskutieren und schwadronieren, berühren nicht unseren Kern. Mein alter Gag der Definition von “Ambiente”  (das Innedrin vom Drumherum) ist umgedreht vielleicht treffender: das Drumherum ums Innedrin. Drumherum, das sind FIFA, DFB, VW, Streiks, Klimawende-Furor usw. Innedrin aber fühlten wir uns sicher und behaglich.

Das ist vorbei. Einen anderen alten Satz schrieb ich, als Angela Merkels Einladung an alle Mühseligen und Beladenen der Welt (so wurde er von diesen jedenfalls aufgefasst) noch gar nicht ergangen war: Wir leben in zwei Zeitaltern, dem der Völkerwanderung und dem der Dekadenz; das eine wird das andere beenden. Die Kanzlerin hat dann nur noch den Turbo gezündet.

Jetzt lese ich, dass “Völkerwanderung” eine Art Kampfbegriff sei, den die Bösen verwenden und die Guten bekämpfen. Also wieder das bewährte Schubladendenken. Doch wer könnte behaupten, dass wir NICHT in einem Zeitalter der Völkerwanderung leben? Und zwar erst zu Beginn einer Völkerwanderung, die bereits vor fünfzig Jahren begonnen hat, gemächlich, verkraftbar und mit potenziell positivem Effekt auf die endreife (= dekadente) Altbevölkerung, die jetzt aber rasante Fahrt aufgenommen hat (die Völkerwanderung, nicht die Altbevölkerung)? Mit programmiertem Crash und Survival der Fittesten. Wer sind die Fittesten? Wir nicht.

Ich bin weit davon entfernt, mich von den “Man wird ja doch noch sagen dürfen”-Wollern vereinnahmen zu lassen. Da ich mit keinem Haufen raufe und eher wie ein Insektenforscher die Welt um mich herum beobachte, stelle ich jetzt auf einmal fest, dass plötzlich die herzensbewegtesten Flüchtlingsromantiker “ganz nahe bei mir” sind. Denn nach dem fatalen Öffnen der “Wir schaffen das”-Büchse geht selbst den gutwilligsten Öffnern auf, dass die Büchse schnell wieder geschlossen werden muss. Geht natürlich nicht mehr, aber sie drücken und drücken und kommen auf Ideen, die menschlich schäbig, aber offenbar mehrheitskompatibel sind: Nachdem wir am Hindukusch unsere Freiheit verteidigt haben, mit Hilfe vieler Afghanen (Dolmetscher und sonstige – in den Augen der Taliban – Kollaborateure), und mit dem gesamten Westen schmählich gescheitert sind, sollen afghanische Flüchtlinge, die zu den am Leib und Leben Bedrohtesten überhaupt gehören, kein Asyl mehr bekommen, und Syrer, deren Land nicht ohne westliches Zutun zerstört wurde, sollen keine Familienangehörige nachholen dürfen. Wer das vor einem Jahr vorgeschlagen hätte, wäre zu Recht in die dumpfeste Ecke gestellt und verachtet worden.

Auch Griechenland hat Völkerwanderungen hinter sich. In jüngerer Zeit, so ab 1960,  durch Wirtschaftsflucht in alle Welt, wo in der Diaspora fast schon mehr Griechen leben als in ihrem Heimatland. In alter Zeit … aber da käme ich zu einem besonders heiklen Thema. Als unsere alten Griechenland-Romantiker das Land mit ihrer berauschten Seele suchten und das klassische Hellas in seiner bzw. ihrer edlen Einfalt und stiller Größe fanden, hatte die Völkerwanderung Land und Leuten schon längst ein (buchstäblich) anderes Gesicht gegeben.

Aber bevor ich mich weiter verirre und in irgendeine Schublade reinreite, sollte ich mir lieber Gedanken um den Sport machen und was ich montagsthematisch schreiben könnte. Zu diesem Drumherum habe ich aber noch keine einzige Idee, da das Innedrin mir keine Ruhe gelassen hat. Bewährtes Rezept: SZ von gestern, FAS von heute früh, Kaffee, Kuchen, Knicks – und dann hat der Sport das Wort.

Baumhausbeichte - Novelle