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Sport-Stammtisch (vom 7. November)

Das FIFA-Syndrom lauert überall, nicht nur im Fußball, nicht nur im DFB. Beispiel Leichtathletik: Gegen Lamine Diack, Ex-Präsident des Weltverbandes IAAF, wird wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche ermittelt. Eine Nachricht, die kaum noch interessiert. Fast wie »Hund beißt Mann«.
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Was ist ein Syndrom? In der Fülle meines Wikipedia-Wissens weiß ich: Das Wort kommt aus dem Griechischen und umfasst das »gleichzeitige Vorliegen verschiedener Krankheitszeichen, sogenannter Symptome«. Apropos Griechenland: Im Fenchel-Feld fällt morgen der Startschuss auf der Originalstrecke von Marathon (heute Marathonas = Fenchel-Feld) nach Athen. Doch nach Hellas später.
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Bestechlichkeit und Geldwäsche sind nur zwei von vielen Symptomen eines Syndroms, das vor allem im Sport ein ideales Biotop findet – weil es nirgendwo leichter ist, an Macht und Geld zu kommen, als im mediokren Umfeld großer Sportverbände.
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Borniert und selbstherrlich waren sie schon immer. Nicht alle, wahrscheinlich auch nicht die Mehrheit, aber zumindest viele, die an Schalthebel der Macht und Zugriff auf die Kasse gekommen sind. Da fällt mir, anlässlich von Gerd Müllers traurigem 70. Geburtstag, als kleine, aber bezeichnende Randnotiz das Bankett nach dem WM-Sieg 1974 ein: für Spielerfrauen verboten. Schon damals, in genderlosen Zeiten, ein Affront durch den verspießerten, arroganten Altmännerbund DFB.
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Allerdings trat der »Bomber« nicht, wie die Müller-Legende es will, wegen des Bankett-Skandals aus der Nationalelf zurück, denn den Entschluss hatte er schon Tage zuvor intern angekündigt. Er schimpfte aber öffentlich wie ein Rohrspatz, auch mit der hübschen Formulierung: »Was man mit unseren Frauen getan hat, geht über die Hutschnur.« Vom DFB fühlte er sich »arg enttäuscht« und gab dies auch zu Protokoll. Überhaupt ließ sich Müller  nichts gefallen. Als er in München erstmals ausgewechselt wurde, verlangte er die sofortige Freigabe und wechselte in die USA. Später behauptete er, heutzutage würde er noch mehr Tore schießen als früher. Warum ich das aus meinem Gedächtnis krame? Weil die Legende vom schüchternen, bescheidenen, naiven, weltfremden, mit Geistesgaben nicht verschwenderisch ausgestatteten und allzu braven Gerd Müller … eben nur eine fromme Legende ist, die dem ersten Anführer einer Palast-Revolution gegen die DFB-Granden nicht gerecht wird.
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Allerdings – im Vergleich zu, sagen wir einmal: Karim Benzema – wirkte der Ausnahmestürmer Gerd Müller im außerfußballerischen Leben trotz seiner Alkoholprobleme wie ein Ausbund an Bravheit. Dem Franzosen wird Beihilfe zur Erpressung mittels eines Erotik-Videos vorgeworfen, was ich jedoch, ohne jede weitere Kenntnis des Falles, energisch bestreite. Denn mit Erotik hat dieses Video ganz gewiss nichts zu tun.
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Aber selbst diese ekelhafte Geschichte wirkt im Vergleich zur Kriminalitäts-Statistik in US-Profiligen wie eine Bagatelle. So verging seit sechs Jahren kein Monat, ohne dass irgendein aktiver oder ehemaliger NFL-Spieler verhaftet worden wäre. Jüngster Fall: Antony Smith, früher Oakland Raiders, soll drei Männer entführt, gefoltert und ermordet haben.
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Auch in der NBA fallen überdurchschnittlich viele Profis irgendwann durch kriminelle Handlungen auf. Meist genau durch  jene Symptome (»gewalttätiges, aggressives und antisoziales Verhalten«), deren Ursache jetzt eine Studie herausgefunden haben will: Wessen Herz weniger als 60 Mal in der Minute schlägt, wird mit um 39 Prozent erhöhter Wahrscheinlichkeit eher zum Gewalttäter als ein Mensch mit Puls über 83.
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Kaltblütig = Killer? Bevor ich mir (Frequenz um die 50) darüber Gedanken mache, denke ich an die Worte von Holger Geschwindner, der einmal den Ruhepuls seines Schützlings verraten hat: 39. Und wer ist weniger gewalttätig, aggressiv und antisozial als Dirk Nowitzki?
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Apropos Geschwindner: Physiognomisch könnte er als Doppelgänger von Yanis Varoufakis durchgehen, und wenn man liest, wo und wie viele Vorträge und Interviews der griechische Ex-Finanzminister fast gleichzeitig hält und gibt, könnte man fast vermuten, Geschwindner sei im Namen des Herrn V. unterwegs. Der hat viele Vorschläge zur Behebung der griechischen Krise (ja, die gibt’s noch!), aber ich habe einen besseren, zumal er doppelt wirksam wäre: Mit dem Geld, das bisher in griechischen Kanälen versickert ist, hätte man alle Flüchtlinge, die schon hier angekommen oder noch auf dem Weg sind, auf den vielen unbewohnten oder fast entvölkerten Inseln in der Ägäis ansiedeln und dort eine Infrastruktur schaffen können, die Griechenland auf die Beine bringen und den Flüchtlingen eine Perspektive geben könnte.
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Aber das ist auch nur eine von vielen hilflosen Stammtisch-Ideen, ein Problem lösen zu wollen, gegen dessen Dimension alle Schlagzeilen über FIFA, DFB und auch VW nur nach »Hund beißt Mann« klingen. Bei VW allerdings lediglich als Abkürzung für Volkswagen. Nicht für die Völkerwanderung. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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