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Fußballosophie (“Anstoß” vom 5. November)

Fußball. Fast alle Geistesgrößen haben sich über diesen Sport den Kopf zerbrochen. Später mussten sie ihre Erkenntnisse auf Druck unsportlicher Berater leicht umformulieren. So sagte Karl Marx im Original: »Der Fußball ist der Seufzer der bedrängten Kreatur. Er ist das Opium des Volkes.« Erst später ließ sich Marx zähneknirschend überreden, das Wort »Fußball« durch »Religion« zu ersetzen.
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Schon Thomas Hobbes kannte die Psyche des kickenden Profis: »Der Fußballer (später: ‘der Mensch’) im Naturzustand ist ein egoistisches, nur auf sich selbst bezogenes, hilfloses Wesen.« Auch ein Philosoph der Neuzeit, der sonst stets dunkel raunende Wittgenstein, folgerte glasklar: »Der Fußball (danach ‘die Welt’) ist alles, was der Fall ist.«
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Sogar Parkinsons Gesetz wurde schon in weiser Voraussicht auf EM-Qualifikation und Europacup-Gruppenphase formuliert: »Der Fußball (später verfälscht in ‘die Arbeit’) wächst stets in dem Maße, dass er die zu seiner Fernseh-Versendung (früher: ‘Verrichtung’) zur Verfügung stehende Zeit ausfüllt.«
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Für Heraklit war der Kampf der Vater aller Dinge, und daher rufen noch heute Tausende seiner späten Schüler auf der Tribüne: »Wir woll’n euch kämpfen sehen!« Auch andere Fußball-Leitthesen Heraklits überdauerten unbeschadet die Zeiten. Er wusste schon vom Vorteil der Rotation (»Nichts ist so beständig wie der Wechsel«), spornte junge Talente an (»Der kürzeste Weg zum Ruhm ist, gut zu werden«), und allen Fans, die unter tabellarischen Berg- und Talfahrten ihrer Klubs leiden, gibt er noch heute zu bedenken: »Es ist derselbe Weg, der nach oben und nach unten führt.«
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Woran erkennt man einen Klassefußballer? Goethe erklärt es uns mit Hilfe der im Sport zweihundert Jahre später zum Modewort gewordenen Antizipation: »Dem echten Fußballer (später verändert zu: ‘dem echten Dichter’) ist die Kenntnis der Welt angeboren, zu seiner Darstellung benötigt er keinesfalls viel Erfahrung. Er besitzt die Kenntnis durch Antizipation.« – Goethe muss den unvergleichlichen Lionel Messi vorausgeahnt haben!
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Peter Sloterdijk, neudeutscher Gebrauchsphilosoph, sieht im Fußball »ein Spiel, bei dem unsere alten protoartilleristischen Jagderfolgsgefühle imitiert werden können«. Denn: »Da wird das älteste Erfolgsgefühl der Menschheit reinszeniert: mit einem ballistischen Objekt ein Jagdgut treffen, das mit allen Mitteln versucht, sich zu schützen.« Weia.
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Echten Fußball-Haudegen leuchtet eher ein, wie ein Fast-Namensvetter Sloterdijks, der Niederländer Frederik Jacobus Johannes Buytendijk, das männliche Alleinstellungsmerkmal des Fußballs im Vergleich zu Hand-Ballspielen postuliert, bei denen es ums Fangen (Empfangen!) gehe: »Der Fuß bedeutet Treten«. – Mein alter Freund Brockhaus macht den Zusammenhang noch deutlicher: »Treten: Begattungsakt bei Vögeln.« (übrigens eine grammatisch korrekte Definition, denn mit einem dem »bei« angehängten »m« wär’s ein weißer Schimmel).
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Buytendijk war auch Vorsitzender der Katholischen Vereinigung für Geistige Volksgesundheit. Der alte Heuchler! Typisch. Wahrscheinlich hat er auf der Kanzel gegen den Werbespot für einen Sport-BH (»Only the ball should bounce«) gezetert – und wäre dann schnell zum Kichern in den Keller gelaufen.
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Nur der Ball soll hüpfen. Der (und nicht die »balls«) war für Nikolaus von Kues schon im 15. Jahrhundert Symbol der göttlichen und der mathematischen Vollkommenheit. Trotzdem rolle er nach dem Zufallsprinzip. Der Ball verkörpert, so der alte Niki, die Ordnung des Raumes, schafft aber durch sein Rollen Unordnung. Sepp Herberger, ein Nachfolger im Geiste des Nikolaus, wusste daher, dass der Ball rund und das nächste Spiel immer das schwerste ist.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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