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Montagsthemen (vom 2. November)

Wer sich auf das Spiel der Bayern einlässt, ist rettungslos verloren. Deren Fußball in Vollendung fegt jede mitspielende Gegenwehr hinweg. Von daher klingt die Münchner Jammerei über hessische Maurer nicht nur jämmerlich, sie ist es auch. Denn zum Wesen des Fußballs gehört, dass jeder im Rahmen der Regeln sein eigenes Spiel durchzubringen versucht. Wie kürzlich Arsenal. Wie am Freitag die Eintracht.
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Schon Karl Marx, der Cheftrainer des Sozialismus, verfocht die Spieltheorie: »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.« Von Stalin später in der sowjetischen Verfassung umgewandelt in: »Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Von daher hätten die Eintracht-Profis eine wahre Völlerei verdient. Obwohl: »Völlerei« – das Wort wandelt sich immer mehr zum echten Homonym wie »Tau« (Seil/Niederschlag) oder »Bauer« (Vogel/Landwirt), in seiner zweiten Bedeutung betrifft es nicht die Eintracht, sondern Schiedsrichter Graefe. Doch dazu später.
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Zurück zum Sensationspunkt. Auch der widerlegt in der Praxis die sozialistische Theorie. Frankfurt kam zum Teilerfolg, gerade weil die Eintracht zwar nach ihren Fähigkeiten spielte, aber nicht nach den Bedürfnissen der Bayern. Die wiederum können zwei verlorene Bundesliga-Punkte leicht verschmerzen, müssen aber aufpassen, dass sie aus ihrer himmelhohen Überlegenheit nicht später in Europa bruchlanden. Das wäre ihr Super-GAU, alle vorherigen Erfolge nur Makulatur. Übrigens  ein allgemeines deutsches Problem, aber das nur am Rande.
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Außerdem gab es für die Bayern keinen Grund zur Klage, denn wer hatte die einzig richtig gute Chance? Marc Stendera! Nach einem (wieder einmal!) skurrilen Patzer von Manuel Neuer. Zudem wäre ihnen nach meinem Fairness-Verständnis ein Punktabzug sicher. Wegen Robbens (wieder einmal!) ebenso alberner wie unsportlicher Schwalbe.
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Und damit zur Völlerei im Sinne von Wutreden gegen Schiedsrichter und sonstige Netzereien (erinnern Sie sich an die Premiere bei Weißbier-Waldi?). Natürlich ist Rudi Völlers Wut verständlich. Aber Graefe entschied nach Wissen und Gewissen, er fragte ja sogar bei den Spielern nach. Doch auch Schürrle und Kampl ist kein Vorwurf zu machen, sie hätten nach schlechtem Liga-Vorbild Gegensätzliches behaupten können, gaben aber glaubwürdig Unwissen zu.
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Graefe hätte nur bei dem nachfragen müssen, bei dem er es nicht darf, obwohl dessen Antwort alle anderen im Stadion kannten. »Der« ist eine »die«, denn es geht nicht um den Video-BEWEIS, sondern um die Video-HILFE. Also nicht um den letztgültigen elektronischen Oberschieri, sondern um einen visuellen Assistenten zur Meinungsbildung des in seiner finalen Tatsachenentscheidung unabhängigen Schiedsrichters.
Upps! Doch wieder bei einem Thema gelandet, das wegen Überbeanspruchung für mich tabu sein sollte. Mit einem letzten Schlenker weg davon: Wer die Video-Hilfe ablehnt, wie viele Altvordere, fördert den Sportbetrug und rühmt ihn sogar als »Salz in der Suppe« des Fußballs, der sonst fad schmecken würde.
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Swish! Nahtlos landen wir Korb der Basketballer. Bei Gießens Aufsteigern machte es diesmal besonders häufig »Swish«, das erinnert an glorreiche Tage. »Swish«, das Wort ist eine Erfindung des US-Sportreporters Marty Glickman, es beschreibt lautmalerisch, wie ein Ball ohne Ringberührung durch den Korb fällt. Das klingt, »als würde der Weltgeist anerkennend Shwish! hauchen«, wie das »Streiflicht« der Süddeutschen Zeitung einmal schrieb.
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Als hessischer Sportreporter, der einst sehr holprig und daher verdient vergeblich versucht hatte, Dunking und Rebound als »Stopfer« und »Abpraller« in die deutsche Sprache einzuführen, kann ich dem eleganten »Streiflicht« als kleiner hessischer Geist nur ein anerkennendes »Swish!« hauchen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle