Archiv für November 2015

Sonntag, 29. November, 11.10 Uhr

Montagsthemen mit Freude geschrieben, lief gut. Traum des Kolumnisten: Dass die Leser genauso viel Freude daran haben.

Nun kann ich wieder an die Kolumne fürs Feuilleton denken, für nächsten Samstag. Thema habe ich schon abgeändert: von „Gewalt“ zu „Schuld“. Ich schreibsele seit Tagen daran herum, die Fragmente würden jetzt schon eine ganze Zeitungsseite füllen. Jetzt kommen weitere Notizen ins Unreine hinzu:

 

„Das größte Problem: geschlossene Milieus mit ausgeprägtem Kränkungspotenzial“ (SZ). Apartes Wort, dieses Kränkungspotenzial. Habe ich auch, ausgeprägt. Binde mir aber keinen Sprengstoffgürtel um (Selbstanweisung: Nicht ins Spöttische abgleiten, dazu ist das Thema zu ernst)

 

Oder, gerade in Franzens Wälzer „Unschuld“ gelesen und gleich notiert: „Und doch: Schuld muss von allen menschlichen Größen die ungeheuerlichste sein.“

 

Passend zum Kränkungspotenzial ein Welt-Interview mit dem Gerichtspsychiater Reinhard Haller über „Die ungeheure Kraft der Kränkung“ (Schlagzeile), der in „persönlichen Verletzungen den häufigsten Auslöser für Gewalt und Terror“ sieht. „Manchmal schaffen sie aber auch große Kunst.“ (da einhaken, denn: Gekränkt wird jeder, der eine mehr, der andere weniger. Es kommt darauf an, wie und ob man sich gekränkt fühlt und wie man damit umgeht. Man hat immer die Wahl)

Haller definiert „Kränkung“: „Die Wissenschaft hat sich damit gar nicht beschäftigt, die hat sich nur mit dem Trauma auseinandergesetzt, also mit dramatischen Lebensereignissen. Eine Kränkung ist viel subtiler, sie breitet sich langsam aus, und dann reicht schon eine Kleinigkeit, um nach Jahren eine Katastrophe auszulösen.“

 

Da ich auch über Empathie schreiben will, notiere ich auch diese Passage:“Stephen Hawking sagt, die Empathie wird das Entscheidende für das Überleben der Menschheit sein, alles andere können Computer ja schon besser als wir.“ (Empathie ist Einfühlsamkeit. Einfache Stufe der Empathie: die der  Willkommensbeseelten. Mit dieser Art Empathie steht man immer auf der richtigen, der guten Seite. Nächste, schwierige Stufe der Empathie: Das vorausfühlende  Einfühlungsvermögen in die Köpfe von Flüchtlingen und Aufnehmenden in zwei, fünf, zehn Jahren, und was deutscher Willkommens-Extremismus im Land und in Europa angerichtet haben wird)

 

Wenn Sie wüssten, was noch alles auf den Material-Zetteln steht! Ich fürchte, das Thema wird mich überfordern. Ich muss es ja auch in eine zeilenbegrenzte Kolumne einpassen, also argumentationsverkürzt. Und das bei diesem heiklen Thema. Vielleicht ziehe ich auch den Schwanz ein und schreibe aus dem Stegreif eine harmlose Sprach-Kolumne.

 

Veröffentlicht von gw am 29. November 2015 .
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Sonntag, 29. November, 6.40 Uhr

Ungemütlich da draußen. Nass und  klamm und dunkel. Auch die FAS hat beim Reinholen was abgekriegt. Trocknet jetzt neben mir vor sich hin. Blick rüber. Oben Olympische Ringe, daneben der Anreißer für den Sporttteil: »Streit um Olympia. Hamburg stimmt ab. Doch wer soll die Spiele bezahlen?« Na, wer schon. Ich natürlich. Wie immer. Wer sonst? Blöde Frage, blöde Antwort, ich weiß. Klingt nach populistischem Mecker-Opa. Ist aber einfach nur wahr. Ist aber kein Olympia-Statement. Bekäme Hamburg die Spiele, würde ich mich sogar freuen und notfalls mit dem Rollator hintapern.

Sigmar Gabriel kam nicht nach Hamburg, sondern zum Spiel gegen Hamburg nach Bremen ins Weserstadion, um seine Werder-Mannschaft verlieren und immer weiter absinken zu sehen. Das war aber sicher nicht so masochistisch, wie in die Bremer Messehalle zu gehen und sich beim Juso-Kongress in den Senkel stellen zu lassen. Er heißt ja auch nicht Merkel und könnte sich nicht wie diese von einem Pöbelpobel auf dem Podium  abkanzlern lassen. Sie hat es stoisch über sich ergehen lassen. Gabriel hätte wild zurückgeschlagen, dabei Kanzlerreife gezeigt wie Kohl 1991 in Halle, den nur ein Absperrgitter davon abhielt, einen Eierwerfer eigenhändig zu zerquetschen. Merkel kochte vor Wut, blieb aber äußerlich cool. Doch wehe, wenn Seehofer irgendwann ihre Hilfe braucht.

Aus den Meldungen der Nacht: Cate Blanchet lobt Deutschland für seine Flüchtlingspolitik und schimpft auf ihr eigenes Land. Denn  Australien hält Bootsflüchtlinge außerhalb des Landes in Lagern wie in Papua-Neuguinea oder im mikronesischen Nauru fest. Die Regierung in Canberra bezahlt für die Unterhaltung der Lager. (Quelle: dpa). Wer bei uns so etwas erwägtt, wird gleich in die Schublade gesteckt, in der die rechtspopulistischen Dumpfbacken stecken. Sind die Australier böse und wir gut? Mein IWT dazu: Australien hat eine sehr viel anständigere, humanere Historie als wir. Kein Grund, uns zu überheben, sondern um zu überlegen, ob wir uns an demokratisch gereiften Ländern orientieren sollten oder nur an uns, wie so oft in der Geschichte mit bösem Ende. In einem Welt-Interview mit dem Schriftsteller Michael Kleeberg lese ich: „Ich zucke aus historischen Gründen immer zusammen, wenn Deutschland große Visionen zur Errettung der Welt ausbrütet.“  Frage: „Wie wird Deutschland die Millionen arabischer Flüchtlinge verkraften? Könnte es ihm gar gelingen? Wäre das nicht ein deutsches Märchen? – Antwort:  „Nein, es könnte nicht gelingen, Millionen zu verkraften. Und nein, ich will auch keine deutschen Märchen, sondern ein wenig deutsches Hirn und deutsche Vernunft zur Abwechslung.“

Bevor auch die, die noch keinen Roman von Kleeberg gelesen haben, den Mann in eine Schublade stecken, suche ich eine Textstelle, die ein für mich unvergessliches Bild von Empathie ist. Moment, ich schreibe ja in Echtzeit, muss den Text beenden und ins Archiv klicken …. Wieder da. Habe meine Rezension vom August 2010 auf „meiner“ Bücherseite gefunden (auch eines meiner Babys, lebt immer noch, aber ohne mich). Ich beame  den kompletten Text in den Blog:

Michael Kleebergs außergewöhnlich intensiver neuer Roman      Die Ibisse des Gebeutelten      Ich saß oben auf meinem Bradley und sah zu, in die Sonne hinein, wie die sieben Ibisse die Hälse reckten und die Schnäbel nach oben hielten, und wie die Schnäbel sich öffneten, als bettelten sie die Sonne an. Ich habe zweien meiner Männer befohlen, sie abzuschießen.   So endet eine der eindrucksvollsten Szene in Michael Kleebergs neuem Roman, der nicht minder beeindruckend und dramatisch beginnt: Der US-Soldat David Cote bricht im amerikanischen Hospital von Paris vor den Augen der Französin Hélène zusammen. Sie ist dorthin gekommen, weil sie hofft, mit Hilfe der modernen Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen zu können, er leidet nach der »Operation Desert Storm« an einem schweren Kriegstrauma.   Die beiden aus unterschiedlichen Gründen seelisch Versehrten begegnen sich wieder, lernen sich kennen und mögen, erzählen einander von ihren Lebensschmerzen und den Strategien, diese aushalten zu können.   Die Ibisse. Warum wurden sie erschossen? Schon als der erste die Oberfläche des Sees erreichte, konnte man sehen, dass etwas nicht stimmte. Aber da war es bereits zu spät. Eigentlich hätte es eine Gischtwolke geben müssen, tausend in der Sonne funkelnde Tröpfchen. Aber als der Körper aufkam, ging da nur eine schwarze, teerige Welle hoch, die die Vögel bespritzte, und sie wurden ruckartig gebremst, als seien sie in schlierigen Klebstoff getaucht. Es war kein See, Es war ein Ölteich.   Flüchtende Iraker hatten Ölquellen geöffnet, die glatte, glänzende Oberfläche des tödlichen Sees verlockte die Ibisse zu einer unverhofften Rast.   Natürlich versuchten die Ibisse sofort

wieder hochzufliegen. Aber das ging nicht. Die Schwungfedern waren schon verklebt. Dann begannen sie die Hälse zu drehen und versuchten sich das Gefieder zu putzen. Und nun hatten sie das Öl auch am Schnabel, am Kopf.   Es gibt noch einige andere ähnlich dichte, beklemmende Szenen in dem schmalen 200-Seiten-Roman, der sich viel vorgenommen und aufgeladen hat: Krieg, auch der Krieg der modernen Medizin, der amerikanische »Glauben an die Lösung aller Probleme durch technischen Fortschritt, an die Überwindung von Natur und Schicksal durch den Menschen« (Kleeberg im Interview), auch moderne US-Lyrik spielt eine wichtige Rolle, wie auch die Stadt Paris und nicht zuletzt ein mysteriöser Dritter, der Ich-Erzähler im Roman. Fast tollkühn, dieses Zusammenbringen scheinbar unzusammenhängender Thematiken. Von der Konstruktion her ein Trapezakt, verzichtet Kleeberg klugerweise auf stilistische Artistik, denn »es war schnell klar, dass diese Geschichte nicht erlaubt«, zusätzlich auch noch »ein Feuerwerk schriftstellerischer Virtuosität« (Kleeberg) abzubrennen.   Dann konnten wir sie hören. Ibisse geben normalerweise keine Geräusche von sich. Aber jetzt reckten sie die Hälse weit nach oben und die gebogenen Schnäbel zum Himmel empor wie Versinkende und krächzten. Sie begannen langsam zu ersticken.   Ein erstickendes Gefühl auch, dies lesen zu müssen, zu dürfen.    Kleeberg hat vielleicht zu viel gewollt, aber er hat auch viel erreicht.   Ein bemerkenswerter, ein intensiver, ein außergewöhnlicher Roman. (gw)      Michael Kleeberg: »Das amerikanische Hospital« (DVA – 19,95 Euro – ISBN 978-3-421-04390-0)

 

Das müsste für den Moment reichen. Auf dem Zettel für die Montagsthemen stehen noch viele Stichworte. Auswahl: Eintracht gar nicht so schlecht / Stevens, Null muss stehen, sechs Tore / Zappen: Klitschko und Heben (ja, das will ich in der Kolumne ausformulieren, wie ich zwischen Klitschko und dem Weltrekord hin und her gezappt habe) / Viel Zeit für Skeleton in den ARD/ZDF-Nachrichtensendungen: Bauchplatscher, Bahn frei, Kartoffelbrei! (same procedure as every winter; oder wird das zu langweilig, da muss ich mich ja ständig wiederholen) / Olympia, FAS (siehe oben) / Kroos-Interview, Selbstvetrauen, dazu auch Zorniger mit dem Überselbstvertrauen / Marsaillaise, warum wir sie nicht singen sollten und warum sie auch Zidane nicht singt (Marsail…leise!) / Klitschkos Gegner ist 12 Jahre jünger, schneller, größer, hungriger, hat längere Arme, ist kein sorgfältig ausgewähltes Opfer, boxt unorthodox, nicht wie im langweiligen Lehrbuch des Klitschko-Boxens – so einer kann eigentlich gar nicht gegen einen verlieren, der als Boxer im 40 Lebensjahr steht / Letzte Notiz: Sehr gutes Emrich-Interview, ebenfalls in der Welt, aber als Montagsthemchen zu komplex; wird zur Wiedervorlage abgelegt. Und jetzt endlich KKK.

 

 

Veröffentlicht von gw am 29. November 2015 .
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Sonntag, 22. November, 12.00 Uhr

Erledigt. „Montagsthemen“ sind geschrieben und stehen online (Link rechts: gw-Beiträge Anstoß). Der Schluss-Hinweis auf den/das Blog hat nur eine Zeile, was immer bedeutet: Ich habe gekürzt wie ein Weltmeister, um für den Druck eine layoutkompatible Kolumne abzuliefern. Wenn das letzte Fitzelchen abgeschnippelt ist, kappe ich auch noch den Blog-Zusatz. Diesmal habe ich auch ganze Passagen rausgeschmissen. Zum Beispiel:

Nun erwischt es also die VW-Tochter. Schlagzeile: „Audi gesteht Manipulation.“  VW ist der Ben Johnson des Abgas-Skandals: ein Super-GAU, die anderen ducken sich ängstlich weg und fragen sich bang: Wann bin ich dran?

Auch auf das dreiseitige Beckenbauer-Interview in der Süddeutschen bin ich nicht eingegangen. Das hätte nun wirklich den Rahmen gesprengt. Nur im Schluss-Satz beziehe ich mich auf eine Beckenbauer-Aussage. Ich nehme an, sie ist allgemein bekannt geworden und daher „blanko“ verständlich.  Im übrigen, diesmal wirklich ohne Ironie oder sonstige Hintergedanken: Es ist zwar unwichtig, was ich glaube, aber ich glaube ihm. Weil ich es von mir kenne. Im Unterschreiben lästiger, lesensaufwendiger Formulare bin ich ganz der „Kaiser“.

Auch bei den Herl-Zitaten habe ich kürzen müssen. Wie immer, also wie bei den OWW-Zitaten, habe ich nach bestem Wissen und Gewissen und mit bzw. trotz leselästigen Auslassungsklammern (…) versucht, den Sinn zu treffen und nicht ansatzweise zu beschädigen, obwohl ich aus Platzgründen ja immer „aus dem Zusammenhang reißen“ muss. Ausgelassen habe ich, was man mit viel Sympathie  als kleinen Hauch von selbstironischer Selbstkritik interpretieren könnte:

So makaber es klingen mag, die Verbrechen damals in den USA waren überschaubarer und in unseren Köpfen leichter einzuordnen. Wir hatten grob gezimmerte Regale parat, in die sie einigermaßen hineinpassten. Das World Trade Center …

Ich empfand die „grob gezimmerten Regale“ (ist aber ein hübsches Schubladen-Bild!) nur allenfalls als ein klitzekleinspaltweit geöffnetes Hintertürchen der Relativierung, die jedoch nichts am Tenor ändert und daher rauskürzbar war.

Da ich im Blog „aus dem Nähkästchen plaudern will“ (so stand es auch 1979 in der allerersten „Sport-Stammtisch“-Kolumne), verrate ich auch, warum ich diesen Blog-Schwanz zwölf Uhr mittags an den Sonntagfrühmorgenblog anhänge: Falls die Sportredaktion um eine Zusatz-Kolumne bittet, denke ich an eine Mailbox-/Blogversion, die mit Rückgriffen auf diesen Schwanz (VW, Beckenbauer) enden könnte. Schaun mer mal.

Veröffentlicht von gw am 22. November 2015 .
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Sonntag, 22. November, 6.20 Uhr

Meine Meldung der Nacht kommt aus der „Infobox“ der Deutschen Presseagentur (dpa). Schlagzeile der Sensationsnachricht: Schnee – Fester Niederschlag aus Eiskristallen. Aha! Wusst‘ ich’s doch, dass dieses komische weiße Zeug kein Regen ist! Jetzt will ich es aber genau wissen und lasse mich gründlich informieren:

Schnee ist fester Niederschlag aus meist verzweigten Eiskristallen. Sie kommen in vielfältigen Variationen vor, sind aber immer sechseckig. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt fallen meist lockere Flocken aus miteinander verbundenen Kristallen, die mehrere Zentimeter groß sein können. Ist es kälter, fallen Schneesternchen, Eisnadeln oder Eisplättchen. Von der winterlichen Romantik wird Schnee zur Gefahrenquelle, wenn er festgefahren auf dem Asphalt die Straße zur Rutschbahn macht. Auch geschmolzener Schnee kann Glätte verursachen, wenn er auf der Straße wieder anfriert.

Ist Schnee in unseren Breiten solch ein seltenes Phänomen geworden, dass er uns verklickert werden muss? Oder gehört die dpa-Meldung zur Begrüßungskultur für all die Menschen, in deren Heimatbreiten Schnee tatsächlich ein schier unbegreifliches Phänomen ist?

Kleiner Spott, harmlos und nicht böse gemeint. Vielleicht kürze ich ihn und stecke ihn in den Schluss der „Montagsthemen“. Ebenfalls  für diese und nicht für die nächste Kolumne, die  dienstäglichen „Ohne weitere Worte“-Zitate, notiere ich hier im Stein(es)bruch schon mal Sätze aus Kolumnen von taz und Frankfurter Rundschau …

… oh, ich unterbreche, Breaking News von einem mittelhessischen Hügel: Soeben fährt der Streuwagen vorbei, sein Blinklicht flackert durchs Zimmer. Draußen ist es zwar trocken (hab ich beim Reinholen der FAS recherchiert), aber kalt, vielleicht ist es irgendwo glatt oder es fällt in Nachbarorten sogar ein fester Niederschlag aus Eiskristallen! Brave Buben schon an der Arbeit. Wie ich. Obwohl das, was ich tue, keine Arbeit ist, sondern privilegiertes Hobby eines Ruheständlers, der keine Rosen züchtet oder Briefmarken sammelt, sondern sich kolumnistisch beschäftigt. „Kolumnistisch“? Mein Schreibprogramm meldet mir das Wort rot als Fehler. Was ist daran falsch? Schlägt es mir zur Verbesserung „kommunistisch“ vor? Nee, es lässt mich vorschlagslos zurück. Ende der Breaking News

Sie passen aber hübsch zu den Zitaten, in denen sozialistische Relikte auftauchen, die ich nicht „Ohne weitere Worte“ ins Blatt stellen möchte, obwohl der Zitatenkolumne vorsichtshalber die Bemerkung vorangestellt wird, es folgten Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft. Diesmal müsste zumindest Verbohrtes von Sozialismusnostalgikern hinzugefügt werden.

„Der französische Präsident Francois Hollande (…) rief auch den ‚europäischen Bündnisfall‘ aus. Paris ist ja ‚die Stadt des Ehebruchs‘, das jedenfalls behaupteten die Terroristen in ihrem unbestätigten Bekennerschreiben, vielleicht echauffiert sich der Hobby-Vespa-Fahrer Hollande auch deswegen so. (…) In Hannover, wo die aufklärungsbereite Polizei samt Bundesinnenminister womöglich Massenvernichtungswaffen vermuteten und den unerheblichen Freundschaftskick (…) kurzerhand absagten. Eine Politik der vorauseilenden Angst, die die aktuelle Stimmungslage nutzt, um den Überwachungswahn nach den ganzen NSA-Skandalen endlich auch legal durchzusetzen.“ Schreibt Rene Hamann in der taz-Kolumne „Der rote Faden“ (wenigstens ein ehrlicher Name). Darauf muss man erst mal kommen: Das Länderspiel wurde nicht wegen akuter Terrorgefahr abgesagt, sondern um den „Überwachungswahn legal durchzusetzen“.  Das fing ja schon früh an, am 11. September 2001, als Xavier Naidoo „kontrollierte Sprengungen“ beobachtet hat. Wahrscheinlich von schwulen Juden, die davon ablenken wollten, dass Deutschland kein freies Land ist. Aber wir Reichsdeutschen lassen uns nicht für dumm verkaufen!

Naidoo ist ein Thema für sich. Nicht dass dumme Zeug, was er schon in Liedern und anderswo verzapft hat, das gehört für mich zur Meinungsfreiheit, die auch für Schwachsinn gilt. Der echte Skandal ist auch ein Grundübel unserer Zeit: Dass die ARD, ein quasi staatlicher Sender, einen Sänger im Namen Deutschlands auftreten lassen wollte, der solches Zeug verzapft. Passt so was von gut in meine Argumentation von der Dekadenz, in der wir leben.

Aber weiter im Zitaten-Text, diesmal leider aus der Kolumne von Michael Herl in der Frankfurter Rundschau: Der 11. September sei nicht mit Paris zu vergleichen: „Das World Trade Center, das waren zwei Türme, die die Macht der westlichen Welt fast schon provokant symbolisierten. Sie standen für Reichtum, Protz und Prunk, also gleichermaßen für Unterdrückung, Ausbeutung und ungleiche Verteilung. Die Schaltzentrale dieser Ungerechtigkeit war das Pentagon in Washington. Beide wurden Ziel der damaligen Attentate. der Coup gelang. (…) Es war fast ein wenig Disneyland, die Terroristen schlugen die US-Amerikaner mit ihren eigenen Waffen. Showbizz at ist best. Umso armseliger die Jungs in Paris. (…) Mit einem Sprenggürtel die Kontrollen einer Massenveranstaltung passieren zu wollen, ist dilettantisch. (…) Der Rest war rohe, tumbe Gewalt. Eine Musikhalle und mehrere Cafes mit Kalaschnikows stürmen, dafür bedarf es keiner blühenden Fantasie. (…) Es waren keine Anschläge auf Symbole des Kapitalismus, sondern auf  ‚weiche Ziele‘, wie es heißt, also auf uns. Und die Täter waren keine kalten Killer, sondern junge Menchen aus unserer Mitte.“

Ach, die armen Kerle! Wir sind also selbst daran schuid, wenn sie uns wegbomben. Herl schließt mit einem besonders ekligen Vergleich, indem er unsere rechten Dumpfbacken, die ja empörenderweise ebenfalls Meinungsfreiheit für sich beanspruchen, mit den Massenmördern von Paris gleichsetzt: „Die einen rennen auf die Straße und brüllen ‚Ausländer raus‘, die anderen lassen sich von irgendwelchen Predigern verblenden und werfen Bomben. Ihre Gründe sind die gleichen. Und das sollte uns beschämen.“ Anzunehmen ist, dass der, der sich zuerst schämen sollte, das nicht tun wird.

Ui, die Zeit rast. Schon halb acht. Ich fürchte, das Thema wird für die „Montagsthemen“ zu komplex.  Rein müssen aber die Deppen von Gelsenkirchen. Und ein bisschen was Positives. Aber jetzt duftet es schon nach Kaffee, dem einzigen der Woche. KKK im Kommen.

Veröffentlicht von gw am 22. November 2015 .
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Sonntag, 15. November, 11.10 Uhr

Ja, ich glaube auch, dass der überarbeitete Blog-Text von heute früh das angemessene Montagsthema ist. Steht jetzt online. Manches Thema musste weichen. Der Griff ins Rauball-Archiv / eine Vermutung, warum Dreyfus auf Rückzahlung plus Zinsen bestand / ein Griff ins Coe-Archiv / Sinn und Unsinn des Anti-Doping-Gesetzes / die erstaunlichen Über-60 000 für Asamoah auf Schalke am Tag danach – hat alles Zeit oder bleibt sowieso liegen.

Stichwort ADG: Ist kein Anti-Blockier-System (ABS) des Dopings, sondern „Murks“ (sagt sogar der Grünen-Sportsprecher im Bundestag). Ich habe das Thema zwar ähnlich ausgeleiert wie meine „VHS“ (Video-Hilfe für den Schiedsrichter), will aber in einer der nächsten Kolumnen wenigstens einen Deduktions-Schluss (oder ist eine Induktion? Das verwechsle ich immer wie Stalagmiten und Stalagtiten) anhängen. Ungefähr so, mit Hegels Hilfe: These: Schon der Besitz kleiner Dopingmengen soll strafbar sein. Antithese: Wick Medinait für Kinder steht auf der Dopingliste. Synthese: Der Besitz von Wick Medinait für Kinder ist strafbar.

Induktions- und Deduktionsschluss werde ich nachgoogeln. Im gw-Archiv werde ich nicht fündig. Zu Stalagmiten und Stalagtiten (den spätpubertären Fingern verweigere ich konsequent  ein weiteres „t“) finde ich wenigstens diesen hübschen Schluss für meine heutmorgendlichen Blog-, Mailbox- und Anstoß-Aktivitäten. Aus der Vier-Jahres-Serie (2001/02/03/04) „Von Olympia nach Athen“ stammt diese Passage:

 

In der Höhle von Pirgos Direu ist das Wasser kalt und klar und dunkel und tief. Hier unten hört man nur das monotone Tocktock des Fährmanns, der sich und uns Touristen im Boot mit einem Stechpaddel von Stalagmit zu Stalagtit stößt. Ich will ihn fragen, ob die Stalagtiten oben und die Stalagmiten unten sind, ich würde ihn gerne fragen, ob die steilen Geschlechtertürme in der Toskana nicht viel bizarrer wirken als die dicken Stummel in der Mani über mir, und am allerliebsten würde ich ihn nach der Seele des Sports fragen, doch unser Charon hat schon vor Beginn der Fahrt auf der scheinwerferbepflasterten Lethe, dem Fluss des Vergessens, barsch gewarnt: »Quiet please!«

 

Also: Quiet please!

 ***

Nicht ganz. Hinweis von Walther Roeber (Danke!): Ich weiß, dass es da nicht so
    wichtig ist, aber Stalagmiten und Stalaktiten sind für viele
    Rechtschreibfanatiker falsche ‚Säulen‘.
 Eselsbrücke: vor dem weichen M der Stalagmiten ein weiches G, vor
    dem harten T der Stalaktiten ein hartes K.
 Oder „Stalaktiten hängen runter, Stalagmiten
    stehen munter!“ Dann weiß man auch, was von oben kommt und
    was von unten wächst.
Für Bildungsbeflissene: Wenn die zusammenwachsen, nennt man die
    Dinger Stalagnat(e) – also diese Säulen in Tropfsteinhöhlen 🙂

 

Veröffentlicht von gw am 15. November 2015 .
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