Archiv für November 2015

Ohne weitere Worte (vom 1. Dezember)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Interessantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.
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Viele Kollegen halten es für respektvoll, gegen die Ex-Klubs nicht zu jubeln. Sie taten es dennoch. – »Ich bin ja jetzt schon etwas öfter gewechselt. Wenn ich das so halten würde, könnte ich ja fast gar nicht mehr jubeln.« (Max Kruse im Kicker-Interview)
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Betrug in der F-Jugend ist eine heikle Sache, das vielleicht letzte Tabu unserer Zeit. Aber was die Knirpse aufbieten, um an die Kapitänsbinde zu kommen, ist haarsträubend. Das reicht von kleinen Geldbeträgen und Mathe-Hausaufgaben bis hin zu Star-Wars-Stickern. Da hilft keine geheime Wahl. (…) So blöd sind die Jungs nicht. (Bettina Weiguny über »Korruption für Anfänger« in ihrer Kolumne »Ein Balance-Akt« in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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»Das Bewerbungspapier, das ich ja ’98 noch irgendwann im Herbst der Fifa übergeben habe, das umfasste 1212 Seiten! Also ich kann sagen, dass ich nicht eine einzige gelesen hab’, ich hab’s getragen, und des war schwer genug.« (Franz Beckenbauer im Sky-Interview, gelesen im »Tele-Dialog« der FAS)
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Manch ein Kind lernt so das Rechnen: Weil es all seine Süßigkeiten an sieben Freunde verteilt hat, hinterher aber nur drei Stimmen erhält. Dass da ein paar fehlen, also nicht alles mit rechten Dingen zugegangen ist, leuchtet jedem Tropf ein. (Weiguny/FAS)
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»In der Mathematik kommt man nur voran, wenn man denkt. (…) Im Triathlon, beim (…) Training (…), muss man nicht viel denken. Das ist ein schöner Kontrast. (…) Beides zu haben, Studium und Sport, gibt Leichtigkeit und nimmt Verbissenheit. Sport ist schön und toll, aber ich will es nie dazu kommen lassen, dass der Sport das ist, was mich definiert.« (Sophia Saller, Junioren-Weltmeisterin und Mathe-Doktorandin, in der FAS)
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Waren Sie auch bereit, über Grenzen zu gehen für diese Weltmeisterschaft? – »Sonst hätten wir’s ja gar nicht geschafft! Wie hätten wir von einem Land in das andere fliegen können, ohne die Grenzen zu überschreiten? Hihi.« (Beckenbauer/Sky/FAS)
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»Der internationale Sport verkauft direkt beobachtbare Höchstleistungen und den Glauben an die nicht direkt sichtbare Dopingfreiheit bei der Erbringung dieser Leistung. Nun ist das aber ein Zielkonflikt, schließen sich doch absolute Höchstleistungen und Ehrlichkeit partiell aus. Offensichtlich sind momentan Investitionen in den Anschein von Ehrlichkeit lohnender als die Ehrlichkeit selbst.« (Prof. Eike Emrich, Sportsoziologe und Ex-Vizepräsident des DLV, im Welt-Interview)
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Coe personifiziert ein Paradoxon: Er soll den Misthaufen abtragen, auf dem sich die zu Hause fühlen, deren Stimmen er braucht. (…) Übertroffen wird dies von der Vorstellung, da übernehme es einer, den Stall des Augias auszumisten, der mittenmang dabei war, die Hinterlassenschaft zu produzieren, deren übler Geruch die Leichtathletik belastet. (Michael Reinsch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den IAAF-Präsidenten Sebastian Coe)
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Am Wochenende ist es wieder so weit: Wintersport satt, acht Stunden Minimum, wohlgemerkt pro Tag. (…) Der Bildschirm glüht, ARD, ZDF und Eurosport lassen die Lawine los, die am frühen Morgen von einem einsamen Skilangläufer in irgendeinem dunklen finnischen Wald losgetreten wurde. (Jürgen Anhäuser in der Frankfurter Rundschau)
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Es kursieren viele wahre und falsche Geschichten über ihn. Zu den wahren gehört, dass er wegen Erpressung, Nötigung und Körperverletzung verurteilt wurde. (…) Zu den falschen gehört, dass er der Frau eines Promoterkollegen einen Zuckerstreuer hinterhergeworfen haben soll. »Es war ein Salzstreuer«, sagt Öner. (Spiegel-Autorenteam über Ahmet Öner, der dem Boxer Felix Sturm vorwirft, einen Auftragskiller auf ihn angesetzt zu haben)
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Seit 30 Jahren kürt das People-Magazin den »Sexiest Man Alive«. (…) 2015 hat kein Hollywoodstar gewonnen. Sondern ein in den USA nicht so prominenter Europäer, der früher mal mehr Sport gemacht hat und dessen Wahl mit »Romantischer Ehemann, liebevoller Vater – und er staubsaugt!« begründet wird. (…) Es ist David Beckham. (…) Schauen Sie also prüfend in den Spiegel, bevor Sie vor die Tür treten, um den Staubsaugerbeutel zu leeren. Vielleicht warten dort schon die Paparazzi. Es kann jetzt jeden treffen. (Anna Kemper »Über Sex-Appeal« in der »Gesellschaftskritik«-Kolumne im Zeit-Magazin)  (gw)
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Veröffentlicht von gw am 30. November 2015 .
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Sonntag, 29. November, 11.10 Uhr

Montagsthemen mit Freude geschrieben, lief gut. Traum des Kolumnisten: Dass die Leser genauso viel Freude daran haben.

Nun kann ich wieder an die Kolumne fürs Feuilleton denken, für nächsten Samstag. Thema habe ich schon abgeändert: von “Gewalt” zu “Schuld”. Ich schreibsele seit Tagen daran herum, die Fragmente würden jetzt schon eine ganze Zeitungsseite füllen. Jetzt kommen weitere Notizen ins Unreine hinzu:

 

“Das größte Problem: geschlossene Milieus mit ausgeprägtem Kränkungspotenzial” (SZ). Apartes Wort, dieses Kränkungspotenzial. Habe ich auch, ausgeprägt. Binde mir aber keinen Sprengstoffgürtel um (Selbstanweisung: Nicht ins Spöttische abgleiten, dazu ist das Thema zu ernst)

 

Oder, gerade in Franzens Wälzer “Unschuld” gelesen und gleich notiert: “Und doch: Schuld muss von allen menschlichen Größen die ungeheuerlichste sein.”

 

Passend zum Kränkungspotenzial ein Welt-Interview mit dem Gerichtspsychiater Reinhard Haller über “Die ungeheure Kraft der Kränkung” (Schlagzeile), der in “persönlichen Verletzungen den häufigsten Auslöser für Gewalt und Terror” sieht. “Manchmal schaffen sie aber auch große Kunst.” (da einhaken, denn: Gekränkt wird jeder, der eine mehr, der andere weniger. Es kommt darauf an, wie und ob man sich gekränkt fühlt und wie man damit umgeht. Man hat immer die Wahl)

Haller definiert “Kränkung”: “Die Wissenschaft hat sich damit gar nicht beschäftigt, die hat sich nur mit dem Trauma auseinandergesetzt, also mit dramatischen Lebensereignissen. Eine Kränkung ist viel subtiler, sie breitet sich langsam aus, und dann reicht schon eine Kleinigkeit, um nach Jahren eine Katastrophe auszulösen.”

 

Da ich auch über Empathie schreiben will, notiere ich auch diese Passage:”Stephen Hawking sagt, die Empathie wird das Entscheidende für das Überleben der Menschheit sein, alles andere können Computer ja schon besser als wir.” (Empathie ist Einfühlsamkeit. Einfache Stufe der Empathie: die der  Willkommensbeseelten. Mit dieser Art Empathie steht man immer auf der richtigen, der guten Seite. Nächste, schwierige Stufe der Empathie: Das vorausfühlende  Einfühlungsvermögen in die Köpfe von Flüchtlingen und Aufnehmenden in zwei, fünf, zehn Jahren, und was deutscher Willkommens-Extremismus im Land und in Europa angerichtet haben wird)

 

Wenn Sie wüssten, was noch alles auf den Material-Zetteln steht! Ich fürchte, das Thema wird mich überfordern. Ich muss es ja auch in eine zeilenbegrenzte Kolumne einpassen, also argumentationsverkürzt. Und das bei diesem heiklen Thema. Vielleicht ziehe ich auch den Schwanz ein und schreibe aus dem Stegreif eine harmlose Sprach-Kolumne.

 

Veröffentlicht von gw am 29. November 2015 .
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Montagsthemen (vom 30. November)

Als ich gestern begann, den Sportsamstag  nach- und für die »Montagsthemen« vorzubereiten (der Sonntag gab  nicht viel her), taperte ich durch klamme Nässe zum Briefkasten, barg die diesmal nicht nur anregende, sondern auch angeregnete Sonntagszeitung und legte sie zum Trocknen auf die Heizung. Von dort blinkten mir Olympische Ringe entgegen und der Anreißer für den FAS-Sportteil: »Hamburg stimmt ab. Doch wer soll die Spiele bezahlen?« – Na, wer schon. Das weiß ich auch mit noch schlaftrunkenem Kopf: Ich natürlich. Wie immer.
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Klingt nach wutpopulistischem Mecker-Opa. Ist aber einfach nur wahr. Und dennoch kein Olympia-Statement. Bekäme Hamburg die Spiele, würde ich mich freuen und notfalls mit dem Rollator hintapern. Wenn ich noch fit genug sein sollte, sogar mit dem Rad. Und dann die olympischen Sportstätten abradeln. Abgemacht! Zu lesen, so Gott, Sie und die Redaktion wollen, im Sommer 2024. Wäre ein schöner Abschied nach  52 Kolumnenjahren, die bekanntlich Hundejahren entsprechen. Menschlich also 364. Etwa  so viele Ja-Stimmen braucht Hamburg noch. Gestern ging’s nur um die erste.
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Bitte nicht abschweifen, Kolumnen-Methusalem! Außerdem hast du in Düsseldorf gesehen, was passiert, wenn die Konkurrenz deutlich jünger, schneller, größer, frecher und hungriger ist, längere Arme hat, kein sorgfältig ausgewähltes Opfer ist, unorthodox zu Werke geht und nicht wie im langweiligen Lehrbuch des Klitschko-Boxens. Immerhin bekommt Klitschko das, was anderen Methusalems verwehrt bleibt: eine neue Chance. Reset statt Exit.
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Komplett habe ich das Trauerspiel nicht gesehen, denn ich musste immer wieder von RTL zu Eurosport zappen (sorry, ZDF, dein Sport-Studio hatte keine Chance bei meinem Daumen), wo die superschweren Gewichtheber live um die WM-Titel kämpften. Sensationell. Der heroische Kampf des Deutschen Amir Velagic mit sechs gültigen Versuchen und durchweg Bestleistungen (433/195/238), die grandiose Leistung des Russen Alexej Lowtschew (475/WR/211/264/WR), der im letzten Versuch um 16 Kilogramm steigerte, von 248 auf den Stoß-Weltrekord von 264 … o, ich spüre, je begeisterter ich bin, desto mehr Leser springen ab. Wirklich so langweilig, diese Randsportart?
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Na ja, was Randsport ist, entscheiden andere. Vor allem das Fernsehen und seine Senderechte. Da wird randständiger Nischensport schnell zum Knüller. Jetzt erobert sogar Skeleton Sendeminuten in Tagesschau und heute-journal. Skeleton, jenes einstige Jet-Set-Vergnügen, das Gunter Sachs in St. Moritz eingeführt hatte, an dem wir aber schon viel früher als der Ur-Playboy als spielende Jungs auf der »Todesbahn« am Friedhof (ja, wirklich!) unseren angstbibbernden Spaß hatten: per »Bauchplatscher« den steilen Hang hinunter. Rufen sie auch heute noch »Bahn frei, Kartoffelbrei!«, wenn sie in ihren Ganzkörperkondomen loslegen? Die ja ihren nicht nur wind-schlüpfrigen Sinn haben, so wie die Rodler im Doppel aufeinander über die Bahn rumpeln.
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Aber Fußball geht immer noch vor. Auch bei Sigmar Gabriel. Der setzte Prioritäten und kam zwar nach Bremen, aber nicht zum Juso-Kongress in die Messehalle, sondern als Werder-Fan zum Nord-Derby ins Weserstadion. Freude hatte er daran nicht, aber viel masochistischer wäre es gewesen, sich bei und von den Jusos in den Senkel stellen zu lassen. Gabriel heißt nicht Merkel und könnte sich nicht wie diese stoisch von einem Pöbelpopel auf dem Podium abkanzlern lassen. Sie hat es regungslos über sich ergehen lassen. Gabriel hätte gegen kritische Jusos wild zurückgeschlagen, dabei Kanzlerreife gezeigt wie Kohl 1991 in Halle, den nur ein Absperrgitter davon abhielt, einen Eierwerfer eigenhändig zu zerquetschen. Merkel kochte vor Wut, blieb aber äußerlich cool. Doch wehe, wenn Seehofer irgendwann ihre Hilfe braucht. Merkel hat ein Elefantengedächtnis und trainiert schon seit langem fleißig an einer Variante der Martial Arts. Dabei wird dem aggressiven Gockel, sobald er eine Schwäche zeigt, in der stählernen Raute buchstäblich der Hahn zugedreht.
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Zurück zum Fußball. Die Eintracht verliert und verdient dennoch Respekt, bei Stevens in Hoffenheim steht nicht die Null, sondern es fallen sechs, und Bayern München steckt in einer katastrophalen Krise: Nur 2:0 gegen die Berliner Mauer – wenn die Mauerspechte derart gehämmert und gemeißelt hätten, stünde sie immer noch.
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Na ja, witzig geht anders. Haben Sie Thomas Müllers Tor gesehen? Nein, das war nicht witzig, das war ein typischer Müller. Witzig geht so: Als die Dortmunder lamentierten, in jeder anderen Liga, in Spanien, England oder Italien, wären sie Tabellenführer, sagte Müller nur: »Wir auch.« (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 29. November 2015 .
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Sonntag, 29. November, 6.40 Uhr

Ungemütlich da draußen. Nass und  klamm und dunkel. Auch die FAS hat beim Reinholen was abgekriegt. Trocknet jetzt neben mir vor sich hin. Blick rüber. Oben Olympische Ringe, daneben der Anreißer für den Sporttteil: »Streit um Olympia. Hamburg stimmt ab. Doch wer soll die Spiele bezahlen?« Na, wer schon. Ich natürlich. Wie immer. Wer sonst? Blöde Frage, blöde Antwort, ich weiß. Klingt nach populistischem Mecker-Opa. Ist aber einfach nur wahr. Ist aber kein Olympia-Statement. Bekäme Hamburg die Spiele, würde ich mich sogar freuen und notfalls mit dem Rollator hintapern.

Sigmar Gabriel kam nicht nach Hamburg, sondern zum Spiel gegen Hamburg nach Bremen ins Weserstadion, um seine Werder-Mannschaft verlieren und immer weiter absinken zu sehen. Das war aber sicher nicht so masochistisch, wie in die Bremer Messehalle zu gehen und sich beim Juso-Kongress in den Senkel stellen zu lassen. Er heißt ja auch nicht Merkel und könnte sich nicht wie diese von einem Pöbelpobel auf dem Podium  abkanzlern lassen. Sie hat es stoisch über sich ergehen lassen. Gabriel hätte wild zurückgeschlagen, dabei Kanzlerreife gezeigt wie Kohl 1991 in Halle, den nur ein Absperrgitter davon abhielt, einen Eierwerfer eigenhändig zu zerquetschen. Merkel kochte vor Wut, blieb aber äußerlich cool. Doch wehe, wenn Seehofer irgendwann ihre Hilfe braucht.

Aus den Meldungen der Nacht: Cate Blanchet lobt Deutschland für seine Flüchtlingspolitik und schimpft auf ihr eigenes Land. Denn  Australien hält Bootsflüchtlinge außerhalb des Landes in Lagern wie in Papua-Neuguinea oder im mikronesischen Nauru fest. Die Regierung in Canberra bezahlt für die Unterhaltung der Lager. (Quelle: dpa). Wer bei uns so etwas erwägtt, wird gleich in die Schublade gesteckt, in der die rechtspopulistischen Dumpfbacken stecken. Sind die Australier böse und wir gut? Mein IWT dazu: Australien hat eine sehr viel anständigere, humanere Historie als wir. Kein Grund, uns zu überheben, sondern um zu überlegen, ob wir uns an demokratisch gereiften Ländern orientieren sollten oder nur an uns, wie so oft in der Geschichte mit bösem Ende. In einem Welt-Interview mit dem Schriftsteller Michael Kleeberg lese ich: “Ich zucke aus historischen Gründen immer zusammen, wenn Deutschland große Visionen zur Errettung der Welt ausbrütet.”  Frage: “Wie wird Deutschland die Millionen arabischer Flüchtlinge verkraften? Könnte es ihm gar gelingen? Wäre das nicht ein deutsches Märchen? - Antwort:  ”Nein, es könnte nicht gelingen, Millionen zu verkraften. Und nein, ich will auch keine deutschen Märchen, sondern ein wenig deutsches Hirn und deutsche Vernunft zur Abwechslung.”

Bevor auch die, die noch keinen Roman von Kleeberg gelesen haben, den Mann in eine Schublade stecken, suche ich eine Textstelle, die ein für mich unvergessliches Bild von Empathie ist. Moment, ich schreibe ja in Echtzeit, muss den Text beenden und ins Archiv klicken …. Wieder da. Habe meine Rezension vom August 2010 auf “meiner” Bücherseite gefunden (auch eines meiner Babys, lebt immer noch, aber ohne mich). Ich beame  den kompletten Text in den Blog:

Michael Kleebergs außergewöhnlich intensiver neuer Roman      Die Ibisse des Gebeutelten      Ich saß oben auf meinem Bradley und sah zu, in die Sonne hinein, wie die sieben Ibisse die Hälse reckten und die Schnäbel nach oben hielten, und wie die Schnäbel sich öffneten, als bettelten sie die Sonne an. Ich habe zweien meiner Männer befohlen, sie abzuschießen.   So endet eine der eindrucksvollsten Szene in Michael Kleebergs neuem Roman, der nicht minder beeindruckend und dramatisch beginnt: Der US-Soldat David Cote bricht im amerikanischen Hospital von Paris vor den Augen der Französin Hélène zusammen. Sie ist dorthin gekommen, weil sie hofft, mit Hilfe der modernen Reproduktionsmedizin ein Kind bekommen zu können, er leidet nach der »Operation Desert Storm« an einem schweren Kriegstrauma.   Die beiden aus unterschiedlichen Gründen seelisch Versehrten begegnen sich wieder, lernen sich kennen und mögen, erzählen einander von ihren Lebensschmerzen und den Strategien, diese aushalten zu können.   Die Ibisse. Warum wurden sie erschossen? Schon als der erste die Oberfläche des Sees erreichte, konnte man sehen, dass etwas nicht stimmte. Aber da war es bereits zu spät. Eigentlich hätte es eine Gischtwolke geben müssen, tausend in der Sonne funkelnde Tröpfchen. Aber als der Körper aufkam, ging da nur eine schwarze, teerige Welle hoch, die die Vögel bespritzte, und sie wurden ruckartig gebremst, als seien sie in schlierigen Klebstoff getaucht. Es war kein See, Es war ein Ölteich.   Flüchtende Iraker hatten Ölquellen geöffnet, die glatte, glänzende Oberfläche des tödlichen Sees verlockte die Ibisse zu einer unverhofften Rast.   Natürlich versuchten die Ibisse sofort

wieder hochzufliegen. Aber das ging nicht. Die Schwungfedern waren schon verklebt. Dann begannen sie die Hälse zu drehen und versuchten sich das Gefieder zu putzen. Und nun hatten sie das Öl auch am Schnabel, am Kopf.   Es gibt noch einige andere ähnlich dichte, beklemmende Szenen in dem schmalen 200-Seiten-Roman, der sich viel vorgenommen und aufgeladen hat: Krieg, auch der Krieg der modernen Medizin, der amerikanische »Glauben an die Lösung aller Probleme durch technischen Fortschritt, an die Überwindung von Natur und Schicksal durch den Menschen« (Kleeberg im Interview), auch moderne US-Lyrik spielt eine wichtige Rolle, wie auch die Stadt Paris und nicht zuletzt ein mysteriöser Dritter, der Ich-Erzähler im Roman. Fast tollkühn, dieses Zusammenbringen scheinbar unzusammenhängender Thematiken. Von der Konstruktion her ein Trapezakt, verzichtet Kleeberg klugerweise auf stilistische Artistik, denn »es war schnell klar, dass diese Geschichte nicht erlaubt«, zusätzlich auch noch »ein Feuerwerk schriftstellerischer Virtuosität« (Kleeberg) abzubrennen.   Dann konnten wir sie hören. Ibisse geben normalerweise keine Geräusche von sich. Aber jetzt reckten sie die Hälse weit nach oben und die gebogenen Schnäbel zum Himmel empor wie Versinkende und krächzten. Sie begannen langsam zu ersticken.   Ein erstickendes Gefühl auch, dies lesen zu müssen, zu dürfen.    Kleeberg hat vielleicht zu viel gewollt, aber er hat auch viel erreicht.   Ein bemerkenswerter, ein intensiver, ein außergewöhnlicher Roman. (gw)      Michael Kleeberg: »Das amerikanische Hospital« (DVA – 19,95 Euro – ISBN 978-3-421-04390-0)

 

Das müsste für den Moment reichen. Auf dem Zettel für die Montagsthemen stehen noch viele Stichworte. Auswahl: Eintracht gar nicht so schlecht / Stevens, Null muss stehen, sechs Tore / Zappen: Klitschko und Heben (ja, das will ich in der Kolumne ausformulieren, wie ich zwischen Klitschko und dem Weltrekord hin und her gezappt habe) / Viel Zeit für Skeleton in den ARD/ZDF-Nachrichtensendungen: Bauchplatscher, Bahn frei, Kartoffelbrei! (same procedure as every winter; oder wird das zu langweilig, da muss ich mich ja ständig wiederholen) / Olympia, FAS (siehe oben) / Kroos-Interview, Selbstvetrauen, dazu auch Zorniger mit dem Überselbstvertrauen / Marsaillaise, warum wir sie nicht singen sollten und warum sie auch Zidane nicht singt (Marsail…leise!) / Klitschkos Gegner ist 12 Jahre jünger, schneller, größer, hungriger, hat längere Arme, ist kein sorgfältig ausgewähltes Opfer, boxt unorthodox, nicht wie im langweiligen Lehrbuch des Klitschko-Boxens – so einer kann eigentlich gar nicht gegen einen verlieren, der als Boxer im 40 Lebensjahr steht / Letzte Notiz: Sehr gutes Emrich-Interview, ebenfalls in der Welt, aber als Montagsthemchen zu komplex; wird zur Wiedervorlage abgelegt. Und jetzt endlich KKK.

 

 

Veröffentlicht von gw am 29. November 2015 .
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Sport-Stammtisch (vom 28. November)

Glaubt eigentlich irgendjemand, es sei schon einmal eine große Sportveranstaltung vergeben worden, ohne dass Bestechungsgelder geflossen seien? Als ich die Frage vor fünf Jahren erstmals stellte, hätte ein Teil meiner Antwort die Bevölkerung nur verunsichert. Heute dagegen weiß jeder: Wenn man an der Beschichtung kratzt, bleibt auch an Teflon etwas hängen.
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Vor fünf Wochen glaubte ich noch, an dem glatten Sebastian Coe bliebe nie etwas hängen, zu clever sei der »Sir«, um nicht immer weiter unbehelligt durch- und hochschlüpfen zu können. Ich listete auf: Als Superläufer von Nike gesponsert, machte ihn der US-Gigant später zum Senior Advisor. 2021 feiert Nike 50. Geburtstag. Als Geschenk findet die WM 2021 in Eugene statt, dem Nike-Stammsitz. Zum Zeitpunkt der »Wahl« (ohne Ausschreibung, par ordre du mufti) war Coe IAAF-Vizepräsident. In seinem »Brot«beruf im Sportmarketing sorgte er unter anderem dafür, dass Baku die grotesken Europaspiele bekam – womöglich, dachte und schrieb ich, sei das eine weitere Stufe auf der Karriereleiter des heutigen IAAF-Präsidenten, der als Favorit auf die spätere Nachfolge von IOC-Präsident Thomas Bach gelte.
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Aber die Zeiten ändern sich, und die oberen Sprossen auf Coes Karriereleiter sind angesägt: Der Präsident des Weltverbandes gibt notgedrungen den Job bei seinem Gold-Esel Nike auf, räumt ein, dass die Baku-Umstände »fehlerhaft« waren, und in Sachen Eugene 21 ermittelt sogar die französischen Polizei. Bach hat einen Widersacher weniger. Überhaupt lichten sich die Reihen im Olymp der Funktionäre. Schon die alten Griechen wussten, dass die Götter dort oben allzu menschlich sind.
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Nicht obwohl, sondern weil überall das Teflon zerkratzt ist, könnte Hamburgs Olympiabewerbung morgen in die Pfanne gehauen werden (sorry, schiefes Bild aus der Küche). Dirk Seifert von NOlympia frohlockt daher: »In den letzten Monaten sind die Zustimmungswerte ja deutlich gesunken. Würden wirtschaftlich Interessierte und Macht-Eliten nicht mit Millionen Euro schweren Werbekampagnen für das Ja werben, wäre das vermutlich noch viel deutlicher.«
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Die Elbphilharmonie war mit 77 Millionen veranschlagt und wird 2016 etwa 800 Millionen gekostet haben. Die Olympiabewerbung ist mit 11,2 Milliarden veranschlagt … kleine Rechenaufgabe aus dem Bereich einfacher Gleichungen: Wenn sich 77 zu 800 verhält wie 11,2 zu y, wie groß ist dann y? Zusatzfrage aus dem Bereich böswilliger Unterstellungen: Wieviel von »y« flösse in die Pflege der Landschaft?

Oha! Die »Pflege der Landschaft« muss Spätgeborenen wohl erläutert werden, denn bei diesem Suchwort listet das Internet  eine ellenlange Trefferliste aus dem Natur- und Agrarbereich auf. Selbst mit dem Zusatz »Kohl« kommen erst diverse Tipps zum Anbau von Weißkohl, bevor man fündig wird: »Die Flick-Affäre bezeichnet einen in den 1980er Jahren aufgedeckten politischen Skandal um verdeckte Parteispenden des Flick-Konzerns. Laut Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch dienten sie einer Pflege der politischen Landschaft.«
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Eine Hand wäscht die andere. Aber nicht jede Hand gibt sich der anderen. Vor allem dann nicht, wenn die eine dem muslimischen Fußballer Barazite vom FC Utrecht gehört und die andere einer Reporterin. Skandal! Zürnen die »sozialen Netzwerke«. Was’n Quatsch! Sage ich. Dass Barazite Frauen aus religiösen Gründen nicht die Hand schüttelt, war bekannt, der Verein hatte es ihm schon vor einem Jahr erlaubt und verkündet, ohne öffentliche Aufregung. Auch die Reporterin wusste davon. Sie reagierte gelassen, denn sie hatte Barazite die Hand nach einem Interview nur irrtümlich aus höflicher Gewohnheit reichen wollen.
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Also kein Skandal. Nur Heuchelei. Auch vom Fußballer. Der darf, so die Abmachung mit seinem Verein, seinen Glauben ausleben, solange er die sportlichen Abläufe nicht stört. Und so kommt es, dass Barazite der Physiotherapeutin nicht die Hand gibt, von ihr aber Hand an sich legen lässt.
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Im Fußball gelingen Toleranz und Integration besser als anderswo, weil hier die praktische Vernunft zum Erfolg führt: Wichtig is auf’m Platz. Ob ein Spieler vor dem Anpfiff Gott, Allah oder den heiligen Abrakadabra anruft, ob er nach dem Abpfiff in die Teestube, in die Disco oder ins Bett geht, allein, zu zweit oder zu dritt – wichtig ist nur, ob er (Binse, aber wahr) »der Mannschaft hilft«, durch seine individuelle Klasse und/oder seinen aufopfernden Teamgeist. Wem er die Hand gibt, ist seine Sache. Wenn er sie Frauen nicht gibt, stellt er nicht diese, sondern sich bloß. Und wer mir die Hand nicht gibt, dem will ich sie erst recht nicht geben.
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Ich heiße jeden willkommen, der die Abläufe nicht stört. Erst wenn er, im Namen Gottes oder Wemauchimmer, unsere Mannschaft schwächt, sabotiert und den gemeinsamen Erfolg mutwillig gefährdet, fliegt er gnadenlos raus. Selbst wenn er tausend Tore schösse. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 27. November 2015 .
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Baumhausbeichte - Novelle