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Ein einsames Kind (Wer bin ich? / 29. Oktober)

Er gibt nur sehr selten Interviews. Wir führen dennoch ein Gespräch mit der gesuchten Persönlichkeit. Zwar nur fiktiv, in den Antworten aber authentisch. Den Original-Wortlaut haben wir verändert, um es den Suchmaschinen-Experten nicht zu leicht zu machen. In der Sache jedoch entsprechen die Antworten dokumentierten Aussagen und Angaben des Gesuchten. Auf geht’s:
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Wie sind Sie zum Sport gekommen? – »Alles begann mit einem Fußballspiel im Stadion der Hauptstadt meines Geburtslandes, zu dem mein Vater mich mitnahm. Ich war sofort fasziniert von diesem Sport.«
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Ihr Vater? Sie sagten einmal, das Schweigen ihres Vaters sei eine der prägenden Erinnerungen an ihre Kindheit. – »Ja, aber beim Fußball schwieg er nicht. Sein Schweigen hatte auch andere Gründe als das vieler Väter in Ihrem Geburtsland. Fundamental andere.«
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Ich dachte, Ihr Geburtsland sei Deutschland? – »Dann hätten Sie sich besser auf das Interview vorbereiten sollen. Ich bin so freundlich und bringe Sie auf den Stand: Mein Geburtsland verließ ich – beziehungsweise meine Familie mit mir – bereits als Siebenjähriger. Nicht freiwillig. Wir wurden nicht vertrieben, sondern zogen die Konsequenzen aus der sich verschärfenden Stimmungslage im Lande. Aber auch in dem neuen Land blieben wir nicht lange. Nach kaum mehr als einem Jahr gingen wir nach Deutschland. Jetzt lebe ich in einem vierten Staat, dessen Bürger ich bin und wo ich bis ans Ende meiner Tage bleiben will.«
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Klingt nicht nach einer ungetrübten Kindheit. – »Wer hat die schon? Durch die Sprachschwierigkeiten war ich ein einsames Kind. Das änderte sich erst, als ich mit anderen Kindern Fußball gespielt habe.«
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Sprachschwierigkeiten? Interessant. In welchem Verein spielten sie zuerst? – »Bei einem Traditionsklub im Südwesten von Deutschland. Es ist der Klub meiner Kindheit, meiner Jugend, meines Lebens. Denn im Fußball ist es, jedenfalls bei mir, nicht so wie in der Liebe …« – … denn Sie kommen zusammen mit Ihrer Frau auf insgesamt sieben Ehen … – »Danke für den freundlichen Hinweis.«
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Bitte. Manche halten Sie für intellektualistisch, eitel und arrogant. … – »Manche? Viele. Doch damit kann ich leben.« – Sie gelten auf Ihrer Position aber auch als der Beste im Land. Auch für mich übrigens. – »Auch damit kann ich leben. Aber fangen Sie bitte nicht an zu schleimen, sonst beende ich das Interview.«
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Mit Verlaub, nicht nur in der Zahl der Ehen, sondern auch physiognomisch und überhaupt beginnen Sie einem bekannten Expolitiker zu ähneln. Aber zurück zum Fußball. Sie blieben nicht bei Ihrem Herzensverein. Als Profi wechselten sie zu insgesamt drei Vereinen. Eigentlich zu noch mehr, doch bei einem wechselten nicht Sie den Klub, sondern dieser seinen Namen. Werden Sie ihm treu bleiben? – »Das werde ich Ihnen ganz gewiss nicht auf die Nase binden.«
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Auch nicht, wann Sie aufhören? Sie sagten einmal, nichts könne Sie nach einem gewissen Datum zum Weitermachen zwingen. Das ist jetzt fast zehn Jahre her, und Sie sind immer noch am Ball. – »Hatten Sie nicht auch schon vor Jahren Ihre Laufbahn beenden wollen und versuchen immer noch, am Ball zu bleiben? Sie sehen, im Gegensatz zu Ihnen habe ich mich auf das Interview vorbereitet.«
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Mhm. Letzte Frage: Was mögen Sie, was mögen Sie nicht? – »Ich esse und trinke gut, ich ziehe mich gerne gut an … und ich bin nicht gerne in schlechter Gesellschaft. Guten Tag!«
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Ich hätte ihn gerne noch gefragt, was er damit meine, ihn habe ein Freund einmal vor einem Selbstmord coram publico gerettet. Aber weg ist er. Wer ist er? (Einsendeschluss: Dienstag, 3. November) (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle