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Montagsthemen (vom 26. Oktober)

Die Welt wankt, der Fußball schwankt, nur die ARD steht wie eine »1« – seit gestern auf zwei Beinen. Eine Themenwoche lang haben sie uns darauf vorbereitet. Nehmen sie sich selbst zu wichtig? Oder wollen sie uns vom Elend der Welt ablenken? Ich fürchte, die erste Frage gilt. Und zwar, da hypothetisch, bereits als Antwort.
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Die wankende Welt kann man gar nicht wichtig genug nehmen. Im Vergleich dazu ist die Fußball-Krise  pillepalle. Die Sache selbst berührt mich wenig. Zu unüberraschend. Noch so eine alte rhetorische Frage: Hat schon mal irgendein Bewerber für ein Großereignis NICHT zumindest faktisch bestochen, also »die Landschaft gepflegt«? Aber der große Knall folgt erst, wenn das, was wir zu wissen glauben, auch bewiesen wird. Dazu benötigt man zuvörderst einen, den man heute »Whistleblower« nennt und früher in der Schule »alte Petze« schimpfte.
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Was treibt Theo Zwanziger? Nicht welches Spiel, das ist ja klar. Aber: Was treibt ihn an? Spurensuche: Als DFB-Präsident war Zwanziger ein begnadeter Sonntagsredner. Homophobie, Depression, Diskriminierung, Ehrlichkeit, Toleranz, Frauenfußball, Schutz von Minderheiten, Gewalt, Rechtsradikalismus – stets fand er staatstragende Worte zur Erbauung, vor allem der eigenen. »Im Praxistest« aber ist der »Schlimmermacher auf erschütternde Weise durchgefallen«, schrieb die FAS anlässlich der schmierigen Amerell/Kempter-Affäre, als Zwanziger »aus Borniertheit und Realitätsverlust eine Art Selbstjustiz« betrieb (SZ).
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Erinnern Sie sich an den Suizid-Versuch des Schiedsrichters Babak Rafati? Auf die Frage im Stern, ob sich Zwanziger, der nach dem Selbstmord von Robert Enke zu mehr Menschlichkeit aufgerufen hatte, sich »nach Ihrem Selbstmordversuch bei Ihnen gemeldet« habe, sagte Rafati später: »Nein. Er hat am Tag nach der Tat das Hotelzimmer inspiziert, er war bei der Polizei, er hat eine Pressekonferenz in Köln gegeben; bei mir im Krankenhaus war er nicht. Das hat mich auch im Nachhinein extrem aufgewühlt.«
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Bei seinem Abschied als DFB-Präsident qualifizierte Zwanziger seinen logischen Nachfolger Niersbach à la »Hat sich bemüht«-Zeugnis ab (»ein geeigneter Kandidat«) und kündigte an, »seit einigen Monaten mit einer Persönlichkeit im Gespräch« zu sein, wobei es sich »um einen fußballexternen Kandidaten« handele. Niersbach war und ist längst nicht so groß wie das Ego von Zwanziger, der als würdigen Nachfolger, wenn überhaupt einen irdischen, wohl nur Frau Merkel oder Herrn Ratzinger akzeptiert hätte. Daher stellte ich seinerzeit eine weitere rhetorische Frage: »Muss sich Wolfgang Niersbach nun warm anziehen?« Heute weiß ich: So viele schützende  Kleider hängen nicht einmal beim »Kaiser« im Schrank.
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Fifa und DFB, Blatter und Platini, Zwanziger und Niersbach – das wird ein Marathonlauf durch die Medien. Beim Marathonlauf durch Frankfurt (Ha! Dieser Übergang! Wo ist meine Schulter? Klopf, klopf.) haben sie aus der finanziellen Not eine sportliche Tugend gemacht. Die Weltstars der Szene sind zu teuer, daher konzentrierte man sich auf die Deutschen bzw. DEN Deutschen. Ob Arne Gabius sein Rekordziel erreichen würde, war für den Normalo-Zuschauer (z.B. für mich) interessanter als die Frage, wer aus dem Pulk der Ostafrikaner mit 2:03, 2:04 oder 2:05 gewinnt. Womit ich hoffentlich nicht in rassistische Randzonen abdrifte.
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Auch beim Behindertensport besteht die Gefahr, dass meine sportlich motivierten Gedanken (hier: zur Prothesen-Technik) als diskriminierend missinterpretiert werden könnten. Nun springt Markus Rehm schon 8,40 Meter weit. Fantastisch! Klar aber auch, wohin das führt: zum Ende der Diskussion um die Vergleichbarkeit. Aber nicht zum Ende des sportlichen Respekts vor einer großartigen Leistung.
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Da ich in der Nacht eine Stunde mehr Zeit hatte, was mein Schlafrhythmus aber nicht wusste, nutzte ich die Zeit, mir einige Gedanken zu machen. Zum Beispiel über die Gedanken, die sich Heiner Lauterbach nachts im Bett macht: »Ich denke ständig daran, dass unten der Kuchen steht.«
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Bei Lauterbach steht nachts unten der Kuchen? Ein neues, mir unbekanntes Synonym? Nein, der Zupfkuchen, den seine Frau abends gebacken hat. Ach, Macho-Manno-Mann. So ändern sich die Zeiten.
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Noch mehr in Verwirrung stürzt mich aber, dass sich immer seltsamere Kandidaten für die Blatter-Nachfolge melden. Jetzt lese ich überall sogar: »Sexwale will sich für Fifa-Präsidentschaft bewerben.« Liebe Kollegen, muss das nicht »wollen« heißen? (gw)
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(www.anstoss-gw.de (mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«) (gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle