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Sport-Stammtisch (vom 24. Oktober)

Dass die Welt aus den Fugen gerät, wir wissen es. Völkerwanderung, VW, Fifa, DFB – alle Gewissheiten wanken. Und jetzt auch noch das: Bayern München ist der einzige deutsche Klub im Fußball-Europapokal (hier konnte man den Satz bisher oft schon mit einem Punkt beenden, aber jetzt geht er weiter:) … der keinen Punkt gewinnt. Ein Bayern-Alleinstellungsmerkmal der ganz anderen Art. Treppenwitz der Sportgeschichte: Dafür besiegt Underdog München den großen Europacup-Champion aus Russland. Im Basketball. Das gab’s noch nie. Was ist hier bloß los?
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Nur eine deutsche Gewissheit, die bleibt: Manuel Neuer ist der beste Torhüter der Welt. Punkt. Zweifel nicht erlaubt. Zwar gestattet er sich immer wieder mal Aussetzer, greift gegen Arsenal fast schon grotesk am Ball vorbei oder gefährdet bei der WM mit einer – zum Glück folgenlosen – Harakiri-Aktion die deutschen Titelchancen, aber wir halten am Mantra fest: Manuel Neuer ist der beste Torhüter der Welt. Wir lassen uns nicht alle deutschen Gewissheiten zerbröseln! Manuel Neuer ist der beste Torhüter der Welt. Manuel Neuer ist …
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… zweifellos ein Weltklasse-Torhüter. Wie Buffon, Cech oder früher Sepp Maier. Die bleiben nicht durch unfassbare Paraden (wie die von Neuer in London) in Erinnerung, aber erst recht nicht durch spektakuläre Patzer, sondern dadurch, dass sie alles halten bzw. hielten, was zu halten war. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.  Unter dem Strich: Neuer ist genauso gut. Nur anders.
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Ist der DFB anders oder genauso wie die  Fifa? DFB gut, Fifa böse – diese deutsche Gewissheit galt bisher als Axiom, als eine Tatsache also, die beweislos vorausgesetzt wird. Aber seit Beweise der 6,7-Millionen-Art verlangt werden, wirken Fifa und DFB wie böse Brüder im Geiste. Und wie es der Zufall will, lese ich soeben vom aktuellen Fall eines Einbrechers, dessen Verfahren ausgesetzt wurde, weil er die Tat abstreitet und seinen Zwillingsbruder beschuldigt. Zwillingsbrüder mit identischer DNA – woran erinnert mich das bloß?
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Es tat fast schon körperlich weh, zuhören und zuschauen zu müssen, wie sich Wolfgang Niersbach wand, quälte, verhedderte, stammelte und physiognomisch das Gegenteil seiner rheinischen Frohnatur ausstrahlte. Dead man walking, vorbei an der Todeszelle eines Feixenden in Zürich und schadenfroh beobachtet von einem deutschen »Zinker« (Ältere erinnern sich vielleicht an den Edgar-Wallace-Krimi)?
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Niersbach, Blatter, Zwanziger … was macht eigentlich Platini? In seiner ersten Stellungnahme zum »Berater«-Honorar behauptete er, »der Einzige« zu sein, »der aus der Fifa wieder ein Zuhause für den Fußball machen kann. Aber jedes Mal, wenn ich der Sonne nahe bin, so wie Ikarus, verbrenne ich mich« (Quelle: Bild). – Autsch! So viel Selbstbewusstsein tut noch mehr weh als Niersbachs Quälerei.
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Mit welcher mythologischen Figur könnte sich Stefan Effenberg vergleichen? Herkules? Apollo? Zeus? Zu tief gegriffen. Als sich Effenberg in Paderborn vorstellte, war sein erster Satz: »Ich bin es wirklich.« Ich, Effenberg. Bei solchen Sätzen wie denen der beiden Ex-Fußballer scheiden sich die Geister: Die einen zucken mit der Schulter oder finden es gar originell, die anderen wenden sich mit Grausen.
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Aber kein Vergleich mit gräuslichen Dumpfbacken wie diesem Schriftsteller, dessen Namen ich weder auswendig schreiben kann noch will, oder jenem italienischen Exnationalspieler, der einen dunkelhäutigen deutschen Nationalspieler rassistisch beleidigt. Der eine faselt von leider geschlossenen KZs, der andere von Schwarzen, die in der Abwehr zu Fehlern neigen, weil: »Sie sind physisch stark, aber wenn es ums Denken geht, machen sie oft Fehler.« Ich neige bei den Themen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zwar dazu, nicht jedes blöde Wort auf die überfein justierte Goldwaage zu legen, aber Toleranz gegenüber Dumpfbacken muss auch Grenzen haben.
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Ich fürchte, weniger Zustimmung finde ich bei einer anderen Grenze, der zur Unfairness, die für mein Empfinden im Fußball überschritten ist, wenn ein Spieler, dem ein absichtliches Handtor (wie ich zu seinen Gunsten annehme: in der Hitze des Gefechts) unterläuft, danach nicht sofort zum Schiedsrichter geht und das Handspiel bekennt. Mainstream scheint aber zu sein, was ich in der Frankfurter Rundschau lese: »Den größten Bock hat nicht der Spieler geschossen, sondern das Schiedsrichtergespann«, daher wäre eine nachträgliche Strafe für den Spieler »einigermaßen weltfremd«. Allerdings nur in einer Sportwelt, die schon lange nicht mehr die meine ist. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle