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35 – 25 – 15 – 5 (“Anstoß” vom 22. Oktober)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren jeweils im Herbst: Texte aus »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides. Diesmal überwiegt aktueller Bezug, zum Beispiel: Wie sauber recherchiert der »Spiegel«? 35 – 25 – 15 – 5 – Los geht’s
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(Man hat so seine Lieblingsfeinde. Als der Bundesausschuss Leistungssport/BAL), die graue Eminenz des bundesdeutschen Sports, 1980 zehnten Geburtstag feierte, gratulierte ich sehr unherzlich:) Das ganze Dilemma des BAL ist auf einen Nenner zu bringen: Nach der olympischen Selbständigkeit der DDR 1968 und den wachsenden sportlichen Erfolgen des zweiten deutschen Staates wollte man die DDR mit ihren eigenen Mitteln schlagen, den Sport zentralistisch und dirigistisch hart an die Kandare nehmen, doch die Verhältnisse waren nicht so. Nicht so wie in der DDR, zum Glück, so dass sich der verwissenschaftlichte Sportbürokratismus des BAL inzüchtig zu einem Parkinsonschen Wasserkopf aufblähte – fast jeder ein Direktor, darunter tut’s kaum einer – und Absonderlichkeiten hervorbrachte, die nur in weitgehend konkurrenzfreien Randsportarten zweifelhafte Erfolge zeitigten. (15. Oktober 1980 / Es gibt ihn noch, den BAL, in diesem Jahr feiert er 45. Geburtstag, und auch meine Überschrift von 1980 bleibt: »Kein Glückwunsch!«)
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(Im Sommer 1990 erfuhr ich exklusiv und aus zuverlässiger Quelle, dass ein Dreispringer die Dopingkontrollen ad absurdum führte, indem er die schriftliche Aufforderung, zum Test zu kommen – so ging das damals – mehrmals ebenfalls schriftlich abgelehnt hatte. Wörtlich schrieb ich am 15. August: »Höflich, aber bestimmt antwortete der Sportler, er habe keine Zeit.« Und zwar, behauptete ich, drei Mal nacheinander. Zwei Wochen später schrieb der »Spiegel« seinen eigenen Exklusiv-Artikel. Darin tauchte der Satz auf: »Höflich, aber bestimmt erwiderte der Athlet, er habe keine Zeit.« Und zwar drei Mal nacheinander. Zufall oder Plagiat? Klarer Fall:) Original und Plagiat beleuchten die Frage der Glaubwürdigkeit des Journalismus unter einem Blickwinkel, der verblüffen dürfte. Denn für den Zweck der »Anstoß«-Kolumne hielt ich es nicht für nötig, exakt zu recherchieren, ob der Dreispringer zwei-, drei oder vier Mal den Dopingtest verweigert hatte und ob er dies »höflich, aber bestimmt« oder etwa unhöflich und unbestimmt getan hatte. Mithin stimmte der Kern der Aussage, der Satz selbst aber beschrieb kein Faktum, sondern dessen Möglichkeit in Form von Realsatire. So schrieb der »Spiegel« bei uns ab und verkaufte eine »gw«-Interpretation, deren »künstlerische Freiheit« – wenn überhaupt – nur in unserer Glosse zu rechtfertigen war, als von »Spiegel«-Redakteuren exakt recherchierte Tatsache. (13. 10. 1990 / Auf den Punkt gebracht: Der »Spiegel« präsentierte eine investigativ ermittelte »Tatsache«, die ich … mir einfach nur ausgedacht hatte.)
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(Es gibt Themen, die sind damals wie heute mit Tabus vermint und mit Fettnäpfchen gepflastert:) So sah man kürzlich am Gießener Stadttheater ein großes Transparent hängen, auf dem trutzig bekannt wurde: »Prädikat besonders ausländerfreundlich.« Aber wer bricht den Realsatire-Rekord? Natürlich die Sportler. Um ein Zeichen gegen den Rechtsradikalismus zu setzen, spielten Frankfurter Eintracht und Borussia Dortmund vorige Woche im Waldstadion fünf Minuten lang ohne Rechtsaußen. Das war so unglaublich gut gemeint, dass niemand laut zu sagen wagte: Spinnen die? Leider hat nicht jeder das Gespür für das Groteske an Stadttheater- oder Waldstadion-Aktion. Daher müsste man nun zu erklären versuchen, warum derartige Bekenntnisse zwar gut gemeint sind, aber der Sache schaden, und warum plakativ-generelle Fremdenfreundlichkeit kaum weniger alarmierend sein kann als dumpfbackige Fremdenfeindlichkeit. Aber die Minen! Aber die Fettnäpfchen! Ähnliches gibt’s auch im Komplementärbereich der korrekten Fremdenfeindlichkeitsfeindschaft: die ultrakorrekte Frauenfeindlichkeits-Verhinderungsmanie. Und so können wir einen neuen Realsatire-Rekord melden: Als sich jetzt eine dem Kolumnisten äußerst nahe stehende Frau Sportschuhe kaufte, fand sie darauf ein Etikett, auf dem sich der Hersteller in sechs Sprachen für die Kennzeichnung »W« (für Women) entschuldigt: »Differenzierung keine Diskriminierung.« (7. Oktober 2000 / Heute reicht kein Schuhkarton, um alle genderkorrekten Geschlechtsbezeichnungen aufzulisten.)
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Und dann wäre da noch der russische Minister, der in die Kritik geraten ist, weil er sich von Schülern, die Liegestütze in Serie machten, die Schuhe küssen ließ. Wäre bei uns unvorstellbar. Dass ganze Schulklassen in der Lage wären, in Serie Liegestütze zu machen. Sollte das irgendwann doch einmal gelingen, dem zuständigen Minister müsste man glatt die Schuhe küssen. (18. September 2010) (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle