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Montagsthemen (vom 19. Oktober)

Wir könnten auch über die Bundesliga sprechen. Schalke etwa, wo die Stimmung auf den Rängen und die Lage in der Tabelle besser sind als die augenblickliche Leistung auf dem Platz – da bahnt sich etwas Größeres an. Aufbruchstimmung. Oder die Eintracht, bei der alle drei Indikatoren gleich schlecht sind. Da bahnt sich etwas Unangenehmeres an. Nur der Trainer wirkt noch gewinnend, beredt und beliebt wie ein früherer US-Präsidentschaftskandidat, den erst die lapidare Frage »where’s the beef« aus dem Rennen warf. Oder Robert Lewandowski, der auch torlos Größe zeigt: Ihm werden eineinhalb Elfmeter geklaut, aber er klagt nicht, selbst über einen Tritt nicht, nach dem mancher Arbeitnehmer krank geschrieben würde, sondern er macht einfach das, was auch wir Hessen machen: als weider!
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Aber ich rede natürlich über den Skandal. Das Wort, ich habe es schon einmal erwähnt, kommt vom altgriechischen »skándalon«, dem Stellholz einer Falle. Dass der Skandal im moderneren Sinne ein ungeratenes Kind der Medien ist, erkannten schon die Brüder Grimm (nicht im Märchen-, sondern in ihrem Wörterbuch), denn sie definierten ihn als »mit niedrigem wohlgefallen geübtes hervorziehen und ausbreiten ärgerlicher dinge«.
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Die FIFA, Deutschland und das Sommermärchen. Die vorliegenden »Spiegel«-Fakten sind bis auf eine Ausnahme (die schwarze Kasse) schon zum Teil vor mehr als zehn Jahren in meinen Kolumnen aufgetaucht. Ich rühme mich dessen nicht, denn ich hatte keine Insiderkenntnisse, habe nicht investigativ recherchiert, denn alles lag für alle offen wie ein Buch. Man musste es nur lesen (wollen).
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Womit wir zum Wesen des modernen Skandals kommen. Skandale gibt es wie Sand am Meer. Oder wie unter den Teppich gekehrte Flusen. Zufall, Willkür oder die Rache der Patriarchen lupfen den Teppich, eine Wollmaus taucht auf, rollt in die Falle, Skandalon, Fallholz, aus die Maus. Die anderen Wollmäuse atmen auf. Noch viel Platz unter dem Teppich.
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Glaubt eigentlich irgendjemand, es seien schon mal eine Fußball-Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele vergeben worden, ohne dass Bestechungsgelder geflossen seien? Mein alter Kernsatz, der viele »Anstoß«-Jahre auf dem Buckel hat, muss ergänzt werden: Glaubt eigentlich irgendjemand, die unterlegenen Konkurrenten hätten nicht bestochen?
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Fakten aus der Leichtathletik: Sebastian Coe hat Olympia 2012 nach London geholt. Als Läufer von Nike gesponsort, machte ihn der US-Gigant später zum Senior Advisor. 2021 feiert Nike 50. Geburtstag. Als Geburtstaggeschenk findet die Leichtathletik-WM 2021 in Eugene/Oregon statt, dem Nike-Stammsitz (wo heute das skandalumwitterte »Nike-Oregon-Project« läuft, aber das ist k/ein anderes Thema). Zum Zeitpunkt der »Wahl« – ohne Ausschreibung, par ordre du mufti – war Coe IAAF-Vizepräsident. In seinem »Brot«beruf im Sportmarketing sorgte er unter anderem dafür, dass Baku die grotesken Europaspiele bekam – womöglich eine weitere Stufe auf der Karriereleiter des heutigen IAAF-Präsidenten, der als Favorit auf die – allerdings noch lange nicht spruchreife – Nachfolge von IOC-Präsident Thomas Bach gilt.
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Namedropping: Infront kaufte die Senderechte der insolventen Kirch-Gruppe. Infronts Gründungs-Investor: jener Robert Louis-Dreyfus, Stichwort schwarze Kasse, von dem Uli Hoeneß ein paar Milliönchen zum Verzocken bekommen haben soll. Infront-Galionsfigur: Günter Netzer. Philippe Blatter, ein Neffe von Siewissenschon, ist Präsident und CEO von Infront, das schon 2008 wegen obskurer Deals mit der FIFA ins Gerede kam. Der Sohn von UEFA-Präsident Michel Platini, Katar, Paris St. Germain  … ach, lassen wir das. Eine unendliche Reihe. Alles hängt mit allem und alle mit allen zusammen. Was ist wahr? So wahr das? Bisher juristisch wichtigster »Spiegel«-Satz: »Wir haben nicht den finalen Beweis.«
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Bei all den Wollmäusen auf dem Medien-Tisch und unter dem Ehrbarkeitsteppich wundert es nicht, dass Skateboard olympisch werden … nein, nicht will, sondern soll. Viele hippe Skateboarder fänden es aber ausgesprochen gruftig-schuftig, wenn ihre Sportart, die mehr ein Lebensgefühl ist, als Feudel für hoffnungslos Verstaubtes missbraucht würde. Sie werden sich wahrscheinlich vergeblich wehren. Snowboarding ist ja auch schon olympisch.
Hauptsache, Waterboarding bleibt draußen.
(gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle