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Sport-Stammtisch (vom 17. Oktober)

Endlich wieder Bayern-Fußball. Nach dem  Gegurke der Nationalelf freut man sich  auf den besten Fußball der Neuzeit. Gleichzeitig signalisieren die Münchner den aktuellen und potenziellen Verfolgerchen, was Sache ist: Während Wolfsburg in der VW-Bremsspur die Planungen für ein 40-Millionen-Nachwuchszentrum stoppt, starten die Bayern den Bau einer 60-Millionen-Talentschmiede. Die Schere öffnet sich weiter. Da mag sich manche Faust in der Tasche ballen, aber es gibt mittlerweile auch schon viele Fäuste, die sich synchron mit der Schere öffnen: zum Beifall für die Bayern.
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Beifall auch für Stefan Effenberg. Taktisch geschickt beginnt er seine Trainerkarriere bei einem gut ausgestatteten, respektablen Zweitligaklub, ohne akuten Erstligazwang, aber mit mittelfristigen Wiederaufstiegs-Ambitionen. Ob er sich, nach langer Wartezeit als Ladenhüter im »Experten«-Teleschaufenster, bewusst klug bescheidet oder in Torschlusspanik verramscht, weiß nur Effe selbst.
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Einer wartet weiter. Lothar Matthäus. Ich würde ihn gerne in der Bundesliga sehen. Im Kreis der alten Kämpen unter den Co-Kommentatoren fällt er jedenfalls positiv auf. Sobald es um Fußball geht, sabbelt er kein nervdödendes Blabla mehr, sondern analysiert messerscharf. Leider hat er sich den Weg in die Liga verbaut. Nach Frankfurt allemal. Veh könnte ja wieder einmal hinschmeißen, dennoch bliebe Matthäus hierzulande unvermittelbar, selbst wenn er auf den Knien von Canossa an den Main rutschen und der leibhaftige Grabi ihm die Absolution erteilen würde.
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Und so endet Matthäus auf seinem einsamen Weg in die Bundesliga immer in seiner Image-Sackgasse. Mein Weg ist dagegen kein einsamer, auch wenn er manchmal ebenfalls in die Sackgasse führt. Die Leser sind immer dabei, I never walk alone! Diesmal bin ich in den »Montagsthemen« bei »Jerry« gelandet, seinen Pacemakers und dem zur globalen Fußball-Hymne geadelten »You’ll never walk alone«. Manni Merz aus Bad Nauheim, vor vielen Jahren ein lieber Wegbegleiter in der Sportredaktion, weist mich »auch als diesbezüglich Spätgeborener (1973) darauf hin, dass es Gerry and the Pacemakers waren, aber vielleicht hast Du ja gerade an Gary Grant oder Cary Lewis gedacht«. – Hab ich nicht! Wohl eher an Tom und Jerry (dass Manni Merz die Vornamen von Grant und Lewis aus Jux vertauscht, muss nur für noch später Geborene betont werden).
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Bei Norbert Roth aus Bad Nauheim, »alter Merseybeatfan und regelmäßiger Leser Ihrer Kolumne« , weckten die »Montagsthemen« Erinnerungen: »In den Siebziger- und Achtzigerjahren gab es den ›Macabre Club‹ in Assenheim. Dort bei Peter Susemiel sind sie ›alle‹ aufgetreten. Searchers, Dave Dee, Tremeloes, Troggs, Sweat usw. Unter anderen auch Gerry. Bei einem Gespräch mit ihm fragte ich, was das Schönste in den Sechzigern für ihn war. Er sagte, als ›You never walk alone‹ die Beatles (›She loves you‹) als Nr. 1 in den Charts ablöste. Noch viel mehr allerdings habe es ihn berührt, als Tausende anlässlich seiner Hochzeit 1965 auf einer Tour mit den Beatles dieses Lied anstimmten.« – Schöne Geschichte. Davon können alte Beat-Boys gar nicht genug bekommen.
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»I don’t want to be a blip in the ocean.« Was wie ein weiterer englischer Songtitel klingt, lese ich online in einer neuseeländischen Zeitung als Aussage des jungen Kugelstoßers Tom Walsh, der alle meine Vorhersagen erfüllt hat. Angeberpech, dass sie nicht Walsh, sondern Landsmann Jacko Gill galten, dessen Stagnation pünktlich mit meinen Lobpreisungen begann. Ich bin halt ein Experte.
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Walshs Entwicklung verlief so atemberaubend, wie von mir für Gill prognostiziert. Vor zwei Jahren dachte er über die Kugel-Asse um David Storl, »these guys are gods«, und in diesem Jahr wurde er WM-Vierter und schlug sie bei Meetings alle, inklusive Storl. Dennoch arbeitet Walsh weiterhin auf dem Bau, er ist Maurer, und den Beruf übt er auch aus. Schwer vorstellbar, aber angeblich wahr. Bemerkenswert.
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Aber was ist ein »blip« im Ozean? Ein Tropfen? Ich weiß es nicht, mein Taschenwörterbuch weiß es nicht, erst mein großes »Standard Dictionary« klärt auf: ein leuchtender Signalpunkt beim Radar. In Internet finde ich dann auch noch den Sprachgebrauch für »blip«, den Walsh meint und das er nicht sein will: ein »kurzzeitiges Phänomen«.
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Leider kein solches: Gewalt in Palästina.  Bild im »Spiegel«: »Steine werfende Palästinenserinnen in Hebron«. Dennoch muss ich diesmal schmunzeln. Auf dem Foto sind drei junge, im Palästinenser-Chic gut gekleidete Mädchen zu sehen. Im Vordergrund holt eine der jungen Damen aus: Steinchen in der rechten, abgeknickten Wurfhand, Stemmbein ist statt des linken das rechte Bein – wer so wirft, gefährdet keine israelischen Soldaten, sondern seine beiden Freundinnen. Aber wahrscheinlich ist das Foto sowieso von hinten bis vorne gestellt.
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Bei der »Blip«-Suche stoße ich im Beifang auch auf das Video mit Valencias deutschem Nationalspieler Shkodran Mustafi, auf dem er, als gläubiger Moslem strikt gegen Alkohol eingestellt, vor einer Pressekonferenz eine Flasche Bier, die man neben das Mikro gestellt hat, unwirsch weit zur Seite schiebt. Der Klub-Pressesprecher holt die Flasche mit der Marke des Sponsors zurück, Mustafi fügt sich, die Pressekonferenz beginnt, mit der Bierflasche voll im Bild. Wie nennt man so was? Die normative Kraft des Faktischen? Wer zahlt, befiehlt? Oder aber: Erfolg für beide? Mustafi hat immerhin kurz aufbegehrt, das gibt einen Glaubens-Pluspunkt, und dem Sponsor gelang ein unbezahlbarer Werbeerfolg. Nur sehr böse Menschen wollen glauben, die Sache sei abgesprochen gewesen. Wir lieben Hessen nennen daher auch die Biermarke: Estr … ach, vergessen. Hauptsache: Licher. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle