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Unser Nobelpreis (“Anstoß” vom 15. Oktober)

Die Nobelpreise sind vergeben. Jahr für Jahr schöpfen die Friedens- und Literaturnobelpreise den medialen Rahm ab, obwohl (oder weil?) sie weniger Friedens- und Literaturnobelpreise sind als vielmehr politische Absichtserklärungen. Aber auch die anderen Preisträger werden gebührend gewürdigt. Nur zwei Sparten scheinen nicht nobel genug für diesen weltweit einflussreichsten Preis: Mathematik und Sport.
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Gäbe es die beiden fehlenden schon, dann hätten Sepp Blatter und seine FIFA diese bereits vor Jahren gewonnen. Den für Mathematik, weil die Hand-auf-Sippe Schmiergelder selbst in Fantastillionenhöhe mühelos addierend dem eigenen Konto hinzurechnen konnte, und den Sportpreis für diverse politisch korrekte Alibi-Aktionen. Vermutlich hätte Blatter dafür als Draufgabe auch noch den Friedensnobelpreis kassiert, obwohl man bei diesem – im Gegensatz zur Mathe-Referenz der FIFA – immer verwegen hofft, dass ihn jemand kriegt, der recht wenig »kriegt«.
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Die Blatter-FIFA gewinnt 2015 also weder Friedens-, Mathe- noch Sportpreis, sondern nur noch den Spottpreis. Aber warum gibt es keine Nobelpreise für Mathematik und Sport? Im ersten Fall wird immer wieder kolportiert, Alfred Nobel habe sich an dieser Wissenschaft gerächt, weil seine Frau mit einem Mathematiker fremdgegangen sei. Dieser überlieferte Grund überzeugt allerdings logisch nicht ganz, denn Nobel war nie verheiratet.
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Man kann allerdings auch ohne Ehering betrogen werden oder sich zumindest betrogen fühlen, von daher läge die Vermutung nahe, Nobel sei eifersüchtig auf einen finnischen Speerwerfer oder schwedischen Eishockeyspieler gewesen. Doch auch das greift zu kurz, denn zu Nobels Zeiten gab es noch keinen Sport in unserem Sinne, nur Turnvater Jahns Leibesertüchtigung. Deren Sinn und Zweck war auch nicht unbedingt nobelpreiswürdig, da sie den Leib vor allem zum Kampf gegen den Todfeind ertüchtigen sollte.
Welchen? Den welschen.
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In Nobels Zeiten hatte der Sport nur so viel Bedeutung, wie er ihn in Zukunft haben wird, wenn der wahre Sport komplett von der Ware Sport ersetzt sein wird. Viel fehlt nicht mehr zur Identifikation mit spätrömischer Dekadenz. Doch bevor der Sport vollends zum fadenscheinigen Deckmäntelchen von Brot und Spielen im Zirkus Maximus verkommt, sollten wir ihm einen Nobelpreis widmen, der nicht auf Alfred Nobel, sondern auf das Adjektiv »nobel« zurückgeht, in des Dudens Sinn von »bewundernswert, großmütig, edel gesinnt, menschlich vornehm«.
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Vorschlagsliste: Jürgen Klopp, weil er schon die zweite buchstäblich prekäre Region in freudige Aufbruchstimmung versetzt. / Thomas Müller, weil er in der durchdigitalisierten Laptop-Welt des modernen Fußballs in fröhlicher Anarchie die Systeme abstürzen lässt. / Christina Schwanitz, weil sie als Kugelstoß-Weltmeisterin die starke Frau schlechthin verkörpert. / Dirk Nowitzki, weil er Dirk Nowitzki ist. Lebenswerk! / Hamburg, weil die Stadt ein olympisches Motto vorbildlich lebt.
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Wer ist Ihr Favorit? Meiner, ganz klar, ist Dirk Nowitzki. Aber den noblen Preis würde eher Hamburg gewinnen. Die Stadt rechnet als Bewerberin mit 11,2 Milliarden Kosten für Olympia, denen 3,8 Millionen Einnahmen gegenüberstehen. Dennoch will Hamburg das tun, was ein auch physiognomisch Blatter ähnlicher Weltverbandsboss einst als vornehmste Tugend von Ausrichterstädten verlangte. Als sich Stuttgarts OB Manfred Rommel leise beschwerte, dass sich die Stadt 1993 für die Leichtathletik-WM in Unkosten stürzen musste, gab ihm IAAF-Boss Primo Nebbiolo den Rat: »Be happy and pay the deficit.«
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Aber wenn es nur darum ginge: Hamburg ist überall. Daher müssten wir die Vorschlagsliste ersatzlos streichen, denn es bliebe nur ein Kandidat übrig. Wir sind Nobelpreis! (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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