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Montagsthemen (vom 12. Oktober)

England hat schon andere Deutsche wohlwollend aufgenommen. Bert Trautmann wurde zur Legende, weil er mit gebrochenem Genick gespielt hatte. Eine echte deutsche Tugend. Die liebt England nicht, aber die respektiert man dort. Auch Boris Becker kommt auf der Insel gut an. The Strange One! Mit  schrulligen Originalen können sie nun mal gut, die Engländer. Dann kam Jürgen Klinsmann. Der wollte buchstäblich  auf der Schleimspur  mit gespielter Selbstironie in die englischen Herzen kriechen beziehungsweise »diven«. Der Schriftsteller und Fußball-Fan Nick Hornby aber ließ sich nicht täuschen und nannte   ihn im  »Spiegel« einen  Zyniker: »Bevor er nach England kam, galt er als Diver, als einer, der Elfmeter schindet.« Erstaunte Gegenfrage des Magazins: »Bis er einen Witz machte und nach der nächsten Diving School, einer Tauchschule, fragte. Was ist zynisch daran?« – Hornby: »Er ist ein Diver.«
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Sie haben nun mal ein gutes Gefühl für Echtheit. Daher mögen sie auch Per Mertesacker, eine echte deutsche Eiche, leider so geschwind laufend  wie diese wachsend. Aber Mertesacker ist intelligent, ein  Pfundskerl und kommt  als »Big Fucking German« echter Beliebtheit am nächsten. Doch das ist alles nichts gegen die  Kloppomania in Liverpool.  Nie war ein Deutscher in England beliebter als seit Freitag Jürgen Klopp. Ja, gut, langfristig vielleicht Prinz Philip. Aber der schräge Typ hinter der Queen hat zwar dank  Battenberg (Mountbatten!) blaues hessisches Blut in den Adern, aber als echten Deutschen können wir ihn genealogisch nun doch nicht heim in unser Reich holen.
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Die zum Erbrechen blöde Floskel, jemand werde wie ein Messias erwartet, in Liverpool  kommt sie ihrer Berechtigung nahe wie selten. Klopp hat überschwängliche Erwartungen und »echte Liebe« zwar schon in Dortmund kennengelernt, aber am Mersey kommen ein paar Umdrehungen  hinzu. Was sie beim BVB auf der Südtribüne beseelt singen, ist als Hit ein Original aus Liverpool, von wo  nicht nur die Beatles, sondern eben auch Jerry and The Pacemakers stammen. Deren »You’ll Never Walk Alone« wurde als Fußball-Hymne zuerst auf der Tribüne »The Kop« an der Anfield Road angestimmt – in der Saison 1967, dem Geburtsjahr von Jürgen Klopp. Nehmen wir es als gutes Omen für die himmelhoch jauchzenden Erwartungen, die, nüchtern betrachtet, kaum zu erfüllen sind.
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Nach der schon heute legendären Pressekonferenz nahmen nur ein paar Eidgenossen bierernst übel, als Klopp flachste, wenn er keinen Titel hole, sehe man sich eben in der Schweiz wieder. Immerhin realistischer als in … Remscheid. Die Stelle beim dortigen Landesligisten ist bis auf weiteres in den festen Händen von Torsten Legat, der wenige Tage vor Klopp in Remscheid als neuer Trainer vorgestellt wurde. Legat? Ja, »unser« Legat, in Heynckes’ jungen und unseligen Frankfurter Jahren Dampframme und Hoffnung von Klub und Trainer.
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Ich will nicht alle ebenso unseligen Klöpse Legats aufpolieren, der den Ball nur unwesentlich talentierter beherrschte als das Wort.  Seine  Vorstellung in Remscheid ist ein Top-Hit im Netz: »Ich komme nur wegen dem FC Remscheid. Das ist eine Faszination, hier sein zu dürfen. Mein größter Wunsch war, einmal für den FC Remscheid Trainer sein zu dürfen.« Klarer Fall für eine Internetplattform Kloppoplag – man tausche nur die Städtenamen aus und weiß, bei wem Klopp geklaut hat.
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Spaß beiseite. Also zur Eintracht. Verräterische Schlagzeile in der Frankfurter Rundschau, der besten Vehversteherin im ganzen Hessenland: »Bundesligist arbeitet nun ganz bewusst an der Fitness.« – »Nun«erst ?
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Weitere Weisheit des Fußballverstehers Legat: »Ich kann in den Köpfen der Spieler eins sagen: Dass sich andere Zeiten hier in Remscheid ändern.« So weit wie Legat kann selbst Klopp nicht gehen. Auch Veh nicht, obwohl Remscheid näher an Frankfurt liegt. Doch bevor sich andere Zeiten ändern können, müssen sie erst mal anbrechen. »Nun« in Frankfurt. Bisschen spät, aber immerhin. (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle