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Sport-Stammtisch (vom 10. Oktober)

Einstellung schlägt Aufstellung. Die Iren rannten, hetzten und kämpften wie von Klopp trainiert, die fußballerisch hoch überlegenen Deutschen spielten … ja; wie spielten sie denn? Irgendwie bräsig. Das Wort drängt sich mir auf, ohne dass ich genau weiß, was es bedeutet. Wohl ein alter Ausdruck. Daher schaue ich in meinen uralten Sprach-Brockhaus (von 1935!): »frisch, rot aussehend, behäbig, dick«. Tja. Was denn nun? Mein anderer alter Brockhaus (von 1958) verweist auf »Onkel Bräsig«, die »dichterische Gestalt eines biederen, kernigen und gemütvollen mecklenburgischen Gutsinspektors bei Fritz Reuter«. Ich suche mir hier »bieder« und dort »behäbig« raus und ergänze, im Internet suchwortelnd, »schwerfällig«, »ohne Schwung« und »unflexibel« – ja, so war’s.
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Am Ende bangte man sogar mit den Iren und um ihre großartige Stimmung. Überhaupt, die Männer von der Insel: England und Nordirland schon durch, Wales Gruppenerster, Irland mindestens in der Relegation, nur Schottland knapp gescheitert – Respekt! Aber warum können sie überhaupt alle teilnehmen, Peps Katalanen oder die Basken aber nicht? Wir Hessen ja auch nicht. Also, warum dürfen sie bei Olympia vereint antreten (Medaillenspiegel!), im Fußball aber getrennt zuschlagen? Die Antwort ist ebenso einfach wie unlogisch: Weil die FIFA aus Achtung vor der Mutterland-Tradition erlaubt, was das IOC verbietet.
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Vor Jahren dröselte mir ein Leser auf, dass es nur drei britische Fußballmannschaften gibt: England, Wales und Schottland. Das Vereinigte Königreich habe vier Mannschaften (die drei britischen und die nordirische) und die Britischen Inseln fünf, denn jetzt kommt Irland ins Spiel (das auch bei Olympia unabhängig antritt).
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Hoffentlich habe ich richtig referiert. Zweifel sind angebracht. Wenn’s nach mir ginge, wären Götze und Schweinsteiger (jeweils Adduktoren) gar nicht verletzt, denn erst vorgestern habe ich behauptet, im Oberschenkel gebe es nur zwei Muskeln. »Eijeijei, weit aus dem Fenster gelehnt und dann rausgefallen!«, höhnt Physiotherapeut Michel Scharping (Allendorf/Lda.), und Dr. Hans-Heinrich Kleinschmidt (Bad Nauheim) ergänzt mit mildem Spott: »Ich jedenfalls kann ohne Adduktoren, m. sartorius, m. gracilis, m. vastus, m. iliopsoas und noch einige mehr nicht laufen. Dann humpeln Sie mit ihren zwei Oberschenkelmuskeln mal schön weiter.«
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Und noch einer: »Bei sportmedizinischen Fachfragen sollte sich der Laie zurückhalten. Der Musculus iliopsoas ist einer der wichtigsten Sportmuskeln überhaupt und ›der‹ Sprintmuskel schlechthin. Aber statt sportmedizinisch zu dilettieren …« – Ganz schön hart! Wer macht mich da so gnadenlos fertig? Ich selbst, vor drei Jahren in dieser Kolumne (aber auf andere zielend. Na ja …). Dass ich diese Muskeln also kenne, ist kein Trost, denn der Blackout könnte auch zu den Warnsignalen meines »progressiven Alttags« gehören (siehe auch die gleichnamige Kolumne heute im Gießener »Seniorenjournal«/ für Leser aus der Wetterau: Link im Blog »Sport, Gott & die Welt«).
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Wie viele Muskeln hat der Unterschenkel? Ich lehne mich nicht mehr aus dem Fenster und erlaube mir auch keinen rabenschwarzen Humor. Ich will nur auf die – mittlerweile etwas abgeebbte – Diskussion um Oscar Pistorius oder Markus Rehm kommen. Kürzlich interviewte die »SZ« den Philosophen Konrad Paul Liessmann, es ging um »Selbstoptimierung«. Liessmann: »Man könnte etwa bei behinderten Athleten bestimmte Gliedmaßen durch Substitute ersetzen, die über Hirnströme gesteuert werden und bessere Leistungen hervorbringen als eine normale Ausstattung.« Nur – darf man das? Liessmann bleibt da (für mich) etwas unklar. Im Sport aber dürfte klar sein: zumindest nicht im Wettkampf gegen Athleten mit »normaler Ausstattung«.
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Blatter, Platini und die Fifa, Klopp und Liverpool, das Bräsigkeits-Desaster – da fallen kleine persönliche Tragödien fast unter den Tisch, wie Patrik Hermanns Kreuzbandriss. Mit ihm leidet jeder, mit Blatter & Co. niemand. Ich ja auch nicht. Aber was wäre, wenn es im Handball oder in der Leichtathletik um ähnliche Summen ginge? Und ist das IOC tatsächlich die Mutter Teresa des Weltsports?
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Zur Fifa-Affäre lese ich in der »Zeit«: »Theo Zwanziger läuft sich schon einmal warm. Ob er sich vorstellen könne, die Fifa zu revolutionieren?« Der Ex-DFB-Boss wehrt geschmeichelt ab: »Das sind Kommunikationsspielchen.« Und das ist kein Dementi. Aber eher hat der Oberschenkel nur zwei Muskeln, als dass Zwanziger Fifa-Präsident wird. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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