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Denn täglich grüßt der Luftballon (“Mein progressiver Alttag” vom 10. Oktober)

 Ich freue mich auf »Frank«. Der neue, vierte Bascombe-Roman von Richard Ford trägt den Vornamen unseres alten Freundes im Titel und ist soeben in Deutschland erschienen. Frank Bascombe begann als »Der Sportreporter«, war und ist ein stinknormaler Mittelstandsbürger und denkt nun, im vierten und wohl letzten Teil, als Rentner »über das Alter, über Männer und Frauen, über Liebe, Verlust und Tod« (Buch-Werbung) nach. Mein Reden: Sport, Gott & die Welt. Ich und Frank! Und die Luftballons.
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Wie schön, dass es ihn noch gibt. Harry »Rabbit« Angstroem, John  Updikes (etwas sexistischerer) Bruder im Geiste von Frank, ist ja längst verblichen. Gestorben auf dem Feld des Sports, als es der unsportliche Alte mit einem jungen Basketballer aufnehmen wollte.
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Sport im Alter. Einige übernehmen sich, wie der völlig untrainierte »Rabbit«, andere tun gar nichts. Gesund wäre das Maß in der Mitte. Ich versuche, mich daran zu halten. Es gelingt nicht immer. Wenn ich zwei, drei Touren mit dem Pedelec gefahren        bin, ungegrüßt von im Vorbeifahren verächtlich auf meinen Akku hinab blickenden Radsportlern, schwinge ich mich das nächste Mal aufs alte sportliche Treckingrad, und schon werde ich angelächelt, gegrüßt und wieder in den Kreis derer aufgenommen,      zu denen ich gehörte und gehören will: zu den Sportlern.
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Richard Fords »Frank« trägt im Original den Titel »Let Me Be Frank With You«, ein Wortspiel, in etwa bedeutend: »Lassen Sie mich offen mit Ihnen sein.« Und da auch ich zu Ihnen frank und frei schreiben will, muss ich nun zu den Luftballons kommen und etwas gerontologisch völlig Unkorrektes zugeben. Alle wunderbaren Menschen, die sich um manchmal störrische Alte kümmern, mögen mir bitte verzeihen: Zu den Horrorvorstellungen in meinem Alttag, der ja nicht ideologisch, sondern biologisch    ein progressiver ist, gehört die furchtbare Vorstellung, als Ex-Leistungssportler im Altersheim in den Stuhlkreis geschoben zu werden, um mir mit anderen Alten einen Luftballon hin und her zu ditschen.
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Bin gespannt, wie Rentner Frank sein Alter annimmt. Er hatte ja schon als Mittfünfziger im dritten Teil (»Die Lage des Landes«) Probleme mit der Prostata, die manchen Mann mit den Jahren ins Lager der Sitzpinkler treiben – weil mann so lange gar nicht mehr stehen kann, wie es läuft und läuft (wobei »läuft« ein Paradebeispiel für einen Euphemismus ist).
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Laufen, sitzen – liegen. Jeder alternde Sportler weiß: Zuerst verabschiedet sich die Sprungkraft. Daher leuchtet auch der Test ein, über den jüngst zu lesen war. Er soll uns sagen, wie alt wir wirklich sind, unabhängig von der progressiven Zahl der Jahre, die wir auf dem Buckel mitschleppen. Ich habe ihn gemacht, den Test: Wie schnell kann man, am Boden liegend, aufstehen? Ha, dachte ich, kein Problem, früher habe ich nur mal kurz mit dem »glutäus maximus« gezuckt, den beiden großen Popo-Muskeln – schon stand ich. Und jetzt, gestern Nachmittag: Wie ein Wurm wand ich mich, stützte mich auf das Handgelenk … das rechte mit der ausgewachsenen Arthrose im Daumensattelgelenk, von der ich in meinem progressiven Alltag schon berichtet habe … brach schreiend zusammen, wälzte mich ächzend auf die andere Seite, rappelte mich auf … mittlerweile wurde es dunkel … ach, lassen wir das.
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Vielleicht haben Stuhlreihe und Luftballons doch etwas für sich.  Wie bei jenem Senior, dem beim Pritschen und Ditschen eine süße kleine Alte auffiel, die ihm zuzwinkerte. Diese blauen Augen! Und wie sie ihn anlächelte! Bei der hatte er Chancen. Als dann im Singkreis jeder sein Lieblingslied vortragen sollte, trällerte er den Song von Peter Cornelius und zwinkerte der Süßen dabei zu:
Du entschuldige i kenn di,
bist du net die Klane, 
die i schon als Bua gern g’habt hab.
Die mit dreizehn schon kokett war,
mehr als was erlaubt war,
und die enge Jeans ang’habt hat.
I hab Nächte lang net g’schlaf’n,
nur weil du im    Schulhof
einmal mit die Aug’n zwinkert hast.
Komm wir streichen
(statt 15, wie im Original, sang er:)
fuffzig Jahr,
hol’n jetzt alles nach,
als ob dazwischen einfach nix war.
Und er hatte tatsächlich Erfolg mit seinem Gesäusel, dieser alte  Schwerenöter! Er schleppte die Angebetete ab, sie folgte ihm ins Schlafzimmer, küsste ihn zärtlich und flüsterte ihm leicht genervt, aber auch gerührt ins Ohr: »Gute Nacht, mein Schatz. Morgen komme ich wieder.«
Ich glaube, ich möchte später jeden Tag in den Stuhlkreis geschoben werden. Denn täglich grüßt der Luftballon.

Baumhausbeichte - Novelle