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Sonntag, 4. Oktober, 6.30 Uhr

Im SZ-Magazin gibt es die Kolumne “Gewissensfrage an Dr. Dr. Rainer Erlinger”. Leser stellen Fragen, wie sie sich in bestimmten Situationen gegenüber anderen Menschen, Fremde oder Freunde, verhalten sollten. Ich würde Dr. Dr. E. gerne diese Frage stellen: “Ich habe einen alten Klassenkameraden, mit dem ich in der Schule (er war im Gegensatz zu mir kein Sportler) wenig und nach dem Abi 40 Jahre lang gar nichts zu tun hatte. Nach einem Klassentreffen, an dem ich erstmals teilnahm, verabredeten wir uns zusammen mit einem weiteren Klassenkameraden zu einer kleinen Radtour, ca. 50 km. Das wiederholen wir seitdem etwa drei Mal im Jahr, wir haben auch schon eine Zwei- und Drei-Tagestour gemacht, bei denen wir abends gemeinsam, wie wir selbstironisch feststellten, alle Probleme der Welt lösten. Wir entdeckten also eine gemeinsame Wellenlänge. Der Klassenkamerad, um den es hier geht, mochte ein Thema überhaupt nicht: die Krankengeschichten alter Männer.  Er reagierte darauf fast allergisch. Außerhalb unserer Radtouren pflegen wir keinerlei Kontakt. Es wäre also sehr übertrieben, uns als Freunde zu bezeichnen. Vor ein paar Tagen hatten der Klassenkamerad und ich einen kurzen Mail-Verkehr, es ging um die Stadtradelaktion, an der wir, jeder für sich, teilgenommen hatten. In seiner Mail schrieb der Klassenkamerad, er wolle jetzt noch ein paar Kilometer fahren, denn er habe am nächsten Tag einen Arzttermin, bei dem ihm vielleicht für viele Monate das Radfahren verboten werde. Dazu muss ergänzt werden, dass er im Alter das Radfahren als Leidenschaft entdeckt hatte, 2014 erstaunliche 12 000 Kilometer fuhr (mit Pedelec) und jetzt, beim Stadtradeln, innerhalb von drei Wochen fast 2000, was mir, nach diesem Mail-Satz, wie Torschlusspanik vorkam. Ich mailte, trotz seiner Allergie, besorgt zurück und wünschte toitoitoi. Er antwortete, für ihn ungewöhnlich: Danke, das kann ich gebrauchen. Nach dem Termin schrieb ich, vorsichtig antippend: Hoffentlich alles klar für die nächste Erdumrundung!? Keine Antwort.

Frage: Wie soll ich mich verhalten? Das Schweigen des Klassenkameraden in Anbetracht seines Tabus respektieren, oder weiter fragend insistieren?

 

Manchmal stellen sich auch Gewissensfragen im Umgang mit Lesern. Viele sind seit Urzeiten dabei. Ich merke es auch immer wieder an Aktionen mit Ranglisten, wie “Siebenkampf für Sportexperten”, den ich mir vor hundert Jahren ausgedacht hatte (und den seit vielen Jahren der Kollege htr betreut) oder an dem vergleichsweise jungen “Wer bin ich?”. Soll ich nachfragen, wenn einer, der (eine, die) seit Jahren teilgenommen hat, plötzlich nicht mehr mitmacht? Ist er krank, gar tot, oder hat er einfach keine Lust mehr? Oder habe ich ihn wegen irgendeines Kolumnensatzes vergrätzt? Manchmal, zum Glück selten, gibt es sogar echtes Stalking: Da schreibt jemand einmal, zweimal, viele Male, die Briefe werden immer hymnischer, ich werde über den grünen Klee gelobt – und plötzlich kippt die Stimmung, es folgen böse Beschimpfungen. In all den Jahren war dies zum Glück äußerst selten, eklatantester Fall war eine Leserin, die von hemmungsloser Verehrung urplötzlich in wildeste Anschuldigungen verfiel und, als ich nicht antwortete, die Chefredaktion mit zum teil telefonbuchdicken Briefen bombardierte (da traf es sich gut, dass ich, was sie wohl nicht wusste, zur Chefredaktion gehörte). Die Frau war durchaus intelligent, aber durchgeknallt. Ich erfuhr zum Beispiel, dass sie auf Kinder, die laut vor ihrem Haus spielten, mit dem Luftgewehr schoss. Eines Tages las ich eine Traueranzeige von ihr, sehr emotional formuliert, die Nichtwissenden sehr zu Herzen ging inmitten all der anderen Anzeigen von trauernden Angehörigen. Zum Glück wusste keiner der Leser, dass der Name (es war nur ein Vorname) keinem Menschen, sondern dem Hund der Frau gehörte. Jahre später, die Frau war ausgewandert, las ich eine Traueranzeige für sie und schämte mich, dass ich sogar ein bisschen aufatmete.

In solchen Fällen empfiehlt es sich, nicht zu antworten, denn egal was man antwortet, es ist nur Anlass, das Stalking zu verstärken. Aber was tun in anderen Fällen, wenn Leser, die mir im Lauf der Jahre durch ihre Zuschriften fast vertraut geworden sind, auch wenn ich sie persönlich gar nicht kenne, plötzlich verstummen?

Jetzt muss ich aber langsam an die Montagsthemen denken. Da ich heute Abend das Spiel Bayern – BVB genießen möchte und nicht, wie früher, unter der Verpflichtung stehe, mich nach dem Schlusspfiff redaktionell und schreiberisch zu betätigen, muss ich mich mehr oder weniger elegant auf andere Themen konzentrieren. Auf die deutsche Sporteinheit zum Beispiel, auf die Argumente, die ich am 2. Oktober 1990 unter dem Titel “Bitte keine Wiederbelebungsversuche!” erstmals veröffentlicht hatte. Aber beim Blick ins Archiv stelle ich fest, dass ich seitdem schon fast zehn Mal darauf zu sprechen bzw. zu schreiben kam. Ähnlich wie beim Ziegenproblem, das ich am Freitag noch einmal aufwärmte (Walther Roeber: “Ist das nicht schon zu ausgelutscht?” / Tja, da hat er wohl recht). Vielleicht schlenkere ich nur kurz darauf und konzentriere mich auf Fußball. Auf dem Zettel: FIFA und Zwanziger / Darmstadts Elfer / Eintracht, Strohfeuer, Veh, nicht immer anderen Trainern gratulieren wollen / Agüero fast wie Lewandowski / Adidas verzichtet auf Rücktrittsforderung (zu FIFA/Adidas) / Mourinho macht den Klopp / Eintracht versinkt im Mittelmaß – wenn’s wenigstens Mittelmaß wäre (zu Veh). Reicht eigentlich schon an Themen und Themchen. Ah, Pause, Kaffee, Kuchen, Knicks. Bis dann.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle