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Montagsthemen (vom 5. Oktober)

Die deutsche Einheit. Ob zusammengewachsen ist, was zusammen gehört, mögen Berufenere beurteilen. Im Sport jedenfalls ist schon etwas zusammengewachsen. Etwas, das sich nicht gehört. Vornehmlich in Sportarten, die nur bei Olympischen Spielen im Focus stehen, während der Olympiaden (also dem Zeitraum dazwischen) aber im Schatten.
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DDR-Sport. Anlässlich der Wiedervereinigung bat ich: »Bitte keine Wiederbelebungsversuche!« Zwischenbilanz ein Vierteljahrhundert später: Er lebt noch! Und zwar nicht als Randfichte, sondern als Hauptbaum im gesamtdeutschen Sport, in dessen Schatten alte Ideale verkümmern.
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Es war ein Sportsystem, dessen Erfolg nur im Rahmen eines Unrechtsstaates möglich war, ein Sportriese auf Stelzen, konzentriert auf wenige Spitzensportler in ausgesuchten Sportarten. Hinter einer DDR-Medaille standen so viele Trainer, Funktionäre und Wissenschaftler (plus Aufpasser für alle), wie in der alten Bundesrepublik hinter zehn und mehr Medaillengewinnern. Wir haben viel davon, zu viel, übernommen. Nur den totalen Erfolg nicht. Für den benötigt man das alte System. Siehe oben.
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DDR-Dopingopfer sollen jetzt weitere 10,5 Millionen Euro erhalten. Eine zwiespältige Geschichte. Manche/r macht gesundheitliche Schäden geltend, die leider zum Normalrisiko des Lebens gehören. Andere, vor allem minderjährige DDR-Sportlerinnen (die echte Opfer sind), melden sich erst gar nicht. Weil sie sich schämen. Ihre Missbraucher schämen sich nicht.
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Zu unterhaltsameren Themen. Das unterhaltsamste (FCB vs. BVB) findet außerhalb dieser Kolumne statt. Das momentan masochistischste für uns Hessen: Eintracht Frankfurt. Wieder zusammengewachsen mit Armin Veh, aber sie sind nicht zusammen gewachsen. Nach dem grausamen Spiel in Ingolstadt titelt »dpa«: »Eintracht versinkt im Mittelmaß.« – Wenn’s wenigstens Mittelmaß wäre!
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Zwei, drei Strohfeuer für jeweils ein, zwei Spiele, und dazwischen Ernüchterung. Stetig scheint nur die Unstetigkeit. Veh ging, weil er nicht immer anderen Trainern zum Sieg gratulieren wollte. In Stuttgart ging er dann blitzartig. Er kam zurück, weil … ja, warum eigentlich? An den Voraussetzungen hatte sich kaum etwas geändert. Veh ist bekannt für seinen sarkastischen Humor, die Frage wird ihm nicht gefallen, aber wenigstens satiretechnisch einleuchten: Woran liegt es, wenn man anderen Trainern zu oft zum Sieg gratulieren muss? An der Mannschaft? Oder am Trainer?
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Wenn ich schon mal am Rumgrummeln bin: Adidas verzichtet auf Rücktrittsforderungen gegen Blatter, im Gegensatz zu Coca Cola, McDonald’s und Visa. Diese drei Weltkonzerne kommen von außen. Die Weltkonzerne FIFA und Adidas sind im Fußball miteinander verbandelt. Honi soit qui mal y pense. Freie alte deutsche Übersetzung: Ein Schelm (im Original: »verabscheut sei«), wer Böses dabei denkt.
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Heinz Erhardt (»was bin ich heute wieder für ein Schelm!«) war ein solcher im heutigen Sinne. Früher galt »Schelm« als Synonym für einen asozialen Kriminellen, idealtypisch angelegt in Johann Peter Hebels Zundelheiner und Zundelfrieder. Die »trieben das Handwerk ihres Vaters, der bereits am Galgen mit des Seilers Tochter kopuliert war«. Hübsche Formulierung jenseits allen Pornos. Daher kommt wohl auch der »Galgenstrick«, ein schönes altes deutsches Wort für den ebenfalls aus der Mode gekommenen »Spitzbuben«. Nur die Sache selbst veraltet nie.
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Reiner Zufall, jetzt auf die VW-Affäre zu kommen. Klaus Allofs behauptet, sie werde sich nicht auf den Wolfsburger Fußball auswirken. Klar, dass er (Allofs) das tut. Tun muss. Klar auch, dass sie (die Affäre) es tun wird. Sich massiv auswirken. Dann zeigt sich, ob der VfL ein echter Sportklub ist oder nur ein PR-Anhängsel, das bei Austrocknung der bisher schier unerschöpflichen VW-Quellen verdorrt.
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Beinahe hätte ich doch noch Grund gehabt, mich riesig zu freuen, dass bei aller  Ware Sport auch noch der wahre Sport überlebt. Als Sandro Wagner den  unberechtigten Elfmeter für Darmstadt in die Wolken schoss, dachte ich im ersten Moment, er tue das, was schon Thomas Müller gegen Augsburg hätte tun sollen. Die »Welt« sah das damals anders: Die Münchner handelten »nicht unfair, sondern professionell«. Logischer Schluss: Fairness ist unprofessionell.
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Ausnahme Darmstadt und Wagner? Die Freude über den Schuss in die Wolken verpuffte als Schuss in den Ofen. Wagner war kreuzunglücklich, fühlte sich als Versager. Schade. (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle