Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 2. Oktober)

Wer soll die Bayern gefährden? Real Madrid ist über den Zenit hinaus, Barca sowieso, zudem auf unbestimmte Zeit ohne Messi, beide Manchester-Klubs holpern gegen deutsche Bundesligisten, die den Münchnern hoffnungslos unterlegen sind – wenn nicht jetzt unter Guardiola das Triple noch gelingt, wann dann?
*
Gnadenlose Überlegenheit macht keine Freunde. Manche übertreiben es aber mit ihrer Aversion. Da laden die Bayern junge Flüchtlinge zum Training ein, Uli Hoeneß hat es in seiner Reha- und Reso-Therapie ohne Aufhebens eingefädelt, und schon ätzen Bayern-Hasser, Hoeneß nutze die Lage aus und reiße sich die besten Kicker der traumatisierten Jungs unter den Nagel. Das ist schon kein Verfolgungswahn mehr, sondern Verfolgerwahnsinn.
*
Auch »Bild« wird einmal zu Unrecht angegriffen. »Verbeek spricht vom Meistertitel«, hatte das Blatt geschrieben. Daraufhin rastete der Bochumer Trainer aus, beschimpfte »Bild« und brüllte rhetorisch fragend: »Warum schreibt ihr so eine Scheiße!?« Derartige Wutreden kommen immer gut an, da fällt kaum auf, dass »Bild« eine Aussage des Trainers (»Wir sind angetreten, um Meister zu werden«) wahrheitsgemäß wiedergegeben hat. Also könnte »Bild« fragen: »Warum redest du immer so eine …«
*
Dass die »Bild«-Zeitung für viele dennoch das Synonym von »Lügenpresse« ist, hat sie sich allerdings selbst buchstäblich zuzuschreiben. Da wird Kachelmann eine Entschädigung in deutscher Rekordhöhe zugesprochen, das Blatt aber tönt, das Gericht habe dem ehemaligen Wetter-Moderator, der aus taktischen Gründen eine Phantasiesumme gefordert hatte, eine krachende Niederlage bereitet. Das ist ungefähr so, als sagte Pep Guardiola aus Spaß voraus, dass seine Bayern gegen Dortmund 15:0 gewinnen werden, und Tuchel erklärte sich nach einer 1:6-Klatsche ganz im Ernst zum Sieger.
*
Stichwort Verbalinjurien. Die meisten haben etwas mit Verdauung, Körperöffnungen oder Tieren zu tun (wobei der noch nicht geklonte, aber als Doppelwesen oft vorkommende »Sauhund« eine eher widerwillige Anerkennung ausdrückt). Aber warum den eigenen Körper oder Tiere bemühen? Mein Lieblingsschimpfwort daher: »Drecksack«. Apropos: Alice Schwarzer mag’s bedauern, doch das Indiz »Drecksack« genügt nicht, um einen solchen als Vergewaltiger zu verurteilen.
*

Zurück zum Sport. »Wir suchen einen neuen Trainer, der unter dem Deckmantel unserer Philosophie arbeitet« (Gladbachs Manager Max Eberl). Wirklich? Das wäre fatal. Denn »unter dem Deckmantel« ist ein schönes, altes deutsches Wort, bekannt seit dem 13. Jahrhundert, gleichbedeutend mit Betrug und Heuchelei. Hübsches Beispiel, gefunden im Internet, passend zur Platini-Affäre: »UEFA tarnt Wirtschaftsinteressen unter dem Deckmantel des Gemeinwohls.«
*
Noch nicht ganz so alt, aber immerhin schon 25 ist das »Ziegenproblem«. Auch ich habe ihm viele Jahre lang so manche Kolumne gewidmet. Zum Jubiläum macht mich Arno Baumgärtel (Gießen) auf eine Website (http://www.heise.de/newsticker/meldung/Wo-ist-das-Auto-25-Jahre-Ziegenproblem-2807932.html) aufmerksam, auf der alles noch einmal aufgedröselt wird. Falls jemand das Problem noch nicht kennt und am langen Wochenende von Langeweile geplagt wird, hier die Ausgangslage: In einem Fernseh-Quiz steht der Kandidat vor drei verschlossenen Türen. Hinter zweien steht eine Ziege, hinter einer ein Luxusauto. Der Moderator lässt den Kandidaten eine Tür wählen. Nachdem der seine Wahl getroffen hat, öffnet der Moderator eine Tür, hinter der eine Ziege steht, und gibt dann dem Kandidaten die Möglichkeit, seine Wahl zu überdenken. Bleiben die Chancen gleich, verbessern oder verschlechtern sie sich, wenn der Kandidat die Tür wechselt? Der nicht immer gesunde Menschenverstand sagt: Egal, die Chancen stehen in jedem Fall bei 50 Prozent. Die Mathematik weiß: Beim Wechsel steigen die Chancen.
*
Ich weiß … gar nichts. Aber ich bin in den Jubiläumstexten auf einen Satz gestoßen, der mein zweites Bauchgefühl (nach dem ersten, dem »Na klar, in jedem Fall 50 Prozent«) bestätigt: »Die simple Sichtweise ist falsch. Denn man vergisst dabei den Moderator, der weiß, wo sich der Preis befindet und in das Spiel eingreift. Und das ändert alles.« Ich hab’s ja gewusst: Der Moderator ist der Knackpunkt!
*
Wer’s nicht glauben will, kann sich im Netz diverse mathematische Beweisführungen anschauen, eine ganze Reihe davon auch von Lesern dieser Kolumne (Suchwörter: »Anstoss«, »gw«, »Ziegenproblem«). (gw)
*
(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle