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Das Rennen gegen die Stasi (WBI-Auflösung vom 1. Oktober)

Noch einmal zum späten Mitraten: Alles begann damit, dass sich ein junger Mann und eine junge Frau Briefe schrieben. Der junge Mann (A) wurde später ein guter Sportler. Allerdings bei weitem kein so überragender wie der damalige Star, dessen Mannschaftskamerad er wurde. Dieser (B) würde aber im Gegensatz zu A nie an der größten Veranstaltung seiner Sportart teilnehmen können. Aus der Geschichte von A machte ein Journalist ein Buch. B dagegen redet mit Journalisten nicht mehr, weil er sich von ihnen reingelegt fühlt. Er galt als »Hundertfünfzigprozentiger«, aber auch als guter Sportkamerad. Politisch interessiert war A dagegen nie. Er liebte seinen Sport und seine Freundin. Sein Leben änderte sich entscheidend … in Gießen! Das ist lange her. Ein halbes Jahrhundert später wurde B eine große Ehre verweigert, A dagegen wurde eine kleinere Ehre zuteil. – Das sind, zusammengefasst, die Puzzle-Teile für die Frage: Wie heißen A und B?
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Wie kam ich auf diese WBI-Runde? Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim) ahnt es: »Das ist doch nett: Man liest im Urlaub das Buch ›Das Rennen gegen die Stasi‹, und schon hat man den ›Keim‹ für eine neue WBI-Raterunde, und alle ›Infizierten‹ machen sich an die Arbeit, lassen Erinnerungsfetzen durch ihr Gedächtnis wabern, stellen Plausibilitätsbetrachtungen an, suchworteln fleißig, teils vergeblich, und finden dann einen Strang, von dem aus alles andere sich logisch erschließt.«
Stimmt. »Das Rennen gegen die Stasi«, von Herbie Sykes ist im Covadonga-Verlag erschienen. Wer es liest, den haut es um, und wer der DDR dann immer noch nachweint, dem ist nicht zu helfen. Alleine die abgedruckten Stasi-Protokolle lassen schaudern und lesen sich wie ein Nebenstrang von »Weissensee«.
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Und die Lösung? Reinhard Schmandt (Pohlheim): »Lösung B Gustav-Adolf (»Täve«) Schur war in der DDR eines der größten Sport-Idole. Als Staatsamateur durfte er nicht an der Tour de France teilnehmen. Außerdem war er zweifacher Sieger der Friedensfahrt, dem zu seiner Zeit international bedeutendsten Amateurradrennen. Schur, zu 150% linientreuer Kommunist, war schon zu seiner aktiven Zeit Abgeordneter der Volkskammer, später sogar Bundestagsabgeordneter für die PDS. Aufgrund seiner Vergangenheit wurde er trotz Nominierung nicht in die Hall of Fame des deutschen Sportes aufgenommen. Lösung A: Dieter Wiedemann stand im DDR-Trikot auf dem Siegertreppchen der Friedensfahrt. Während eines Olympia-Qualifikationsrennens in Gießen setzte er sich ab. Allerdings waren es weder sportliche noch politische Gründe, die ihn zur Flucht bewegten, sondern die Liebe zu einem Mädchen aus Westdeutschland. Im Westen fuhr Dieter Wiedemann bald als Profi. Statt der Friedensfahrt bestritt er nun die Tour de France. Doch die Stasi ließ nichts unversucht, um ihn in die DDR zurückzuführen, auch mit schwerwiegenden Konsequenzen für seine gesamte Familie. Im Januar 2015 wurde Wiedemann in das Ehrenbuch seiner Geburtsstadt Stadt Flöha aufgenommen.«
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Schwerwiegende Konsequenzen zum Beispiel für Wolfgang Lötzsch: Er war eines der größten Radtalente der DDR, aber als Cousin Wiedemanns wurde er von großen Rennen ausgeschlossen und saß zehn Monate im Gefängnis.
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Schur spricht nicht mehr mit Journalisten, weil: »1998 entlockte ihm der Journalist Alexander Osang ein unbedachtes Lob für Adolf Hitlers Autobahnbau. Seitdem fürchtet Schur, dass Reporter ihm Mikrofone anheften, um parat zu sein, wenn er etwas Blödes sagt«, weiß Manfred Stein (Feldatal), »Toll, wie Sie diese Geschichte aufbereitet haben« – »Wieder mal eine schöne Aufgabe. Ich frage mich so langsam, wo Sie ihre ganzen Einfälle hernehmen. Ich glaube fast, Sie sind ein Kreativer!«, lobt Dr. Paul Limberg aus Linden mit leiser Ironie. »Doch eine Frage sei erlaubt: Wer kennt A ???« (Uwe-Karsten Hoffmann/Bad Nauheim). Jetzt hoffentlich einige mehr – dazu beizutragen war nach der Lektüre des Buches mein Anliegen.
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Dennoch stimmt es, was Klaus-Dieter Willers aus Hungen schreibt: »Da haben Sie den Lesern aber diesmal ein kilo-schweres Pfund vorgesetzt.« Gemeistert haben es aber immerhin 21 Teilnehmer – Respekt! Hier sind sie:
2 Punkte: Jost-Eckhard Armbrecht (Gr.-Buseck), Helmut Bender (Linden), Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim), Thomas Buch (Friedberg), Wolfgang Egerer (Rodheim v. d. Höhe), Uwe-Karsten Hoffmann (Bad Nauheim), Andreas Hofmann (Bad Nauheim), Andreas und Reinhold Kreiling (Gießen / »in Solidarität mit Wolfgang Lötzsch«), Dr. Paul Limberg (Linden), Dieter Neil (Gr.-Buseck), Klaus Philippi (Staufenberg), Walther Roeber (Bad Nauheim), Rüdiger Schlick (Reichelsheim), Reinhard Schmandt (Pohlheim), Paul-Gerhard Schmidt (Nieder-Ohmen), Jochen Schneider (Butzbach), Manfred Stein (Feldatal), Prof. Peter Schubert (Friedberg), Klaus-Dieter Willers (Hungen) Ingrid Wittich (Merlau).
1 Punkt: Doris Heyer (Staufenberg), Karola Schleiter (Florstadt). (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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