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Sonntag, 27. September, 6.30 Uhr

Sonntag um halb sieben. Ich Mensch bin ein Gewohnheitstier. Warum wache ich sonntags, nur sonntags, so früh auf und sitze fast regelmäßig genau um diese Uhrzeit am Computer? Seit drei Jahren. Davor, als Nicht-Rentner, lief alles genauso ab, nur dass ich um halb sieben nicht vor dem Computer, sondern vor dem Lenkrad saß und in die Redaktion fuhr. Diese kontemplative Fahrt vermisse ich am meisten.

Kontemplativ. Auch wieder so ein dahingeschriebenes Wort. Hoffentlich richtig geschrieben. Ich weiß natürlich, was es bedeutet. Ungefähr. Aber herleiten kann ich es nicht. Aus dem Lateinischen? Aus dem Griechischen? Jeder sollte nur Begriffe gebrauchen, die er auch erklären kann. Meine ich. Aber ich Mensch bin auch ein Widerspruch.

Die Welt ändert sich, der Mensch ändert sich. Mir kommt es aber so vor, dass sich die Welt in eine andere Richtung verändert als ich. Damit meine ich nicht große Dinge, keine dramatischen Paradigmenwechsel (ha! siehe “kontemplativ”! Aber diesmal könnte ich es erklären, auch vom Wortursprung her), sondern schleichende, kaum bemerkte Veränderungen. Die der Welt fallen mir nur auf, weil sie sich von meinen diametral (noch mal: ha! Jetzt kann ich es aber nicht wortgetreu übersetzen) wegentwickeln. Vielleicht kann man es in einem Wort zusammenfassen: Zwischentöne. Sie fehlen. Es gibt nur noch Zustimmung und Ablehnung, “Gefällt mir” und “Gefällt mir nicht”, Pro und Kontra, Gut und Böse. Bei mir dagegen wächst die Unsicherheit, ob eigene frühere feste Überzeugungen wirklich so fest sind. Auffälligstes Indiz für diese Wegentwicklungen: Ironie, Selbstironie, Uneigentlichkeit, das Sichselbstnichtsowichtignehmen, das Wissen von der eigenen Unzulänglichkeit, das alles gehört nicht mehr zum Diskurs (letztes Mal: Ha!) der Welt.

Mhm. Was will uns und mir der Autor damit sagen? Bisschen früh am Tag, um das Thema zu durchdringen und verständlich darzulegen. Oder versteht man mich? HAAALLO da draußen, versteht ihr mich?

Es ist aber falsch zu behaupten, niemand verstehe mehr Ironie. Jeder versteht Ironie. “Das ist aber eine schöne Bescherung!” zum Beispiel: Jeder weiß, dass das Gegenteil gemeint ist. Aber feinere Ironie, und nur die macht Spaß, hat es schwer. Es heißt ja auch, wir leben in einer postironischen Zeit. Aber jetzt Schluss damit. Ab in den Stein(es)bruch. Splitter für die “Montagsthemen”.

Den ersten Splitter habe ich gestern schnell ungetwittert, um ihn nicht zu vergessen. Ist mir beim Radfahren eingefallen, mit diversen Zusätzen. Dass VW der Ben Johnson der Automobilgeschichte ist, hat weitere bemerkenswerte Übereinstimmungen. Ben Johnson hatte getan, was alle getan haben. Es gibt immer noch ernstzunehmende Insider und weniger Ernstzunehmende (mich), die es für am wahrscheinlichsten halten, dass er von einem Konkurrenten – aus den USA! – reingelegt worden ist.

Andererseits: Verhält sich Blatter zu Platini wie Piech zu Winterkorn? Blöde Gleichung, oder? Bin halt ein Mathe-Schwachmat. Falls ich die Gleichung in der Kolumne wiederhole, darf ich die Tüttelchen über dem “e” nicht vergessen.

Ein Leser beschwert sich bitter über meine Missachtung des Rugbys in den letzten “Montagsthemen”. Dabei habe ich in meinen aktiven Redaktionsjahren dafür gesorgt, dass alle Rugby-Bundesligaergebnisse jeden Montag ohne jede Ausnahme plus Tabellensituation bei uns abgedruckt worden sind. Nirgendwo sonst außerhalb Heidelbergs und Hannovers geschah das! Die Rugby-Passage war eine nostalgische Sympathieerklärung … aber, siehe oben.

Fürsorglichkeit für den Leser gehört zu meinem Arbeitsethos (das ist jetzt unironisch), daher stelle ich diese Kritik nicht in die Mailbox, da sie dem Leser hämische Reaktionen einbringen könnten, obwohl er es ja nur gut gemeint hat. Eine andere Kritik stelle ich dagegen nachher in die Mailbox, nicht, weil sie mit Lob gemischt ist, sondern weil die Kritik (Eurosport-Duo, Ullrich usw.) von Arnold Schröder nachvollziehbar und hübsch ironisch ist.

Ui, die Zeit eilt. Fährt Vettel schon? Moment, ich schaue mal nach. Hamilton gewinnt den Start, Rosberg fällt zurück, Vettel auf Platz zwei.

Weiter gesplittert: Vor der Saison Breitenreiter als kleinen Klopp für Schalke vorhergesagt – in der Kolumne besserwissernd erwähnen? / Hinter der Bayern-Aktion für junge Flüchtlinge steckt Uli Hoeneß, der seine Reha, nee, Reso ja in der Bayern-Jugendabteilung macht. Hoeneß wollte es ohne großes Aufhebens durchziehen, was ihn ehrt, aber da Bayern-Feinde nun mal Bayern-Feinde sind, wittern sie bei allen Bayern-Aktionen nur die Arroganz der Macht: Die bösen Bayern krallen sich gleich die besten Kicker unter den Jungs. Wie armselig. Nicht die Bayern. Ihre Totalfeinde. / Leroy Sane (“Aksontegü” nicht vergessen!), sein Papa, aber vor allem seine Mama Regina Weber; War als Gymnastin so erfolgreich (Bronze 1984), wie ihre Nachfolgerin Magdalena Brzeska gerne gewesen wäre. Die tingelt jetzt durch hintere Klatschspalten, zusammen mit Simone B., Verena K. und vielen “Modedesignerinnen”. Auch M. B. war mit einem Fußballprofi (Peter Peschel) verheiratet. Ob die beiden Töchter ähnliche Gene geerbt haben wie Leroy? / VW: Paradigmenwechsel im Sponsorensport; es ist ja nicht nur Wolfsburg; wenn VW ausfällt (kann das Werk weiter die Millionen wegsponsern, wenn den Mitarbeitern die Extra-Löhne gekappt werden müssen?), wo kommen dann die Gelder her, ohne Scheichs, Oligarchen und mit 50+1-Regel? Wird die dann fallen müssen? / Vielleicht als Nebenscherz zu VW: Bosch hat schon 2007 gewarnt; Interview mit Konzernchef Denner, zwei große Fotos, einmal mit, einmal ohne Krawatte. “Ein Gespräch über Stil und neue Sitten” (FAS), wobei der Stil der Zeit sei: “Die Krawatte bleibt im Schrank”. Dann bin ich der Trendsetter der neuen Unternehmenszeit, denn ich habe den Schlips nicht mal im Schrank, sondern isch abe gar keine Krawatte. Warum heißt der neue VW-Chef Müller und nicht … (gw).

Schluss jetzt. Gleich kommen die Mountainbiker am Fenster vorbeigewutscht. Danach sind wir hier oben Ziel des mittelhessischen Wandertags. Was macht Vettel? Hamilton nach erstem Boxenstopp klar vorn, Vettel Zweiter, Rosberg Dritter. Und jetzt KKK.

 

 

Baumhausbeichte - Novelle