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Sport-Stammtisch (vom 26. September)

Läuft und läuft und läuft. Nicht VW, sondern diese Kolumne. Seit 1979. Da heutzutage alle noch so krummen Jahrestage gefeiert werden (23 Jahre Möbelhaus Soundso), feiere ich jetzt mein Drei-Dutzend-Jahre-Jubiläum am »Sport-Stammtisch«.
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So. Schon ausgefeiert. Nächstes Jahr folgt das Primzahljubiläum. Heute folgt VW. Aber erst am Schluss. Zunächst einmal muss ich rechnen (3 x 12 = 36) und die Primzahlentafel kontrollieren (2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29, 31 … ha, da ist sie ja: 37). Alles richtig. Aber warum ist die 1 keine Primzahl?
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Entschuldigung, gleich geht’s los, aber das muss ich erst googeln. »Ist die 1 keine Primzahl, so lässt sich jede Nicht-Primzahl eindeutig als Produkt von Primzahlen darstellen (wenn man diese aufsteigend sortiert). Wenn hingegen die 1 eine Primzahl wäre, so hätte man mehrere Darstellungen für die gleiche Zahl: 6=2·3=1·2, 3=1·1·2·3=« … Danke, Wikipedia, das genügt.
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Google macht schlau, soo schlau! Für ungefähr eine Zehntelsekunde. Warum ist die 1 keine Primzahl? Was weiß denn ich.
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Warum hat Favre die Brocken hingeworfen? Das weiß nicht mal Google. Aber ich. Vielleicht. Anfang August, es muss das 1811. Einzeljubiläum dieser Kolumne gewesen sein, ließ ich als Freund des Individualismus durchblicken, unangenehm berührt zu sein, wenn von ihrer Idee besessene Zwangsneurotiker die Spieler nur als Schachfiguren im eigenen Match betrachten. Ich nannte es das »Gu-Tu-Fa-Syndrom«, was die Leser leicht entschlüsseln konnten. »Gu« und »Tu«, na klar, aber »warum Fa«, fragten einige. Ich hätte auf manches verweisen können, zum Beispiel auf Berlin, aber jetzt genügt: Darum. Für alte Flipperer: Freiwillig »getilt«, weil die Kugel nicht so rollt, wie sie rollen soll.
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Die »Gu-Tu-Fa«-Methode kann sehr erfolgreich sein, denn alle drei haben viel in der Birne. Wenn’s läuft, läuft’s. Falls nicht, kann es Knall auf Fall vorbei sein. Birnen, die zu stark glühen, brennen leicht durch.
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Falls meine Vermutung ansatzweise stimmt, war Guardiolas fassungsloses Staunen über Lewandowski zwar echt, aber keine reine innere Freude. Natürlich weiß Pep, dass der Pole ein unvergleichlich guter Weltklassestürmer ist. Im Normalfall zwar nicht so spektakulär wie, aber kompletter als Ronaldo und Messi. Doch lieber als ein unerklärlicher Fünfer-Pack in gefühlten fünf Sekunden dürfte ihm ein erfolgreicher Spielzug sein, den er vorher selbst ausgetüftelt hat. Folgerichtig lässt er Lewandowski (und auch Götze) rotieren, statt um sie herum rotieren zu lassen.
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Schon vor fünf Jahren, es muss das 1611. Jubiläum dieser Kolumne gewesen sein, war ich vom »Weltklassestürmer« Lewandowski überzeugt und kritisierte, dass er »immer noch unterschätzt« werde. Darauf heute noch einmal hinzuweisen, dürfte das ungefähr gleichzahlige Jubiläum von Besserwisserei sein. Das feiere ich lieber nicht, sondern gehe besser in mich.
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Kleine Beobachtung am Rande der Bayer-Schlappe gegen Dortmund: Als der junge Wendell bei einem Gegentor patzte, stürmte Nationalspieler Bellarabi auf ihn zu, schüttelte und rüffelte ihn. Mitspieler drängten Bellarabi ab und trösteten Wendell. Ein paar Minuten später wechselte Trainer Schmidt aus. Nicht Wendell, sondern Bellarabi, und zwar gegen einen noch Jüngeren als Wendell. So setzt man Zeichen.
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Günther Lohre, vielfacher deutscher Stabhochsprungmeister früherer Jahre , postet für seine Facebook-Freunde: »VW betrügt und manipuliert den Test. Dafür gibt’s im Sport zwei Jahre Sperre.« In der Tat wirkt VW wie ein besonders frecher Doper. Kein Versehen, keine verunreinigten Nahrungsergänzungsmittel, kein Fremdverschulden, sondern vorsätzliche kriminelle Tat wie die der beiden ungarischen Goldmedaillen-Gewinner 2004 in Athen, ein Diskus- und ein Hammerwerfer, die beim Dopingtest eine echte »Software« in der Hose hatten und mit dieser, einer Gummiblase, die Testbestimmungen erfüllende Abgas- bzw Urin-Ausstoßwerte manipulierten.
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Wie beim Sport-Doping will niemand etwas gewusst haben. Nicht die Konzernspitze, schon gar nicht das zuständige Bundesministerium. Es läuft und läuft und läuft halt wie immer.
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Mit dem Slogan »Er läuft und läuft und läuft« für den VW-Käfer landete die deutsche Werbefirma DDB vor einem halben Jahrhundert einen genialen Coup. Mir noch besser gefiel der DDB-Werbespot für ein Deodorant mit dem Bild eines Herings und dem Spruch: »Er badete täglich und riecht immer noch.«
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Wenn der Fisch vom Kopf her stinkt, hilft kein Deodorant mehr.  (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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