Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

“Und bei euch endet es” (“Nach-Lese” vom 26. September 2015

Insel Moen. Wer »Kruso« gelesen hat, der weiß: Hier, bei den Kreidefelsen, wurden die Leichen von gescheiterten DDR-Flüchtlingen angeschwemmt. Sie trieben im Wasser wie das Kind von Bodrum.
*
Im Videotext lese ich, dass die Flüchtlingskatastrophe Dänemark erreicht hat. Züge zwischen Deutschland und Dänemark fahren nicht mehr. Auf der Autobahn wandern die Flüchtlinge nach Norden. Am Kiosk, auf den Titelseiten der dänischen Zeitungen, sehe ich nichts davon.
*
Viel gelesen dort. Zeit zur »Nach-Lese«. Lagebericht in der Frankfurter Rundschau: »Auf der griechischen Insel Kos prallen Welten aufeinander: Flüchtlinge hausen wie Obdachlose, Touristen genießen Sonne und Strand.« Auch den Schlusssatz notiere ich: »›Hier fängt es an‹, sagt die Mini-Market-Kassiererin, ›hier bei uns. Und bei euch in Germania endet es.‹«
*
Tja. Nach seinem Tod wurde ein Satz von Egon Bahr wieder aufgegriffen. »Verstand ohne Gefühl ist unmenschlich, Gefühl ohne Verstand ist Dummheit.« Pate für die Sentenz stand wohl der Spruch seines Mentors Willy Brandt: »Wer mit 20 kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer es mit 40 noch ist, keinen Verstand.« Ich bin 20 + 40 + x, und Verstand und Herz kämpfen immer noch miteinander. Heute Nacht sind wieder 13 000 Flüchtlinge in München angekommen. Die Balkanroute sei voll wie nie, heißt es. Voller Geister, die wir riefen.
*
Deutschland zwischen Flüchtlingsromantik und Flüchtlingsfeindlichkeit. Dazwischen nur ein schmaler Grat für Vernunft, von dem man schnell runter und auf die falsche Seite gekippt wird. Allerdings wird der Grat langsam breiter, denn die Flüchtlingsromantiker beginnen zu ahnen, welche Konsequenzen auf uns zukommen.
*
Berufene und Unberufene nehmen Stellung. Aber was sagen Leute, die berufsmäßig eher für Jux, Dollerei und Quatsch zuständig sind? Die Süddeutsche Zeitung im Interview mit Helge Schneider: »Sie könnten nach Heidenau fahren und sich als Künstler gegen den rechten Mob stellen.« Schneider: »Das könnte ich nicht. Mir vorsätzlich eine Gitarre umhängen und dahin zu fahren, wo so Knallköppe sind und denen was vorzuspielen, das finde ich ein bisschen blöd. Es ist, wie wenn man etwas für jemand anderen macht und sich dadurch selbst besser fühlt.« – Till Schweiger sieht das wohl anders.
*
Ähnlich wie Schneider argumentiert Olli Schulz, Sänger und Talk-Moderator, im Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Auf deren Vorlage, plötzlich scheine »jeder Prominente eine Haltung haben zu wollen. Ist das gut?«, antwortet er: »Ich bin da sehr zwiegespalten. Es gibt immer wieder Leute, die das für ihr eigenes Ego instrumentalisieren.«
*
In der Nach-Lese ist gut zu beobachten, wie sich die veröffentlichte Meinung langsam dreht, vom bedingungslosen »Willkommen« zum »Ja, aber …«. Auch die Zeit, wie viele andere bisher von hemmungsloser deutscher Vonsichselbstberauschtheit erfüllt, titelt plötzlich: »Merkel und die Flüchtlinge. Weiß sie, was sie tut? Ein Ansturm, der kaum noch zu bewältigen ist. Manche Syrer, die gar keine Syrer sind. Und Bürger, deren Ängste wachsen. Doch die Kanzlerin bleibt unbeirrt. Warum?«
*
Unbeirrt? Na ja, Erst Grenze auf, alle rein, dann Grenze zu – die Welt wundert sich wieder einmal über deutsche Extrem-Exzesse.
*
Daher fragt auch die Zeit: »Können unsere Nachbarn uns endlich verraten, wer wir sind? Es gibt Stimmen, namentlich in England, die den Deutschen von heute einen besinnungslosen Gutmenschen nennen, den man ebenso sehr um sein reines Herz beneiden dürfe, wie man ihn wegen seiner Naivität fürchten müsse. Und in dortigen Kommentarspalten geht die Angst um vor Deutschland, dem Mad Man of Europe, der Europa schon wieder zugrunde richten will, wenn auch mit umgekehrten Mitteln, nämlich mit entfesselter Barmherzigkeit.«
*
Richten wir »Mad Men« Europa mit entfesselter Barmherzigkeit zugrunde? So könnte hier niemand reden, der ernst genommen werden möchte, denn: »Sie können in Deutschland nur noch in einer verordneten Sprache sprechen, wenn Sie sich nicht selbst vom Gespräch ausschließen wollen.« (der Historiker Jörg Baberowski in der FAS)
*
Harald Martenstein erzählt in seiner Kolumne im Zeit-Magazin von einem Freund, dessen Friseur in seinem kleinen Salon wegen des Mindestlohns den Preis von 10 auf 15 Euro erhöht hat. Der Freund geht jetzt zu einem Syrer, der alleine arbeitet und 10 Euro nimmt. Martenstein sagt … nein, lässt den »Freund« (selbst M. ein bisschen feige, siehe Baberowski?) sagen: »Die Flüchtlinge sind nur eine Bedrohung für die kleinen Leute, die keine so tolle Ausbildung haben. Da findet ein Konkurrenzkampf zwischen zwei Gruppen statt, die beide, auf unterschiedliche Weise, die Arschkarte gezogen haben. Die Artikel und die Fernsehsendungen werden allerdings ausschließlich von Leuten gemacht, für die es vorerst keinerlei Bedrohung ihres Lebensstandards durch die Flüchtlinge gibt. Wenn morgen der kleine Friseur auf einer Demo auftaucht und rechte Parolen ruft, ist er in den Medien der Satan, aber in Wirklichkeit ist er eher ein armer Teufel. Kein Wunder, dass solche Leute einen Hass auf die Medien haben.«
*
Martensteins Schlusssatz: »Es ist einfacher, ein guter Mensch zu sein, wenn man dabei nichts zu verlieren hat.«
Mein Schlusssatz zum Thema? Habe keinen. Nur den von Helge Schneider: »Ich will überhaupt nichts dazu sagen, weil ich eigentlich nicht weiß, was man sagen soll.« (gw)
*****
(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle