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Rück-Blog (vom 24. September)

Im Internet begleitet und ergänzt »Sport, Gott & die Welt« die »Anstoß«-Kolumnen von »gw«. In unregelmäßigen Abständen veröffentlichen wir im »Rück-Blog« kurze Auszüge. Heute: Sommer 2015 – mit mehr Sommer als Sport. Wer mehr davon mag: Bitte reinklicken.
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Sonntag, 14. Juni: Gegenüber läuten die Glocken. Wenn ich mir die Kirchenbesucher ansehe, wanken und schlurfen nur Ältere aus ihren Austragshäuserln heran. Die Kirche hat die gleichen Probleme wie die gedruckte Zeitung.
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Freitag, 19. Juni: In der Kolumne für morgen auf Oregon/Nike/Salazar/Farah/missed tests verzichtet. Auch weil ich fürchte, dass es die Leser ermüdet und ich zu sehr ätschbesserwisserisch wirken könnte, zumal ich seit Jahren auf diese Sache aufmerksam gemacht habe. Farah hat vor seinem London-Triumph zwei Mal die Klingel nicht gehört. Zwei »missed tests«. Der dritte hätte Sperre und statt Weltbegeisterung Weltverachtung bedeutet. Dass zwei Mal die Klingel nicht hören zu müssen ideale Voraussetzung zur Planung der »Leistungsoptimierung« ist, habe ich in den letzten Jahren schon zwei- drei Mal erklärt. Reicht also.
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Sonntag, 21. Juni: Kühl, diesig, Nieselregen, Sommeranfang. Aber ich will nicht wetterklagen. Der Rasen erholt sich, der Teich füllt sich, auch die Regentonnen. Die Tonne im Exklave-Gärtchen verkündet olfaktorisch eine unangenehme Überraschung. Was stinkt denn da so bestialisch? Ich öffne den Deckel, in den ich nur eine kleine Öffnung für das Regenfallrohr geschnitzt habe. Im Wasser treibt ein undefinierbares Etwas. Mit einem Brett hole ich es heraus. Auf dem Brett entfaltet sich der Klumpen zu einem kleinhundgroßen Tier. Langer Schwanz, langes, dickes Barthaar, flacher Körper, spitzer Kopf. Ein Raubtier. Wiesel? Marder? Wie kommt der arme Kerl in die Tonne, um dort so grässlich zu krepieren? Gruselige Vorstellung, wie er da lange um sein Leben gekämpft hat. Ist er vom Hüttchendach durch das Fallrohr runtergekrabbelt und in die halbvolle Tonne gerutscht, aus der es kein Entkommen gab? Isch over für ihn. Auch für Griechenland? »Isch over?«, Schlagzeile der FAS heute. Ziemlich genial. In Schäubles Schwäbisch ist »isch« gleich »ist«, »ich« können die Schwaben dagegen, im Gegensatz zu uns Hessen. Der kleine Marder (?) ist ein hessischer, und wenn er am Ende »isch over« gesagt hat, ist das keine Frage, sondern eine resignierte Feststellung gewesen.
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Die unvermeidliche Bischöfin sagt ihre Sprüchlein jetzt auch bei den HR-»Inspirationen« auf. Wir sollen in der Mitte des Lebens nicht an uns vorbei laufen. Solche Kalendersprüche hängen auch in Fitness-Studios an der Wand. Mitte des Lebens? Ach ja, weil wir heute  in der Mitte des Jahres angekommen sind. Sie sollte mir lieber erklären, welcher tiefere Sinn im Leiden der Kreatur in der Tonne steckt.
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Sonntag, 5. Juli: Und dann noch der echte, wahre, unverwechselbare Unterschied zwischen Männer- und Frauenfußball: Deutschland verliert. Bei der WM. Gegen England. Durch einen Elfmeter. Verwandelt. Von England.
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Sonntag, 16. August: Die kleine Lücke in Blog und Kolumnen klaffte im Elbsandsteingebirge. Ich war also in der hintersten SBZ, ein paar Täler hinter dem Tal der Ahnungslosen, mit Abstechern in die CSSR. Was hieß das überhaupt? SBZ, klar, »Soffjetisch« Besetzte Zone. Aber CSSR? Ich googele es nicht nach, wäre ja unsportlich. Vermutung: Tschechisch(=Czech)-Slowakisch-Sozialistische Republik. Prägendes Erlebnis dort: Zu fünft im Biergärtchen gerastet, fünf Speisen, zehn Getränke, ein Eis. 20 Euro, rechnet der Wirt um (ich wusste vorher gar nicht, dass die Tschechen noch keinen Euro haben). Ich frage ungläubig nach. Doch, stimmt. 20 Euro, versichert er, nochmals rechnend. Überhaupt, nette Leute, die Tschechen. Jedenfalls die, die uns begegnet sind. Unter den drei Kilometer weiter westlich lebenden Einheimischen gab es so ne (wie in Tschechien) und solche (frustrierte SBZ-Restexemplare).
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Sonntag, 23. August: Wie ich schon einmal vermutet habe (und was mir von echten, prominenten Fachleuten entgegen ihrer anders lautenden öffentlichen Stellungnahmen bestätigt wurde), könnte David Storl, das unglaubliche, unvergleichliche Talent, seit seinem ersten WM-Titel stagnieren, weil er nicht mehr die volle, notwendige, ausschließliche Konzentration aufbringt, um seine Fähigkeiten auszubauen und zu einmaliger Leistung zu veredeln. Natürlich ist er im Weltvergleich immer noch eine Ausnahmeerscheinung, ein echter Rundum-Athlet, wie es ihn seit Günthör nicht mehr gab. Aber wer diese Anlagen hat, von dem erwartet man mehr. Doch wen interessiert das schon? Das Kugelstoßen? Mal ehrlich!
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Montag, 21.September: Nachtrag zur »Wir helfen«-Aktion in der Fußball-Bundesliga: Dass »Bild« der »treueste Freund Israels« ist (siehe »Montagsthemen«), hat mir ein Leser als »Lob für Bild« übel genommen. Seine Einschränkung: Vielleicht übersehe er, dass ich mein Lob als ein ironisches verstehe. – Ist aber weder Lob noch Ironie, sondern nur eine sachliche Feststellung. Ob ich sie gut oder schlecht finde? Kein Kommentar. Zu viele Fallstricke (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle