Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Montagsthemen (vom 21. September)

Flanke von außen in die Mitte, ins Gewimmel, Alexander Meier steht goldrichtig, hält den Fuß hin, perfekte Direkt-Annahme, perfekter trockener Schuss mit der Schokoladen-(Innen-)Seite … typische Meier-Szene also. Aber Drobny reagiert phantastisch, hält den fast unhaltbaren Ball. Wäre dieser im Tor gelandet und hätte die Eintracht dadurch gewonnen, der Hype um »Alex Fußballgott« würde ins Irrsinnige steigen. Vermutung: Einer wie Meier ist ganz froh, dass es nicht so gekommen ist.
*
Top-Meldung  bei »Bild online«: Hoppla! Klopp schläft im Bayern-Hotel! Im Text erfährt man: Reiner Zufall, die Bayern nächtigten dort wegen Darmstadt, Klopp wegen eines IAA-Termins. Typisch »Bild« also. Typisch »Bild« auch die Flüchtlings-Werbeaktion mit dem Logo »Wir helfen« am Ärmel. Bis auf wenige Ausnahmen, die »Bild«-Boss Kai Diekmann öffentlich in den rechten Senkel stellte (ausgerechnet St. Pauli!), ließ sich die Liga für die Aktion vereinnahmen.
*
Typisch aber auch die Gegenreaktionen. Zwar verständlich, dass »linke« Klubs wie Freiburg oder St. Pauli nicht mitmachen. Ich hätte auch nicht mitgemacht, da derartige Aktionen (wie auch die Anti-Rassismus-Clips vor Champions-League-Spielen) nicht dem Gutgemeinten helfen, sondern dem guten Gefühl der Gutmeinenden. Aber ein Reflex gegen »Bild« ist ungerecht: Das Blatt habe dumpfem Rechtsradikalismus immer Vorschub geleistet. Der Vorwurf  beweist nur, dass »Bild« ein Popanz seiner Kritiker ist, die ihr Vorurteil genießen und pflegen, ohne das Blatt zu lesen. Da die »Bild«-Zeitung zu meiner Pflichtlektüre zählt (an ihren guten Tagen sogar zur Kür), weiß ich, dass sie, so impertinent das Blatt oft skandalisiert und manipuliert, strikt antinazistisch eingestellt ist, jeden echten oder auch nur scheinbaren Antisemitismus geißelt und treuester Freund des Staates Israel ist. Davon kann sich jeder überzeugen, der »Bild« liest – aber »Bild« liest »man« nicht, hat man nur zu verachten. Warum »Bild« stramm antinazistisch und proisraelisch ist, kann ich nur vermuten: Die Springer-Chefin lässt den täglichen Boulevard-Kram laufen, ist aber in Sachen Israel unerbittliche Nachlassverwalterin ihres Mannes.
*
Ziemlich anderes Thema: Japans Sensationssieg bei der Rugby-WM gegen den haushohen Favoriten Südafrika. Apropos Rubgy: Ein irrer Sport! Ich weiß auch als Hesse, in dessen Heimat Rugby so verbreitet ist wie Rhönradturnen im Kongo, wovon ich schreibe, denn prägende Jahre verlebte ich einst in Heidelberg. An einem meiner ersten Tage dort brach der Verkehr zusammen, wild und ausgelassen feiernde Menschenmassen zogen durch die Stadt, eine Stimmung wie bei Karneval in Rio, Love-Parade und Elyas M’Barek zusammen, und das »nur«, weil Heidelberg Deutscher Rubgy-Meister geworden war. Bald schon verkehrte ich in allerbesten Rubgy-Kreisen, in der Altstadt beim urigen Wirt Kuno, einem Exnationalspieler, der auch zum tausendsten Male immer noch gerne erzählte, wie er »im Hämdepark die Quetsch genomme« und die Schotten schwindlig gespielt hatte, so dass die nicht mehr wussten, ob Rugby Rugby oder Rubgy geschrieben wird. – Wissen Sie’s auf Anhieb? In diesem Test-Text steht es 5:4 für Rugby. Und das ist auch gut so.
*
Noch mal zu Diekmann, »Bild« und den Reflexen: Als Antwort auf menschenbeschädigende »Bild«-Schlagzeilen behauptete der Schriftsteller Gerhard Henschel vor Jahren in der »taz«, Diekmann habe sich seinen äußerst winzigen Penis in den USA mit Leichenteilen verlängern lassen, die Operation sei aber schief gegangen – »Diekmann kastriert!« Der klagte auf Unterlassung und Schmerzensgeld (was das Gericht verweigerte) und outete sich so als scheinbar humorfreier Vollsimpel.
*
Die »taz« juxte und gab ein Kunstwerk in Auftrag, das an ihrem Gebäude direkt gegenüber von Springer angebracht wurde: Ein nackter Mann mit Riesenpenis und Diekmann-Gesichtszügen. Und dann nahm das Unheil seinen Lauf. In der »taz«-Redaktion. Das richtige antisexistische Bewusstsein kämpfte gegen das richtige Sponti-Bewusstsein, verbissen und humorfrei zerfleischte man sich intern: Der Penis muss weg! Der Pimmel bleibt dran!
*
Diekmann, zuvor nicht als lässiger Ironiker bekannt, nahm dann in einem eigenen Blog die »taz« derart lustvoll auf die Schippe, dass selbst der »Spiegel« fragte: »Wer sind hier eigentlich die Spontis?”
*
Diekmann vom Vollsimpel zum einzig wahren Sponti – so hatte sich der alte Nietzsche seine Umkehrung aller Werte nicht vorgestellt. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de   gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle