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Sport-Stammtisch (vom 19. September)

Der Bayern-Elfmeter. Im Straßenverkehr würde Costa für diesen mutwilligen Auffahrunfall nicht belohnt, sondern bestraft. Unser Leser Helmut Cichorius kann daher »den Anhängern vom FC Augsburg nur zurufen: ›Willkommen im Club!‹« Er habe noch nie erlebt, dass der Eintracht gegen Bayern ein ähnlich diskussionwürdiger Elfmeter zugesprochen wurde, »aber jede Menge gegen sich«.
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Sogar Bayern-Fans werden zunehmend irre an ihrem Klub. Ich erlebe es im eigenen Umfeld und lese es auch in Wolfram Eilenbergers Zeit-Online-Kolumne. Der Mann ist »seit 30 Jahren« Bayern-Fan, Chefredakteur des Philosophie-Magazins, hat einen Fußball-Trainerschein und für sich die Sympathie-Bremse erkannt: »Abgesehen davon, dass kein Mensch konkret anzugeben vermag, womit Sammer beim FC Bayern den lieben langen Tag seine Zeit verbringt, außer Interviews zu geben – er ist einfach keiner von uns. Jeder weiß das, jeder spürt das. Sammer zerstört emotionale Nähe, die einen Fan zum Fan macht.« Mehr Eilenberger-O-Ton demnächst in »Ohne weitere Worte«.
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Apropos: In die Zitaten-Kolumne dieser Woche hatte ich auch die Beschreibung eines Rotweins aufgenommen, der »einen leichten Ton von verbranntem Gummi« habe. Hübscher Jux, dachte ich, aber wie Weinkenner Thomas Eckstein weiß, gehört der »Geruch nach verbranntem Gummi« zur gebräuchlichen Weinsprache, kommt auch auf dem Aromarad vor und sei nicht unbedingt negativ behaftet. Aromarad? Nie gehört. Ich guckte im Internet nach … und fand auch Gerüche nach angebrannten Zwiebeln, Knoblauch, Rosenkohl und sogar Achselschweiß. Es soll sogar Wein-Liebhaber von diesem Verbrannter-Gummi-Geruch geben. Aber Achselschweiß? Igitt!
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Andererseits: In früheren Kolumnen habe ich schon einige Ausflüge in die Schweißzonen gemacht und dabei Erstaunliches berichtet. Zum Beispiel, dass weiblichen Testpersonen der Schweiß von jungen Männern, die vier Wochen lang kein Deo benutzt hatten, auf die Oberlippe aufgetragen wurde. Ergebnis: Wirkt wie ein Aphrodisiakum! Und wenn dann noch ein Gläschen Achselschweiß-Wein getrunken wird …
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Würg! Schnell zu anderen Themen. »Die Transferstories werden immer wilder, wann wird ein Grabbel-Tisch eingeführt für ›last minute sales‹? Bei holländischen Blumenversteigerungen geht es gesitteter zu«, merkt Walther Roeber an. Dirk Loburg nimmt Dennis Schröder gegen meine (zugegeben: recht rigorose) Kritik in Schutz: Schröder sei »der einzige Spieler mit Weltklasseformat« gewesen und habe das Team »in vielen Spielen fast im Alleingang getragen«. Volkhard Habusta (Klein-Karben) fragt nach: »Haben Sie schon die Fotos Ihres Tattoos veröffentlicht? Habe ich das übersehen, vergessen oder gar verdrängt?« – Mhm. Ich wollte mich zwar tätowieren lassen, falls ich jemals wieder über Doping schreiben sollte. Ich kann mich aber nicht erinnern, es getan zu haben. In meinem Alter vergisst man schnell. Gegenbeweise werden nicht akzeptiert.
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Ach ja, Tattoos. Gestern sprach mir Michael Humboldt mit seiner »Anstoß«-Eloge auf Alex Meier aus dem Herzen. Was noch dazu kommt: Bei Meier habe ich noch kein einziges Tattoo entdecken können, auch damit fällt er aus der Zeit. Immerhin positiv am Tattoo-Trend: Er scheint das Rotzen auf dem Platz als Proll-Erkennungszeichen abgelöst zu haben. Vorteil des Rotzens allerdings: Damit kann man jederzeit aufhören. Vollprolltätowierte Arme bleiben ein Leben lang. Es sei denn, mein Verdacht würde sich bestätigen, dass die Profis nur bemalte armlange Handschuhe tragen.
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Kein Fake war das Interview eines Internet-Senders mit Andre Schürrle. Eine junge »Ich-bin-sowas-von-gut-drauf«-Moderatorin las die Fragen von einem Zettel ab. So wollte sie wissen, ob »Denial« verdient gegen »Revenge« bei den »Call-of-Duty«-Championships« gewonnen habe. Es dauerte eine Zeit, bis sie die Zettel-Verwechslung bemerkte. Aber auch dann hatte sie keine Ahnung, wer Schürrle ist, dass er Fußball spielt und Weltmeister geworden ist. Auch dass Deutschland Weltmeister ist, war ihr nur vage bekannt.
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Bemerkenswert, dass die junge Frau keinerlei Scham empfand und sogar ihren Spaß am Nichtwissen hatte. Nun könnte ich über den Verfall des Journalismus in Zeiten des Internets lamentieren, über den Primat des Gutdraufseins über das Vielwissen, über die allzu vielen Irgendwas-mit-Medien-Machenwoller … wenn mir nicht ein Lichtlein aufgegangen wäre: Was ist daran ehrenrührig, keine Ahnung vom Fußball zu haben? Und dann stellte ich mir vor, Interviewer zu sein und, statt einen Fußball-Nationalspieler vor mir zu haben, einen »E-Sportler« über »Denial«, »Revenge« und die »Call-of-Duty«-Championships« befragen zu müssen, Begriffe, die mir fremder wären als dem Medien-Mädchen »Schürrle« oder »Fußball-Weltmeisterschaft«. Welches Wissen ist überflüssig, das über Fußball oder über Ballerspiele? Manche meinen: beides. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle