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Gießen! (“Wer bin ich?” vom 17. September)

Alles begann damit, dass sich ein junger Mann und eine junge Frau Briefe schrieben. Der junge Mann, hier A genannt, wurde später ein guter Sportler. Allerdings bei weitem kein so überragender wie der damalige Star seiner Sportart, den er bewunderte und dessen Mannschaftskamerad er später wurde. Dieser, hier B genannt, würde aber im Gegensatz zu A nie an der größten Veranstaltung teilnehmen können, an jener, von der alle träumten, die einmal mit dem Sportgerät zu tun hatten, ohne das es nicht geht.
Es folgt ein fiktiver, aber realistischer Dialog zwischen A und B, denn er besteht aus vielen Originalzitaten der beiden Gesuchten.
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A: Jahrzehntelang habe ich geschwiegen. Erst jetzt habe ich mich von einem Journalisten breitschlagen lassen, darüber zu reden. Er hat ein Buch daraus gemacht.
B: Journalisten? Pfui Teufel! Mit denen rede ich nicht mehr. Hat mir ein alter Freund empfohlen. Ich bin diesen Typen nicht gewachsen, sagt er, die würden mich jedes Mal reinlegen, die sind cleverer als ich. Ins Gesicht gesagt hat er es mir nicht, aber er meint: Ich bin zwar ein ehrlicher, redlicher Kerl, aber ein bisschen zu einfach strukturiert.
A: Einfach? Mein Leben war ziemlich einfach. Wenn ich nicht gerade arbeitete oder schlief, trainierte ich. Je besser ich wurde, desto weniger musste ich arbeiten, und je weniger ich arbeitete, desto mehr konnte ich trainieren.
B: Die Sportveranstaltung, durch die ich berühmt wurde, hatte den Grundgedanken, keine Unterscheidungen mehr nach Ideologie, Überzeugungen und Religion zu machen. Das fand ich schön.
A: Die Leute liebten diese Veranstaltung. Ich glaube nicht, dass es irgendwo auf der Welt etwas Vergleichbares gab. Und Dich, B, Dich mochten alle. Du warst charmant, sahst gut aus und hattest Charisma. Auch die Frauen himmelten Dich an.
B: Tausende Menschen schrieben mir. Der Druck war enorm, das hat nicht immer Spaß gemacht, aber ich begriff, dass ich in der Verantwortung stand. Ich weiß nicht warum, aber auch Menschen, die ich gar nicht kannte, duzten mich einfach. Das tat man eigentlich nicht bei fremden Menschen, aber mich störte es nicht.
A: Du galtest zwar als »Hundertfünfzigprozentiger«,  aber Du warst auch ein echter Kerl und hattest vor niemandem Angst. Als sie uns nach dem Wettkampf die versprochenen und gewonnenen Prämien nicht gaben, hattest Du als einziger den Mut, aufzustehen und das Geld zu fordern. Der Verbandsfunktionär brüllte Dich an und drohte Dir mit einem Verfahren, falls Du nicht den Mund hältst. Selbst einen wie Dich bedrohten sie also inzwischen völlig unverhohlen. Welche Hoffnung konnte es dann noch für Leute wie mich geben?
B: Du warst ein netter, stiller Bursche. Ich mochte Dich. Aber was Du getan hast, kann ich einfach nicht verstehen.
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A: Politisch interessiert war ich nie. Ich liebte meinen Sport und meine Freundin. Aber bei beidem legten sie mir Steine in den Weg, Steine so hoch wie Mauern. Auf der Landkarte, die in dem Buch zu sehen ist, steht auf dem Gebiet der Bundesrepublik nur der Name einer einzigen Stadt: Gießen. Dort änderte sich mein Leben entscheidend. Die Unterkunft unserer Mannschaft befand sich an der Ecke Bahnhofstraße. Am Abend gingen wir alle zusammen ins Kino – die Sportler, die Offiziellen und die uns unbekannten Leute aus dem Bus. Meine Freundin wartete am Bahnhof auf mich. Ich stellte mich ihren Eltern vor. Später fuhren wir nach Mainzlar, wo sie Verwandte hatten. Der große Wettkampf in Gießen fand ohne mich statt. Ein Jahr später heirateten wir.
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B: Man muss damit beginnen, an einer besseren Zukunft zu arbeiten, und ich denke, dass die Menschen meiner Generation dies getan haben. Ich auch.
A: Eines Tages tauchten einige Journalisten von der Bildzeitung auf und boten mir ziemlich viel Geld für meine Geschichte, aber ich sagte nein. Ich wollte keinen Presserummel. Ich zog einen Schlussstrich und versuchte, mich in meinem neuen Leben zurechtzufinden, so gut ich konnte.
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Vor wenigen Jahren wurde B eine große Ehre verweigert, die er sportlich zweifellos verdient hätte. A dagegen wurde eine kleinere Ehre zuteil, die er schon viel früher hätte erhalten müssen. Wer sind diese beiden sehr unterschiedlichen, sehr ähnlichen Sportler? (Einsendeschluss: Dienstag, 22. September) (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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