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Sonntag, 13. September, 6.30 Uhr

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Insel Moen.  Wer „Kruso“ gelesen hat, der weiß: Hier, bei den Kreidefelsen, wurden die Leichen von gescheiterten DDR-Flüchtlingen angeschwemmt. Nur wenige Kilometer weiter, auf der Insel Falster, liegt Gedser, der südlichste Punkt Dänemarks. Gedser war das Ziel wagemutiger Paddler aus der DDR. Heute ist Gedser ein ruhiger Fährhafenort. Auch wer den Radfernweg Berlin – Kopenhagen fährt, kommt hier an, denn er führt über die Fähre Rostock – Gedser nach Dänemark.

Alle zwei Stunden kommt hier eine Fähre an. Davor und danach liegt Gedser still und scheinbar verlassen da.

Heimreise steht bevor. Im deutschen Videotext lese ich, dass die Flüchtlingskatastrophe Dänemark erreicht hat. Züge zwischen Deutschland und Dänemark fahren nicht mehr.  Auf der Autobahn wandern die Flüchtlinge nach Norden, sie ist bei Padborg kurz hinter der Grenze in beiden Richtungen gesperrt. Liegt diesmal nicht auf dem Heimweg, da wir nicht an der Nord-, sondern an der Ostsee sind. Aber der Videotext verrät auch, dass auf der Fährstrecke Puttgarden – Rödby Chaos herrscht. Unsere Strecke. Tags darauf: Fährbusiness as usual. Keine Flüchtlinge. Nur eine Gruppe gleichgroßer, gleichaltriger Dänen, schätze: eine Handballmannschaft, die mit uns auf das Schiff warten und Kaffee trinken. Viel Kaffee. Zur Geschmacksverbesserung kreist die Schnapsflasche. Morgens um neun. Später, auf der Fähre, fordert das Kreisen und die Fortsetzung an Bord erste Opfer.

Zuvor, am Kiosk, auf den Titelseiten der dänischen Zeitungen nichts gesehen vom Flüchtlingsdrama.

Viel gelesen auf Falster. Auch mitgenommene Zeitungsartikel, die noch ungelesen waren. Zum Beispiel ein Lagebericht in der Frankfurter Rundschau. Vom 27. August. Thema: „Auf der griechischen Insel Kos prallen Welten aufeinander: Flüchtlinge hausen wie Obdachlose, Touristen genießen Sonne und Strand. Urlaub und Elend, hier gibt es beides.“ Auch den Schlusssatz notiere ich: „Dann sagt sie etwas Merkwürdiges, etwas, das wahrscheinlich erklärt, warum die Menschen von Kos so friedlich, so entspannt bis desinteressiert auf die Flüchtlinge blicken, die jeden Tag übers Meer kommen und dann weiterziehen: „Hier fängt es an“, sagt die Mini-Market-Kassiererin, „hier bei uns. Und bei euch in Germania endet es.“

Tja. Mein „Ungetwittert“, am 6. Juni hier im Blog: :Wir leben in zwei Zeitaltern gleichzeitig, dem der Völkerwanderung und dem der Dekadenz. Das eine wird das andere beenden.

Nach seinem Tod wurde ein Satz von Egon Bahr wieder aufgegriffen. Verstand ohne Herz sei unmenschlich, Herz ohne Verstand sei dumm.

Heute Nacht sind wieder 13000 Flüchtlinge in München angekommen. Die Balkanroute sei voll wie nie. Voller Geister, die wir riefen.

 

Die sonntagmorgendlichen Notizen kommen wohl kaum für die „Montagsthemen“ in Frage. Oder doch? Oder für die „Nach-Lese“ im Feuilleton am 26. September?

Auf dem Zettel: Schröder, „Magic“ Johnson (geniale Pässe; nicht nur längenmäßig einen Kopf größer), „Swish“, 5 Spiele in 6 Tagen, und dazu der schon in Dänemark notierte Satz: Der große Nowitzki stellt sein Ego in den Dienst der Mannschaft, Schröder stellt die Mannschaft in den Dienst seines großen Egos. Gefällt mir immer noch, kommt in die „Montagsthemen“. Außerdem gestichwortet: Altweibersommer / Unterschied Vettel – Rosberg (Baby) / Niedriger Puls / Hulk Hogan und sein uralter „Neger“ / Gemeinsamkeit Mayweather – Lewis / Bayern-Elfer und meine Video-Hilfe / der Niedergang von Abercrombie & Fitch (nachschauen, was ich damals notiert hatte)

Müsste eigentlich reichen. Jetzt, nach kurzer Pause und ab sofort wieder regelmäßig: SZ, FAS + KKK. Danach „Montagsthemen. Bis dann.

 

Baumhausbeichte - Novelle