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Sport-Stammtisch (vom 5. September)

Soll ich? Oder lieber nicht? Wenn ich schreibe, was ich denke, mache ich mich vor dem Leser doch nur zum wunderlichen alten Affen. Oder zu etwas noch Schlimmerem. Da sollte ich lieber feige auf der sicheren Seite und im Einklang mit dem Geist der Zeit bleiben.
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Nein, ich meine nicht das Thema, das zwischen dumpfen Neonazis und beseelten Flüchtlingsromantikern kaum noch Platz lässt für vorausschauende Pragmatiker. Zumal furchtbare Bilder, allen voran das eine, das herzzerreißende, auch der kritischen Vernunft die warnende Stimme verschlägt.
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Auch möchte ich mich nicht neben einen bayerischen Minister in den Shitstorm stellen. »Neger« und sonstige Rassismus-Reizworte habe ich an dieser Stelle mehrfach durchgekaut und ausgereizt. Der Minister hat sich den Kot-Orkan mit Fleiß verdient – allerdings nicht durch den aus dem Zusammenhang gerissenen »Neger« (ein ähnlicher nur stilistischer Fehlgriff wie damals bei Jenninger, erinnern Sie sich?), sondern durch mannigfaltige frühere Verhaltensauffälligkeiten.
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Auch weise ich mit meinem altersfleckengesprenkelten Zeigefinger (ach, nee, sind ja Sommersprossen) nicht auf »meine« Griechen hin, sondern freue mich für sie, dass die One-Issue-Gesellschaft, die sich nur mit einem Groß-Thema gleichzeitig befassen kann, das Land momentan in Ruhe vor sich hin bosseln lässt.
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Aber auch das ist nicht das Thema, vor dem ich zurückschrecke. Sondern: die obszönen Transfers im Fußball-Geschäft. Damit meine ich nicht die Fantastillionen, die von Klub zu Klub transferiert werden. Die sind nur eine spezielle Form des Nullsummenspiels und schaden am Ende allenfalls denen, die sie in Umlauf bringen. Meinem Sportverständnis entzieht sich bei diesen Transfers etwas ganz anderes, und zwar total: Dass der Aufbau von Leistung nicht mehr durch Eigenleistung, sondern überwiegend durch Zukauf von Fremdleistung betrieben wird.
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Jeder Profiklub hat nicht nur Spieler unter Vertrag, die den schärfsten Konkurrenten »gehören«, entweder als Ausleihware oder schon mit dem unterschriebenen Vertrag in der Tasche, sondern viele von ihnen wechseln auch, wie jetzt im »Transferfenster« geschehen, während der Saison den Verein. Gilt als ganz normal. Das ist sogar so normal, dass es als unnormal gilt, dies schon lange nicht mehr normal zu finden. Aber mit dem Sport, der manchem immer noch in erster Linie eine Lebenseinstellung und erst in zweiter Unterhaltung und Geschäft ist, mit diesem Sport hat das nicht viel zu tun.
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Dass der wahre Sport keine Chance hat gegen die Ware Sport, ist zwar nur ein altes »Anstoß«-Wortspiel, aber immer noch gültig – mehr denn je. Wahrer Sport wäre es, wenn alle Klubs mit den Kadern und den Trainern die Saison beenden müssten, mit denen sie begonnen haben. Aber die Ware Sport verlangt bei schlechter Tabellen-(also Markt-)Lage schnellst- und teuerstmöglichen Zukauf von Spielern und/oder Trainern. Die sportliche Leistung wird also nicht selbst erzeugt, sondern gekauft. Was, nebenbei bemerkt, eine klassische Definition von Doping ist. Dagegen anzukämpfen ist ebenso erfolgversprechend wie als Schmetterling Windmühlenflügel aufhalten zu wollen. Das würde selbst wunderlichen alten Affen schlecht bekommen. Aber sagen darf man’s ja mal.
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Zum Glück gibt es einen Wahrer des wahren Sportgedankens. Dass die Nationalmannschaft immer noch unser liebstes Kind ist, könnte zumindest rudimentär mit dem alten Affen in uns allen zu tun haben: Hier gibt es die Vereinstreue ein Leben lang – wer einmal in einer Nationalelf gespielt hat, darf nie mehr für ein anderes Land spielen. Dass dies zudem die einzige Spielart des Nationalismus ist, bei der ich gerne mitspiele, ist natürlich ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. Aber zumindest so viel, dass ich mit Vorfreude dem abendlichen Fußballspiel entgegensehe, das Sie, liebe Leser, schon gesehen haben. Und, wie war’s?

Baumhausbeichte - Novelle