Archiv für September 2015

Das Rennen gegen die Stasi (WBI-Auflösung vom 1. Oktober)

Noch einmal zum späten Mitraten: Alles begann damit, dass sich ein junger Mann und eine junge Frau Briefe schrieben. Der junge Mann (A) wurde später ein guter Sportler. Allerdings bei weitem kein so überragender wie der damalige Star, dessen Mannschaftskamerad er wurde. Dieser (B) würde aber im Gegensatz zu A nie an der größten Veranstaltung seiner Sportart teilnehmen können. Aus der Geschichte von A machte ein Journalist ein Buch. B dagegen redet mit Journalisten nicht mehr, weil er sich von ihnen reingelegt fühlt. Er galt als »Hundertfünfzigprozentiger«, aber auch als guter Sportkamerad. Politisch interessiert war A dagegen nie. Er liebte seinen Sport und seine Freundin. Sein Leben änderte sich entscheidend … in Gießen! Das ist lange her. Ein halbes Jahrhundert später wurde B eine große Ehre verweigert, A dagegen wurde eine kleinere Ehre zuteil. – Das sind, zusammengefasst, die Puzzle-Teile für die Frage: Wie heißen A und B?
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Wie kam ich auf diese WBI-Runde? Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim) ahnt es: »Das ist doch nett: Man liest im Urlaub das Buch ›Das Rennen gegen die Stasi‹, und schon hat man den ›Keim‹ für eine neue WBI-Raterunde, und alle ›Infizierten‹ machen sich an die Arbeit, lassen Erinnerungsfetzen durch ihr Gedächtnis wabern, stellen Plausibilitätsbetrachtungen an, suchworteln fleißig, teils vergeblich, und finden dann einen Strang, von dem aus alles andere sich logisch erschließt.«
Stimmt. »Das Rennen gegen die Stasi«, von Herbie Sykes ist im Covadonga-Verlag erschienen. Wer es liest, den haut es um, und wer der DDR dann immer noch nachweint, dem ist nicht zu helfen. Alleine die abgedruckten Stasi-Protokolle lassen schaudern und lesen sich wie ein Nebenstrang von »Weissensee«.
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Und die Lösung? Reinhard Schmandt (Pohlheim): »Lösung B Gustav-Adolf (»Täve«) Schur war in der DDR eines der größten Sport-Idole. Als Staatsamateur durfte er nicht an der Tour de France teilnehmen. Außerdem war er zweifacher Sieger der Friedensfahrt, dem zu seiner Zeit international bedeutendsten Amateurradrennen. Schur, zu 150% linientreuer Kommunist, war schon zu seiner aktiven Zeit Abgeordneter der Volkskammer, später sogar Bundestagsabgeordneter für die PDS. Aufgrund seiner Vergangenheit wurde er trotz Nominierung nicht in die Hall of Fame des deutschen Sportes aufgenommen. Lösung A: Dieter Wiedemann stand im DDR-Trikot auf dem Siegertreppchen der Friedensfahrt. Während eines Olympia-Qualifikationsrennens in Gießen setzte er sich ab. Allerdings waren es weder sportliche noch politische Gründe, die ihn zur Flucht bewegten, sondern die Liebe zu einem Mädchen aus Westdeutschland. Im Westen fuhr Dieter Wiedemann bald als Profi. Statt der Friedensfahrt bestritt er nun die Tour de France. Doch die Stasi ließ nichts unversucht, um ihn in die DDR zurückzuführen, auch mit schwerwiegenden Konsequenzen für seine gesamte Familie. Im Januar 2015 wurde Wiedemann in das Ehrenbuch seiner Geburtsstadt Stadt Flöha aufgenommen.«
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Schwerwiegende Konsequenzen zum Beispiel für Wolfgang Lötzsch: Er war eines der größten Radtalente der DDR, aber als Cousin Wiedemanns wurde er von großen Rennen ausgeschlossen und saß zehn Monate im Gefängnis.
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Schur spricht nicht mehr mit Journalisten, weil: »1998 entlockte ihm der Journalist Alexander Osang ein unbedachtes Lob für Adolf Hitlers Autobahnbau. Seitdem fürchtet Schur, dass Reporter ihm Mikrofone anheften, um parat zu sein, wenn er etwas Blödes sagt«, weiß Manfred Stein (Feldatal), »Toll, wie Sie diese Geschichte aufbereitet haben« – »Wieder mal eine schöne Aufgabe. Ich frage mich so langsam, wo Sie ihre ganzen Einfälle hernehmen. Ich glaube fast, Sie sind ein Kreativer!«, lobt Dr. Paul Limberg aus Linden mit leiser Ironie. »Doch eine Frage sei erlaubt: Wer kennt A ???« (Uwe-Karsten Hoffmann/Bad Nauheim). Jetzt hoffentlich einige mehr – dazu beizutragen war nach der Lektüre des Buches mein Anliegen.
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Dennoch stimmt es, was Klaus-Dieter Willers aus Hungen schreibt: »Da haben Sie den Lesern aber diesmal ein kilo-schweres Pfund vorgesetzt.« Gemeistert haben es aber immerhin 21 Teilnehmer – Respekt! Hier sind sie:
2 Punkte: Jost-Eckhard Armbrecht (Gr.-Buseck), Helmut Bender (Linden), Dr. Sylvia Börgens (Wölfersheim), Thomas Buch (Friedberg), Wolfgang Egerer (Rodheim v. d. Höhe), Uwe-Karsten Hoffmann (Bad Nauheim), Andreas Hofmann (Bad Nauheim), Andreas und Reinhold Kreiling (Gießen / »in Solidarität mit Wolfgang Lötzsch«), Dr. Paul Limberg (Linden), Dieter Neil (Gr.-Buseck), Klaus Philippi (Staufenberg), Walther Roeber (Bad Nauheim), Rüdiger Schlick (Reichelsheim), Reinhard Schmandt (Pohlheim), Paul-Gerhard Schmidt (Nieder-Ohmen), Jochen Schneider (Butzbach), Manfred Stein (Feldatal), Prof. Peter Schubert (Friedberg), Klaus-Dieter Willers (Hungen) Ingrid Wittich (Merlau).
1 Punkt: Doris Heyer (Staufenberg), Karola Schleiter (Florstadt). (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 30. September 2015 .
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Walter Müller: Herz und Verstand

Wieder mal ein Volltreffer, der Satz von E. Bahr und der Spruch von Willi Brandt über Herz, Gefühl und Verstand. Auch ich bin 20 + 40 + (Jahrgang 1949), und auch bei mir kämpfen Verstand + Herz  immer noch miteinander. Ich glaube, das wird auch so bleiben bis zu meinem letzten Tag. Danke für Ihre tollen Beiträge in der Allgemeinen. (Walter Müller,  Hungen/Villingen)

Veröffentlicht von gw am 29. September 2015 .
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Ohne weitere Worte (vom 29. September)

Kluges, Originelles, Peinliches, Schräges, Dümmliches, Erhellendes oder sonstwie Inter-essantes, gesucht und gesammelt in der deutschen Medienlandschaft.
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Kaiserslauterns Reaktion auf Lewandowski: Konrad Fünfstück (neuer Trainer ab 23. 09. 2015) (»Quicklist« des Fußball-Magazins 11Freunde)
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Jürgen Klopp (…) hat das in Dortmund besser und anständiger geregelt. Er hat eine Katastrophen-Saison erst noch gerettet und zu einem (halbwegs) guten Ende geführt. Und dann ist er erhobenen Hauptes gegangen. Favre kann das leider nicht. (Sport-Bild-Chefredakteur Alfred Draxler in seinem Editorial)
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Jose Mourinho (…) hat (…) bereitwillig erklärt, welche Aufgaben alle zu erledigen haben, die auf der Ersatzbank sitzen – bei jeder halbwegs strittigen Entscheidung nämlich klarzumachen, dass sie falsch war. Dahinter steckt die Logik, dass ein steter Tropfen noch jeden Stein gehöhlt hat. (Peter Penders in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung)
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Präsident Wilhelm Neudecker nannte ihn »den kloanen Furz«. (…) Cramer war berühmt für seine Fachkenntnis. Er beherrschte die lateinischen Bezeichnungen aller Oberschenkelmuskeln und sagte Sätze wie »Fußball ist ein Spiel aus Raum und Zeit«. (aus dem Spiegel-Nachruf auf den Ex-Bayerntrainer)
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Wie hält man den Fuß richtig beim Schuss? – »(…) Wenn ich meinen Fuß durchschwinge, schwinge ich richtig durch, ich stoppe nicht die Bewegung. Und das linke Bein, das Standbein, bleibt gerade, durchgestreckt.« – Viele winkeln es ab, das ist auf vielen Fotos zu sehen. – »Ja. Aber mit durchgedrücktem Standbein bewegt sich der Körper viel weniger, wenn der Schuss ausgeführt wird. Dadurch wird die Präzision der Bewegung höher und die Wahrscheinlichkeit, den Ball genau dort zu treffen, wo man ihn treffen will.« (Hakan Calhanoglu im FAZ-Interview über seine Freistoß-Technik)
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Alles versprechen, nichts halten und dann nur 0,8 Prozentpunkte verlieren – Chapeau, Kyrios (OWW-Anm.: griech. »Herr«) Tsipras! (…) Abgesehen von einigen kleineren Umstellungen setzt er also auf dieselbe Mannschaft, die alle Auswärtsspiele in Europa verloren hat, dafür aber sehr heimstark ist. (Michael Martens in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)
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Haben Sie (…) einen Tick? – »Wenn ich auf den Platz gehe, kicke ich immer mein Kaugummi ins Tor und sage mir, das ist das Einzige, was heute hier reinfliegt.« (BVB-Torhüter Roman Bürki im Sport-Bild-Interview)
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Ein Philosoph vor dem Herrn ist bekanntlich auch Franz Josef Wagner, der in Bild den VW-Skandal beklagt: »Ein Auto darf nicht schummeln. Jede Schraube muss ehrlich sein«, schreibt er. »Mein Auto ist mein Freund. Manche sagen, dass der Hund der beste Freund des Menschen ist. Für mich ist es mein Auto. Mein Auto darf nicht lügen.« Als echter Freund wäre Wagners Auto dann in der Pflicht, ihm ungelogen zu sagen, dass bei ihm eine ehrliche Schraube locker ist. (aus der FAS-Kolumne »Herzblatt-Geschichten« von Jörg Thomann)
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Gut, dass Sie Ihren Namen nie geändert haben. – »Darüber bin ich mittlerweile sehr froh. Weil mir das wirklich von allen Leuten empfohlen wurde: Ändere sofort deinen Namen! So wirst du nie Erfolg haben! Jetzt lese ich auf Filmplakaten: Karoline Herfurth, Matthias Schweighöfer. Elyas M’Barek. Und denke mir: Cool. Wenn ich 13 wäre und einen komplizierten ausländischen Namen hätte, würde mir das Mut machen.« (Elyas M’Barek im FAS-Interview)
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Die Beleidigten sind ja, wenn sie erst mal in Fahrt sind, selber relativ beleidigungsfreudig. Um mal wieder den großen Harry Rowohlt zu zitieren: »Die Unsensiblen sind meist die Empfindlichsten.« (Harald Martenstein in seiner Kolumne im Zeit-Magazin) (gw)
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(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 28. September 2015 .
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Montagsthemen (vom 28. September)

Immer nur Bayern, BVB und Eintracht in dieser Kolumne? Schalke! Vor einem Vierteljahr an dieser Stelle angemerkt: »Nun hat Schalke einen kleinen Klopp. Breitenreiter und Schalke – das passt. Schalke wird jener Klub der Saison, der zuletzt Gladbach und davor der BVB war.« – Na ja, noch genug Saison vorhanden, um mich zu blamieren.
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Bei Leroy Sané wird meist nur Papa Souleymane als Genspender genannt. Der Junge (übrigens in Statur und Bewegung Bayerns Gaudino junior ähnelnd) hat aber eine zumindest ebenso sportlich herausragende Mama: Regina Weber. Sie war in den 80ern als Gymnastin so erfolgreich (Olympia-Bronze 1984), wie Magdalena Brzeska in den 90ern gerne gewesen wäre.
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Von Mama Weber-Sané hört, liest und sieht man wenig, sie hält sich vornehm zurück. Im Gegensatz zu ihrer Nachfolgerin, die ebenfalls mit einem Fußballprofi – Peter Peschel – verheiratet war (die Sanés sind es) und jetzt durch hintere Klatschspalten tingelt, zusammen mit weiteren ehemaligen Fußballer-Gefährtinnen wie Simone Ballack und Verena Kehrt.
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Wegen der Ukraine-Krise bangte Schalke sehr und bangt immer noch ein wenig um die vielen schönen Gasprom-Millionen. Aber kein Vergleich mit dem angststarren Bangen anderer, hauptsächlich in Wolfsburg, um die noch vieleren (sorry) VW-Millionen! Und sie bangen zu Recht, denn VW wird, was noch eine der marginaleren Konsequenzen der Affäre sein dürfte, den Mitarbeitern die satten Zulagen kappen müssen und ihnen nicht erklären können, wenn weiterhin Abermillionen in Fußballklubs weggesponsert werden. Andere Sponsoren könnten aus ähnlichen Gründen (VW ist überall) nachziehen. Wo kommen dann die Gelder her, ohne Scheichs, Oligarchen und mit deutscher 50+1-Regel? Vermutung: Die wird dann fallen müssen.
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Volkswagen – der Ben Johnson der Automobilgeschichte. Der Vergleich hinkt weniger, als er läuft und läuft und läuft. Ben Johnson tat, was alle taten, klammheimlich, aber ohne echtes Unrechtsbewusstsein. In den goldenen Zeiten der Auto-Branche hatte sich kein Mensch für Abgaswerte interessiert, genauso wenig wie für Rudi Altigs Hausapotheke. Die Eiferer der Neuzeit mussten ausgetrickst werden, was mal besser (daher keine Namen), mal schlechter klappt (Ulle, VW). Und es gibt immer noch ernstzunehmende Insider und weniger Ernstzunehmende (mich), die es für sehr wahrscheinlich halten, dass Ben Johnson von einem Konkurrenten – aus den USA! – reingelegt worden ist. Dass niemand etwas gewusst haben will und die Konkurrenz Empörung absondert – es läuft und läuft und läuft nun mal hier wie dort.
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FIFA. Ein Übergang wie geschmiert. Blatter, der aus gutem schlechten Grund die Schweiz nicht mehr verlassen hat, scheint es nun auch in der Heimat an den Kragen zu gehen. »Treuwidrige Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken zu Lasten der FIFA« an Platini wird ihm vorgeworfen, der wiederum beteuert, das Geld »für geleistete Dienste« wacker (»redlich« wäre in diesem Zusammenhang vielleicht unpassend) verdient zu haben. Was ich nicht bezweifle, denn Blatter verschenkt nichts. Der Alte und sein ehemaliger Günstling: Verhält sich Blatter zu Platinchen wie Piëch zu Winterkorn? Blöde Gleichung. Bin halt ein Mathe-Schwachmat.
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Überall Lug und Trug? Extensions am Männerbart sind das neue »große Ding« (»FAS«). Schon keimt übler Verdacht. Marco Sailer! »Der furchterregendste Bart der Bundesliga« (»Welt«) – nur ein Fake? Nein, bitte nicht! Keine Ausdehnung (= Extension, lat.) der Verdachtszone!
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Zu schlechter Letzt noch einmal zu VW: Angeblich hat Bosch schon 2007 abgasgewarnt (zuverlässige Quelle: »Bild«). Apropos Bosch: Eines der letzten großen, makellosen Sinnbilder für Qualität »Made in Germany« feiert 130. Geburtstag. Vor einer Woche führte die »FAS« aus diesem Grund ein Interview mit Konzernchef Volkmar Denner, illustriert mit zwei großen Fotos, Denner einmal mit, einmal ohne Krawatte. Es war »ein Gespräch über Stil und neue Sitten« (»FAS«), wobei Stil der neuen Zeit sei: »Die Krawatte bleibt im Schrank«.
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Wenn das so ist, dann bin ich der Pionier der neuen Unternehmenszeit, der Mann der Stunde, denn ich habe den Schlips nicht mal im Schrank, sondern … isch abe gar keine Krawatte! Warum heißt der neue VW-Chef Müller und nicht …? (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Veröffentlicht von gw am 27. September 2015 .
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