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Montagsthemen (vom 31. August)

Heute ist »Deadline Day«, größtes Event der neuen Sportzeit, live und in Farbe auf Sky. Neu auch, dass der Bezahlsender die Kritik daran gleich mitliefert. Kölns FC-Geschäftsführer Jörg Schmadtke im Sky-Interview: »Weil das am Ende bedeutet, dass das Geld nichts mehr wert ist. Wir spielen gerade Monopoly.«
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Nur Spielgeld, was  aus den Insel-Taschen in Bundesliga-Kassen teleportiert wird? Überhaupt: Hunderte von Millionen für den Fußball, von Milliarden für Griechenland – wo soll das alles enden? Na ja, am Ende halt.
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Monopoly. Soeben ist die Ukraine über »Los« gekommen. Schuldenschnitt. Interessiert beobachtet von den Griechen. Bald kommen auch sie über »Los«.
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Teleportiert? Zwar kann man Materie nicht teleportieren, aber all das Geld gibt es ja gar nicht, es ist nur die Idee von Geld, und die ist nicht an Materie gebunden, zirkuliert nicht im wahren Leben, bleibt abgeschottet wie die Fantastillionen in Onkel Dagoberts Taler-Schwimmbad. Hoffentlich halten die Mauern.
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Hoeneß-Verkörperer Thomas Thieme im Welt-Interview auf die Frage, ob er Hoeneß’ Zockerei verstehe: »Nein. Wie kann man sich in dem Alter so eine Scheiße antun? Ich habe lediglich eine Theorie. Statt des vielen Geldes hätten es für Hoeneß auch Plastikchips sein können. Hauptsache, er hat die meisten.« Monopoly also. Ich habe noch nie gewonnen. Immer nur  Badstraße, Gefängnis, Pleite. Höchstens mal den zweiten Preis einer Schönheitskonkurrenz.
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Der Hoeneß-Dokufilm wurde vom ZDF im Sommerloch versenkt und versendet wie eine der x-ten Wiederholungen von  Krimis und Schmonzetten. Auch noch gleichzeitig mit BVB-Livefußball. Quittung: Nur 2,98 Millionen sahen zu, halb so viele wie beim Dortmund-Spiel. Weit voraus in der Zuschauergunst: »Promi Big Brother«. Und wir wundern uns verächtlich über Trumps Umfragewerte in den USA.
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In mahnenden Worten heißt es oft: »Kein Fußballer, kein Mensch ist hundert Millionen wert.« Aber da das Geld nur virtuell auftaucht, möchte ich diese Behauptung in memoriam Stan Libuda einschränken: Kein Fußballer ist hundert Millionen wert. Außer Thomas Müller.
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Zur Erläuterung für Spätgeborene: Dem sensiblen Libuda gab der Trainer einmal vor einem wichtigen Spiel unter geheimnisvollem Getue eine weiße Pille. Mit der, so der Coach, ginge er ab wie eine Rakete. Libuda machte ein Weltklasse-Spiel. Danach ergänzten Schalker Fans handschriftlich ein Kirchentags-Plakat. »An Gott kommt keiner vorbei« relativierten sie  mit dem Zusatz: » … außer Libuda!« Und die Pille? Reiner Zucker.
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Placebos sind nicht nur im Fußball das wirksamste Doping. Und damit zur Leichtathletik. Ärgerlich, dass die großartigen Leistungen der holländischen Sprinterin Dafne Schippers bei uns sofort ins Reich des Dopings verwiesen werden, während wir die viel ungewöhnlichere Steigerung »unserer« Hürdensprinterin Cindy Roleder begeistert feiern. Zu Recht natürlich. Aber das gälte auch für Dafne Schippers.
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All diese Dinge, von den Fußball-Fantasiesummen über die Doping-Versimplifizierungen bis zu den einfältigen Gut-gegen-Böse-Inszenierungen (Bolt/Gatlin, Coe/Bubka), unterstreichen nur meine resignative Meinung: Sport, »richtiger« Sport, »mein« Sport ist ein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Im 21. Jahrhundert: Playstation, an der mit echten Menschen gespielt wird.
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Wir Sport-Romantiker ziehen uns auf kleine Inseln zurück. Freuen uns über den trotz aller Millionen manchmal doch noch unkalkulierbaren Fußball (die Engländer werden sich wundern!), über den noch unkalkulierbareren Thomas Müller, den selbst ein Gamestation-Virtuose nicht lenken könnte, und lassen unsere Begeisterung für den Zehnkampf-Weltrekordler Ashton Eaton und die tolle persönliche Bestleistung von Rico Freimuth nicht von bösen Gedanken torpedieren.
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Der Zehnkampf ist immer noch (hoffentlich!) eine kleine heile Welt. In der unheilen Welt spielt er aber nur eine Nebenrolle als Heldenepos ausschließlich bei Olympia und WM. Danach, bei den Inkasso-Terminen, werden die Zehnkämpfer mit Gnaden-Brosämchen abgespeist.
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Zehnkämpfer wetteifern um Punkte und kämpfen nicht gegen Konkurrenten. Daher gelten nicht sie, sondern Gut-gegen-Böse-Darsteller als die großen Künstler des Sports. Apropos Kunst: Jetzt soll der große Lenin-Kopf aus Granit in Berlin geborgen, gereinigt und ins Museum verfrachtet werden. Der Klotz-Kopf lag ein Vierteljahrhundert lang im Wald, versunken, bewachsen mit Birken und bewohnt von Eidechsen. Dort, im Freilichtmuseum, wäre er als Kunstwerk viel aussagekräftiger und sinnstiftender als ausgegraben und poliert im Museum. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport nicht mehr allzu viel zu tun. (gw)
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(www.anstoss-gw.de  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle