Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sonntag, 30. August, 6.25 Uhr

Aus den Meldungen der Nacht:

Nach langen Querelen soll jetzt der riesige Berliner Lenin-Kopf aus Granit geborgen werden. Mitte September werde das Haupt in einem Waldstück freigelegt und ins Museum gebracht, teilte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. 

Aus der dpa-Meldung erfahre ich auch,  das DDR-Denkmal sei nach dem Mauerfall  durch den Film „Good Bye, Lenin!“ neu bekannt geworden. Toller Film, aber an die Szene kann ich mich nicht erinnern. Der Kopf soll jetzt geborgen und ins Museum verfrachtet werden und liege noch in einem Wald am Stadtrand, wo sich auf dem russischen Revolutionär Birken und Eidechsen angesiedelt (dpa) haben.

Ende September darf ich wieder einmal mein Baby „Nach-Lese“ sitten. Der erste Einfall für ein Thema war „Fake“, ausgehend von dem angeblichen Dadaisten Karl Waldmann, über den (bzw. ob es den gab) sich die Feuilletons den Kopf zerbrechen. Dazu würde mir „The Hotz“ von Badesalz einfallen, auch Heino Jäger, es gäbe schöne Geschichten nachzulesen. Zweites Thema: In der SZ-Interviewserie „Reden wir über Geld“ redet der Künstler Tino Sehgal (von dem ich als Banause noch nie gehört hatte) über seine „flüchtige“ Kunst. Sehr interessant. Sehgals flüchtige Kunst kann man sich nicht kaufen, sie sind Aktionen, von denen materiell nichts übrig bleibt. Da dachte ich sofort an ein altes Glossen-Thema von mir, an die Kunst und ob Kunst von Können kommt (eher nicht; das wäre Kunsthandwerk). Außerdem habe ich einmal eine Szene zusammengesponnen (weiß gar nicht, ob auch in einer Glosse veröffentlicht): Ein erfolgloser Künstler will die Kunstszene veralbern, denkt sich – ja! – flüchtige Kunst aus, indem er Eisskulpturen schafft, die er in öffentlichen Inszenierungen auftauen lässt, wobei sich das zahlende Publikum das Schmelzwasser, die geschmolzene Kunst, andächtig trinkend einverleibt. Das würde auch eine hübsch „Nach-Lese“.

Aber beim Interview-Lesen kam ich auf ein drittes Thema, das Interview an sich, seine Flüchtigkeit, und was Helge Schneider in einem Welt-Interview dazu sagt (andere Zitate kommen in die nächste Ohne weitere Worte-Kolumne). Er mag keine Interviews, weil: „Wenn ich etwas sage und das dann geschrieben ist, dann steht es so da. Als meine Aussage, in Stein gemeißelt. Für immer gültig. Aber eigentlich habe ich als Mensch doch das Recht, heute das eine und schon am nächsten Tag das genau andere zu sagen.“

Auch ich hatte schon immer meine Probleme mit den üblichen Interviews, in denen das spontan gesprochene Wort gilt. So habe ich aus langen Gesprächen mit Matthias Beltz  (meist für „Jahresendzeitkolumnen“) stets  ein „Interview“ zusammengestellt, in dem das gesprochene Wort nur die Grundlage bildete. Die Original-Abschrift habe ich geändert, gekürzt, fehlende Zusammenhänge hergestellt, Aussagen auch verändert, wenn ich dachte, das sei gut für den Text, manchmal auch Gags, die sich beim Lesen nachträglich anboten, in Frage oder Antwort hineingearbeitet, das alles im nachträglichen Dialog mit Beltz. Motto: „Das könnten Sie doch so gesagt haben wollen, oder?“ Dann fand er es entweder gut, oder nicht (dann wurde natürlich wieder gestrichen), oder er setzte auf das, was er gesagt haben wollen könnte, noch einen drauf, und so entstand ein „Interview“, das beiden und vor allem den Lesern sehr viel Freude bereitete.

Also: 1. Fake. 2. Kunst/Können. 3. Interviews.

Oder alle drei Themen in einem? Passt ja alles zum Oberbegriff  „Fake“.

So. Wieder einmal im Sonntagmorgenblog geschrieben wie gedacht, simultan, ohne Gedankenkontrolle. Stein(es)bruch für die „Nach-Lese“.  Die hat aber noch Zeit. Die „Montagsthemen“ nicht. Auf dem Zettel bisher nur der Hoeneß-Film, Coe, Schippers, Rohleder, Zehnkampf und Bolt. Alles noch sehr vage, dunkel. Wird aber hoffentlich noch hell, so wie während des Schreibens auch draußen. Schönen Sonntag, liebe Leser.

Hach, beinahe hätte ich den Anlass für alle diese Assoziationen vergessen: Der Lenin-Kopf im Wald, auf dem Birken wachsen und Eidechsen leben: Ist er so nicht viel mehr Kunst als ausgegraben und poliert im Museum?

Baumhausbeichte - Novelle