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Sport-Stammtisch (vom 29. August)

Zur Sache, Schätzchen! Daher habe ich soeben den schon geschriebenen Beginn dieser Kolumne wieder gelöscht. Es ging um die neue deutsche Flüchtlingsbeseeltheit und ihre Folgen. Doch da ich das rechtsdumpfe »Pack« verachte und auch nicht ansatzweise dazu gepackt werden möchte, fiel mir gerade noch rechtzeitig der Film aus dem Jahr 1968 mit Uschi Glas und Werner Enke ein. Darin sagt Enke zwar ein seitdem geflügeltes und wieder aktuelles Wort (»Das wird böse enden!«), doch vor allem wird in dem Film gealbert, und das ist in diesen Tagen für einen Kolumnisten wesentlich konfliktfreier als das Unken. Also: Zur Sache, Schätzchen, und die Sache ist der Sport.
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Da gäbe es viel zu albern, vom Dortmunder 11:5 über Tommy Haas’ Instagram-Foto mit Donald Trump bis zur Leichtathletik-WM. Beim BVB muss sich erst noch zeigen, ob die schwungvolle »11« oder die hoch bedenkliche »5« den Saisonverlauf bestimmen wird. Bei Haas denke ich immer an die alte Geschichte seines Vaters, der 1990 eine »Tennistalentförderung GmbH und Co. KG« gegründet hatte, in die 15 Förderer jeweils 50 000 Mark einfließen ließen, was jedem 15 Jahre lang eine Beteiligung von einem Prozent an allen Einnahmen garantieren sollte. Was später Ärger gab, auch vor Gericht, aber das nur am Rande. Am Ende seiner Karriere hat Haas erneut Ärger, denn sein Instagram-Foto unterschrieb er mit »Mach, dass Amerika wieder großartig wird!« Im folgenden Shitstorm ruderte Haas zurück: Das sei nur ein Scherz gewesen. Humor ist aber manchmal, wenn man trotzdem nicht lacht.
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Es stimmt nicht, dass böse Menschen keine Lieder hätten (»SA marschiert!«), sogar Humor (allerdings meist fiesen) können sie absondern, aber was sie nicht haben, das ist Selbstironie. Von daher ist Justin Gatlin ganz gewiss kein böser Mensch, obwohl er die Rolle perfekt spielt. Mit dem Nebeneffekt, dass der lange umstrittene Bolt plötzlich der  unumstritten  Gute ist.  Gatlins  Kommentar zum Segway-Mann, der Usain Bolt über den Haufen fuhr: »Ich will mein Geld zurück! Der hat da etwas falsch verstanden. Er sollte das vor dem Rennen machen. Nicht danach.« – Aber Gatlin sollte sich hüten: Mit so viel Selbstironie zerstört er noch das moderne Medien-Märchen vom Kampf Gut gegen Böse.
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White boys können nicht jumpen und sprinten. Warum? Als die Zeiten politisch noch nicht ganz so korrekt waren, schwadronierte der US-Trainer Dean Cromwel: »Weil Laufen und Springen wie für alle Primitiven im Dschungel überlebensnotwendig« gewesen sei. Aber Rassisten behaupteten auch jahrzehntelang, dass für Schwarze die technischen Disziplinen, also die Würfe, zu kompliziert seien. Und nun: Ein Kenianer gewinnt das Speerwerfen, zudem mit Sensationsweite, ein Ägypter wird Zweiter – Black boys can throw!
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Ein schwarzer Comedian (nur der darf das) hat einmal die Frage beantwortet, warum Michael Jackson sich oft in den Schritt griff: Weil die Weißen den Schwarzen alles weggenommen haben und die Schwarzen daher nachprüfen müssen, ob wenigstens DAS noch da ist. Jetzt aber drehen sie den … sorry … Spieß um und nehmen uns  auch noch das Werfen weg.
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Zwischenfrage: Warum wird in der Leichtathletik gegen den Uhrzeigersinn gelaufen? Gängige Erklärung: Weil dies die natürliche Bewegungsrichtung sei. Denn der Mensch ist nicht nur normalerweise Rechtshänder, sondern auch Rechtsfüßer, schreitet deswegen mit rechts kräftiger aus, was ihn, zum Beispiel beim scheinbaren Geradeausgehen in der Wüste, nach einem unbewussten Linksherum-Gang wieder zum Ausgangspunkt führt. Und was hat das alles damit zu tun, dass die Gänge in Supermärkten meist linksherum angelegt sind? Und warum überhaupt geht’s im Uhrzeigersinn rechtsherum? Fragen über Fragen.
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Zurück zu Bolt, Gatlin und Co. Möglicherweise holen doch noch ein paar Weiße in Peking Sprint-Medaillen. In der Staffel. Weil die schwarzen Supersprinter manchmal ihre Staffelhölzer sinnlos durch die Gegend werfen, weil Wechseltraining unter ihrer aufgegockelten Würde ist.
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Das ist aber eine sehr vage Hoffnung. Bleibt lediglich eine Sportart, in der die Weißen bis in alle Ewigkeit bevorteilt bleiben: Schach. Aber nur, weil die Schwarzen erst nach ihnen starten dürfen. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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