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Von Flöhen und Menschen oder: Wie traurig wäre das Leben des Hundes, wenn ihm der Mensch nicht Stöckchen würfe (“Anstoß” vom 27. August)

Wer läuft am schnellsten? Wer am ausdauerndsten? Wer springt am weitesten, am höchsten? Wer ist der Stärkste? Citius, altius, fortius, das alte olympische Motto des »Schneller, Höher, Stärker«, das ist der Kern der Leichathletik und gleichzeitig ihr Dilemma (aber das nur am Rande, diese Kolumne kommt heute ohne das D-Thema aus).
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Aber wer ist nun der Schnellste, Sprungkräftigste, Stärkste? Nicht der Mensch. Das Tier natürlich. Der Gepard beschleunigt bis auf 120 km/h., Usain Bolt nur auf schlappe 45. Ein Floh springt 200 Mal so weit, wie er groß ist. Solche alten Geschichten werden bei Olympischen Spielen oder Leichtathletik-Weltmeisterschaften gerne aufgewärmt. Ist ja auch zu putzig, dass sogar eine Wildsau schneller wetzt als der hochgedopteste Sprinter (55 km/h) und dass die 30-Zentimeter-Hochsprungbestleistung des Flohs von der nur sechs Millimeter kleinen Wiesen-Schaumzikade überboten wird, die 60 Zentimeter hoch hüpft. Um mitzuhalten, müsste der Mensch schon 200 Meter hoch springen.
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Wer sich an solchen schrägen Beispielen ergötzt, vergisst leicht, dass den Tieren eine wichtige athletische Fähigkeit fehlt: Sie können nicht werfen. Sollten sie das versuchen, sind sie schnell auf den Hund gekommen. Apropos: Wie traurig wäre das Leben des Hundes, wenn ihm der Mensch nicht Stöckchen würfe! Nach neuesten Erkenntnissen der Kynologie haben sich seine Urahnen dem Menschen nur angeschlossen, weil unsere Wurffähigkeit seine Lebensqualität entscheidend verbessert (Quelle: Forschungsergebnis des Privatgelehrten »gw«).
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Selbst der stärkste Elefant stößt keine 15-Pfund-Kugel über 20 Meter weit, schon gar nicht mit korrekter Technik, also mit dem Rüssel, seiner Ersatzhand, beim Abstoß am Hals und ohne überzutreten aus einem Kreis von nur 213 Zentimetern Durchmesser. Ganz zu schweigen vom Diskus- und Hammerwerfen oder gar mit dem Speer, den der Mensch (Name: Uwe Hohn) sogar so weit warf (104,80 m), dass das Gerät aus Sicherheitsgründen fluguntauglicher gemacht werden musste
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Zum Glück kann das Tier nicht werfen. Wo wären wir heute, wenn sie in der Steinzeit mit dem Speer zurückgeworfen hätten? Vor Angst immer noch auf den Bäumen. Das Wurfgerät als Waffe ist unser Alleinstellungsmerkmal, aber leider auch ein beweiskräftiges Indiz für Sporthasser wie Robert Musil, der unsere Leibesübungen als Ersatzkrieg schmäht. In seinem Jahrhundertwerk »Der Mann ohne Eigenschaften« schreibt er, Sport sei »roh, Niederschlag eines feinst verteilten, allgemeinen Hasses, der in Kampfspielen abgeleitet wird«. Und da hatte Musil noch nicht einmal gewusst, dass der Speerwerfer Hohn wie zum Hohn auch einen anderen absoluten Weltrekord hält: 100,02 Meter mit einer DDR-»F 1« im Handgranatenweitwurf.
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Aber selbst wenn wir beim Sportvergleich Mensch/Tier das Werfen außen vor lassen, sieht der Sieger aus wie wir und nicht wie Gepard, Elefant oder Schaumzikade. Den Beweis, dass der Mensch der beste Sportler unter den Lebewesen ist, führt der legendäre Verhaltensforscher Konrad Lorenz (Sie wissen schon: der mit der Graugans schwamm). Viele Tiere, so Lorenz, seien zwar bessere Spezialisten, der Mensch aber der unschlagbare Generalist. Schon ein Normalmensch könne, ohne Sportler zu sein, nacheinander hundert Meter laufen, einen Kopfsprung in einen See machen, hundert Meter ans andere Ufer schwimmen, an einem Seil hochklettern und dann zehn Kilometer marschieren – kein Tier könne mithalten. Viele Jugendliche heute zwar auch nicht mehr, aber das ist ein anderes Thema.
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Wir merken uns also: Der Löwe mag König der Tiere sein, König der Athleten aber ist er nicht. Das ist nur der Mensch. Schon damals als Homo erectus pekinensis – und morgen wieder als Zehnkämpfer in Peking. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

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