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Sonntag, 23. August, 6.20 Uhr

Statt nach Meldungen der Nacht nach Kugel-Quali gesucht. Storl knapp hinter Kovacs, aber locker im ersten, während der Ami (21,37) zwei Versuche brauchte. Der erste nur knapp über 20. Typisch Drehung. In den Agenturmeldungen nichts über Jacko Gill, dessen Stagnations-Werdegang ich schon lange verfolge (und darüber in der Kolumne informiere). In der Online-Ausgabe einer Luxemburger Zeitung werde ich fündig: Im dritten Versuch qualifiziert er sich mit 19,94 und schmeißt einen Luxemburger raus, der mit 19,87 Landesrekord stößt. Na ja. Quali-Norm war 20,65, die haben aber nur drei geschafft.

Die Mail von Werner Lotz (siehe “Mailbox”) weckt Erinnerungen. Was ich zuletzt über Angleiten/Drehen und Straddle/Flop schrieb, war nicht theoretisiert, sondern basiert auf eigener Erfahrung auf unterschiedlichem Niveau.

Kugel: Wegen einer misslungenen Anti-Heuschnupfen-Spritze, die den Ischias-Nerv schädigte, wechselte ich vom Angleiten zum Drehen. Denn die Schädigung machte sich nur beim Angleiten (und im täglichen Leben sowieso nicht) bemerkbar. Wenn ich anglitt, also vom rechten Fuß abstieß und wieder auf ihm landete, wirkte der zweite Kontakt wie eine Backenbremse. Also begann ich zu drehen, denn da dreht man nicht von einem auf dasselbe Bein, sondern von einem auf das andere. Das Problem: Ich beherrschte die Drehung nie, weil mir sofort schwindlig wird und ich die Orientierung verliere. Aber schon beim ersten Training flog die Kugel plötzlich auf knapp 20 Meter, weiter als zuvor mit Angleiten. Zwischendurch fiel sie aber schon bei 16 oder 17 Meter runter oder gar ich um. Ich trat dennoch bei Halleneuropameisterschaften an, kam ins Finale und wurde mit 19 m Achter. Die Fachzeitschrift “Leichtathletik” schrieb von einem verheißungsvollen Beginn, ich hörte aber wieder mit dem Drehen auf, weil zu unsicher und ich mich über gute Zufallsweiten nicht freuen konnte. Mit dem Angleiten wurde es aber trotz größter Bemühungen auch nichts, ich versuchte es wieder mit dem Drehen und hörte bald ganz auf.

Hochsprung: Mit 16, 17, 18 machte ich viele Wettkämpfe, teils im Mehrkampf, teils im Einzel. Hochsprung machte mir Spaß, weil man nicht so viel laufen musste. Leider war ich vergleichsweise sehr untalentiert für den Straddle (= “Tauchwälzer”, Flop gab es noch nicht). Das Tauchwälzen nahm ich wörtlich und wickelte mich fast aus dem Stand um die Latte, sprang fast durchweg 1,69 m hoch und keinen Zentimeter höher. Mit Anlauf kam ich ebenfalls keinen Zentimeter höher. Daher alberte ich manchmal herum, nahm einen langen Anlauf, stoppte vor der Latte, kratzte mich am Kopf, als ob ich vergessen hätte, was jetzt zu tun ist, und dann wickelte ich mich aus dem Stand drüber (für die Schau gab es einmal bei einem Dorfsportfest anlässlich der Kirmes am Abend Freibier für den ganzen Klub). Als ich ernsthaft mit Kugelstoßen anfing, machte ich keinen Hochsprung mehr, das Kraft (=Schnellkraft = Sprungkraft)-Training verbesserte aber mein Sprungvermögen stark (Jump-and-reach 75 cm). Mit schon über 30 nahm ich mal nach der Saison aus Jux und Dollerei an einem Hochsprung-Wettkampf in Lüdenscheid teil (trat auch mit der  Kugel, über 100 m, plus Weitsprung an) und sprang Bestleistung: 1,75 m. Im Flop, den es da schon lange gab. Ohne Bogenspannung (siehe Werner-Lotz-Mail), ohne Technik, es sah aus, als würde ich rückwärts aufs Klo springen. Das war ein ähnliches Gefühl wie bei der Drehung: eine Leistung, die mir eigentlich nicht zustand. Unterschied zur Drehung: Der Flop hat keine Streuung, wer 2,30 m springt, scheitert nicht im nächsten Wettkampf an 2 m oder springt Weltrekord.

So. In der Erinnerungskiste gekramt. Nicht ganz die gewohnte Sonntagmorgenblogthematik. Also auch kein Stein(es)bruch für die Kolumne, denn dafür war es zu viel Altmännerschwadroniererei. Apropos: Alt wird zu allererst das Sprungvermögen. Auch das habe ich am eigenen Leib verspürt, als ich, ebenfalls aus Jux und Dollerei, mit 45 oder 50 an einem Hochsprungwettbewerb teilnahm, ohne jedes Training, mich wieder per Straddle aus dem Stand über, dachte ich, mindestens 1,50 zu wickeln, aber schon bei 1,40 m blamabel scheiterte. Wie hoffentlich heute nicht an den “Montagsthemen”. Auf geht’s.

Baumhausbeichte - Novelle