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Montagsthemen (vom 24. August)

Hoffenheims Rekordtor und die folgende Münchner Mühsal waren ein Warnschuss für die Bayern. In der Bundesliga bügelt das die geballte Über-Macht aus, so gut wie immer und, wenn’s sein muss, auch erst in letzter Minute. Aber was, wenn die Gegner nicht Hoffenheim, sondern Real, Barca, Chelsea heißen?
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Gegen Übermächtige defensiv zu spielen, zeigt nicht des Fußballs schönste Seite, ist aber oft der Weisheit letzter Schluss, auch wenn die Bayern gewohnheitsmäßig den letzten Schuss haben. Für die auf Schalke als »Maurer« beschimpften Darmstädter sind alle Gegner übermächtig, sie entwickeln daher ein der nackten Notwendigkeit geschuldetes neues Fußballsystem: Catenaccio, praktiziert mit Hurra-Fußball in der eigenen Hälfte – eine ungewöhnliche Symbiose.
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Hurra-Fußball: Wackelt schon meine verwegene Prognose, Breitenreiter werde als kleiner Klopp Schalke zu neuer alter Größe führen? Nein, noch zu früh um zu wackeln. Aber nicht für die Eintracht. Die ersten 20 Minuten gegen Wolfsburg schienen euroligareif, alle 90 Minuten gegen Augsburg abstiegsverdächtig. In der Mitte wird sich’s einpendeln. Apropos Mitte: Dort fehlt es an Sicherheit, Struktur und einem Schuss Genialität. Hoffen auf Alex und Stendera.
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Ortswechsel. Peking. Julian Reus lief so schnell wie seit Jahren kein anderer deutscher Sprinter. Respekt. Aber warum reicht es nie gegen die großen Schwarzen? Reus findet indirekt eine Erklärung: Der langsam in Schwung kommende deutsche Sprint profitiere vom »Trainingslager, das wir seit zwei, drei Jahren in Clermont/Floria machen. Sechs Wochen bei 30 Grad – da kann man einfach besser trainieren.« Nun ja, in Jamaika haben sie das  immer. Vielleicht hilft uns der Klimawandel. Andererseits: Wenn man Handstoppung als Bonus und Aschenbahn/Startblock als Malus einrechnet, bleiben Hary, Lauer, Kaufmann auch nach über 50 Jahren noch unerreicht. War’s damals doch heißer?
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Auch im Hochsprung bleiben Medaillen unerreichbar. Da hülfe auch der Straddle nicht, wenn es ihn denn noch gäbe. Der Flop regiert und mit ihm die Hungerhaken. Dazu merkt Werner Lotz (Wettenberg) an: »Wie meistens, habe ich am vergangenen Donnerstag den ›Anstoß‹ gelesen. Die Bemerkung, dass sich über die Latte beim Flop nur noch die Hungerhaken krümmen, hat mich echt amüsiert. Kürzlich war ich erstmals bei der Senioren-WM in Lyon am Start und bin in der M70 angetreten. Der 1. und der 3. Platz gingen an Straddle-Springer (1,48 und 1,45 m). Ich wurde mit der gleichen Technik Siebter.« Respekt! Der alte Tauchwälzer, er lebt also noch. Bei uns Senioren.
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Überhaupt darf ich mich einmal bedanken für konstruktive Mitarbeiter unter den Lesern. Auch bei Helmut Cichorius, der meine Frage beantwortet, ob das Verb »keuern« (ungefähr: sich motzend ärgernd) aus meiner ersten Muttersprache kommt, dem Manischen. Es kommt »tatsächlich aus dem Manischen, ich wurde tagtäglich und alltäglich mit diesem Wort konfrontiert, da in meiner Kindheit in Marburg in meiner Straße jede Menge Leute (ich verkneife mir diverse politisch unkorrekte Bezeichnungen) wohnten, die deutsch und manisch gemischt haben.« Leute, Leute!
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Danke. Damit wäre das geklärt. Ich danke auch Martin Obermann aus Gießen, der (»wenn auch vielleicht kein klassischer ›Verwechsler‹«) meine einschlägige Sammlung bereichert. In einem AFP-Artikel unter der Überschrift »Grizzlybär verletzt Wanderer tödlich« fand er diesen hübschen Satz: »Der Leichnam des Mannes wurde nach den Angaben von der Bärin in der Nähe des Ortes Lake Village versteckt.«
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Manchmal werden Subjekte auch rein bildlich zu unfreiwilligen Objekten von Gelächter, das tödlich sein kann. Erinnern Sie sich an das »Stern«-Foto, das den Boss einer längst vergessenen bundesdeutschen Rechts-Partei zeigte, neben seiner Ehefrau auf dem Sofa sitzend, blümchenspießig entlarvend wie in einem Sketch von Loriot? Oder das Foto des alkoholisierten Dumpflings, mit ausgestrecktem Hitler-Arm, bekleidet mit einem Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft und eingenässter Jogginghose? Herrlich. Fast noch besser, weil subtiler: Das Bild jetzt im »Spiegel«, auf dem sich ein besorgter schwarzer Polizist in Columbia um einen kollabierten Weißen kümmert und den Wankenden fürsorglich stützt. Dieser typische »Redneck« trägt ein T-Shirt mit Hakenkreuz (das dürfen die Amis) und war Teilnehmer einer neonazistischen Demo des örtlichen Ku-Klux-Klans. Aber das ist ein ganz anderes Thema und hat mit Sport eventuell nicht mehr allzu viel zu tun.

Baumhausbeichte - Novelle