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Sport-Stammtisch (vom 22. August)

Kaum hat der neue Tuchel-BVB den Fußball neu erfunden, da vergisst ihn der alte Klopp-BVB null zu eins-zwei-drei, bevor er gegen die ebenso engagierten wie überforderten Norweger die längst fälligen Tore schießt. Das war dann zwar nur noch stinknormales Pflichtprogramm, aber dennoch jauchzt der mediale Überschwang von einem »Spiel für die Geschichtsbücher« (dpa). Drunter machen wir’s nicht mehr.
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Trauerspiel oder Komödienstadel? Geschmacksache. Ins Fach des absurden Theaters gehört jedenfalls die Kevin-de-Bruyne-Posse. Bei einer der vielen Preisverleihungsorgien (auch so ein überzogenes Medien-Ding) ließ Moderator Alexander Bommes den Belgier ein Sätzchen ablesen, das er ihm per Zettel vor die Nase hielt: »Ich werde auf jeden Fall diese Saison beim VfL Wolfsburg spielen.« De Bruyne bewies, dass er der deutschen Sprache mächtig ist und sie auch lesen kann. Und schon posaunten Medien den Treueschwur in die deutsche Fußballwelt. Ironie ist nun mal ein zartes Pflänzchen, das in der deutschen Medienlandschaft schlecht gedeiht. Nicht nur dort.
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Schadenfreude gedeiht überall. Manchmal auch bei mir. Leider. Aber es bereitet mir höllisches Vergnügen, dass Red Bull Salzburg nicht nur erneut an der Champions League scheitert, sondern sogar drauf und dran ist, die Euro League zu verpassen. Wenn man dann noch amüsiert zuschaut, wie sich die deutsche Filiale abstrampelt um sich endlich in die Bundesliga-Lüfte schwingen zu können, dann erinnert man sich unwillkürlich an Sulidae, jene Seevögel, die den Namen von ihrem tölpelhaften Ungeschick auf dem Boden haben und daher auch so heißen: Tölpel.
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Wundersame Metamorphose: Eine Brause, die Flügel verleihen soll, verleiht sie nicht nur, sondern verschenkt sie sogar, beflügelt die anderen und verwandelt sich unter brausendem Gelächter in den Kakao, durch den sie gezogen wird. – Na ja, der Vergleich hinkt ziemlich unbeflügelt. Außerdem trinkt Ralf Rangnick den Kakao nicht, durch den Red Bull gezogen wird, sondern wartet nur ein Weilchen … dann kommt er auch zu dir, arme Eintracht!
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Schon gekommen ist ein anderer, und zwar ganz nach vorn. Meine Prognose von 2012 bewahrheitet sich: »Lord Sebastian ›Seb‹ Coe, hoch geehrter Chef des London-Organisationskomitees, will 2015, was er natürlich nicht zugibt, Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF werden.« Nun ist er es. Kein Wunder. Als Coe einst von der Queen mit dem Orden »Member of the British Empire« ausgezeichnet wurde, war ihm dieser Orden mehr wert als die olympische Goldmedaille. Sagt er. Außerdem war er immer ein lupenreiner Demo … quatsch … Amateur. Sagt er. Und gedopt hat er natürlich nie. Sagt er. Man muss, man darf nicht die Wahrheit sagen, um große Karriere zu machen.
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Der »Gute« war auch mal mit Irene Epple verbandelt, der Skirennläuferin und heutigen Ehefrau von Theo Waigel (der mit den Brauen und der mit dem Euro). Auch das nur am Rande: Als sein Rivale Bubka in unserer »Wer bin ich?«-Serie gesucht wurde, gab ich den Tipp: »Gegenteil von großscheibendumm.« Weil er den Weltrekord scheibchenweise verbesserte.
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Dass der Rekord fast 20 Jahre lang hielt, lag auch an diversen Regelverschärfungen, an denen Bubka als Funktionär selbst beteiligt war. So etwas qualifiziert natürlich für höchste Ämter, aber Bubka leidet unter einem Image-Handicap. Schon immer. Als der Multi-Weltrekordler in Monte Carlo, seiner damaligen Wahlheimat, in einem Restaurant am Nachbartisch Michael Schumacher sah, ging er zu ihm und begrüßte ihn. Als Bubka wegging, fragte »Schumi« einen Begleiter: »Wer war der Kerl?«
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Wir fielen bei den IAAF-Wahlen gnadenlos durch. Nicht hinter, sondern ohne vorgehaltene Hand heißt es: Die Deutschen sind penetrante Besserwisser, die uns fürchterlich auf den Keks gehen. Empörend, diese Undankbarkeit! Da wollen wir nur das Beste, wollen ihnen also helfen, so zu werden wie wir, und dann zeigen sie uns die kalte Schulter. Man sollte ihnen unsere Tugenden einbläuen! Ihnen einen Tritt in die richtige Richtung geben! Ein paar Schläge auf den Hinterkopf haben noch keinem geschadet! Sind doch alles Griechen da draußen!
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Nur zur Sicherheit: war ein Scherz (siehe zartes Pflänzchen Ironie). In diesem Zusammenhang: Mancher Leser kennt mein Hobby, das Sammeln von unfreiwillig komischen Subjekt-Objekt-Verschiebungen wie »Seine Frau hat die Mutter für ihn ausgesucht«. Oder diese seltsame Form der Emanzipation: »Mehr als 50 Frauen sollen zwei Westafrikaner nach NRW eingeschleust und zur Prostitution gezwungen haben.« Jetzt stieß ich in der »FAS« auf die Geschichte eines Mannes, der ein toskanisches Bergdorf besuchte, in dem sein Onkel 1944 ein Massaker verüben ließ. Über erstaunliche Parallelen zu meinem Roman »Seemannsköpper« habe ich jetzt ausführlich im Blog »Sport, Gott & die Welt« geschrieben. Hier nur der »FAS«-Satz für meine Sammlung: »Wohl mehr als 500 Menschen massakrierten Schendels Onkel und die Waffen-SS an jenem Morgen.«
Man stelle sich bloß vor, es wäre kein Wer-wen-Irrtum, sondern in diesem und allen ähnlichen Fällen die korrekte Beschreibung des Vorgefallenen. Die Welt wäre ein anderer Ort. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle