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Mittwoch, 19. August, 18.10 Uhr

Vielleicht erinnert sich noch jemand an “Sasseta”, den kurzen Roman, den ich vor Jahren im Blog in Häppchen geschrieben hatte. Ist er noch drin? Ich glaube nicht, denn ich habe ihn bzw. den Kernteil in den dann erschienenen “Seemannsköpper” übernommen, der lange vergriffen war und seit einiger Zeit stark preisermäßigt wieder zu kaufen ist. In Sasseta, dem Bergdorf in der Toskana, massakrieren SS-Leute in einer Vergeltungsaktion fast die gesamte Bevölkerung des Dorfes. Auf dem Dorfplatz, grausam, zynisch, bestialisch. Angeordnet und genossen von einem musisch empfindsamen sadistischen SS-Führer. Leser erinnern sich vielleicht: Die Frauen des Dorfes mussten nackt mit den SS-Männern tanzen, was die Männer des Dorfes, Partisanen, nicht in den umliegenden Wäldern hielt, von wo aus sie die Szene beobachteten.  Als sie in ohnmächtiger Wut auf den Platz stürmen wollten, werden sie von darauf wartenden Scharfschützen abgeknallt und später auf dem Dorfplatz verbrannt.

Als “Sasseta” zu lesen war, rief mich ein Mann an, irgendwo aus dem Westen Deutschlands. Er war völlig von den Socken, denn er glaubte, in dem SS-Sadisten seinen Vater erkannt zu haben. Alles stimme, so, wie er es selbst recherchiert habe. Woher ich das alles wissen könne? Dass es reine Phantasie des Autors war, wollte er nicht glauben. Ich fürchte, er glaubt heute noch, dass ich ihm etwas verschwiegen habe.

Am vergangenen Wochenende lese ich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen nun mich leicht verwirrenden großen Artikel über einen Neffen, der ein toskanisches Bergdorf besucht, in dem sein Onkel mit seinen Kumpanen haargenau so gewütet hat wie mein SS-Mann und wie der Vater des Anrufers. Warum der Neffe dort war, was er dort wollte, wird nicht ganz ersichtlich, überhaupt scheint seine Motivationslage undurchsichtig, zumal er diesen Onkel so gut wie nicht gekannt hatte.

War mein Anrufer der Sohn des Täters, der FAS-Neffe der Sohn des Anrufers? Oder alles nur eine merkwürdige Zufälligkeit?

Überhaupt nichts zu tun damit hat Martin Obermann aus Gießen, der meine Kolumnen liest und für mich während meiner Langzeit-Serie “Von Olympia nach Athen” den Kontakt zu seinen ehemaligen Klassenkameraden Holger Schmidt und Lothar Poneleit geknüpft hatte, die ich in Athen besuchen und befragen konnte, Schmidt als Organisator des Deutschen Hauses, Poneleit als leitender Banker … war es die Commerzbank? …. in Athen  (warum ich Lothar später nicht in der Griechenland-Krise erneut besucht und als Top-Exklusiv-Informant befragt habe, weiß ich auch nicht mehr; wahrscheinlich hatte ich auf dem Weg in den und im Ruhestand meine professionelle Neugier verloren und scheute die Hektik. Schade drum).

Martin Obermann meldete sich dieser Tage wieder: “Lange nichts gehört, aber ich habe Dich oft gelesen. Ein kleiner Beitrag zu Deiner Sammlung, wenn auch vielleicht kein klassischer ‘Verwechsler’”. In seinem Anhang lese ich in einem AFP-Artikel unter der Überschrift “Grizzlybär verletzt Wanderer tödlich”: “Der Leichnam des Mannes wurde nach den Angaben von der Bärin in der Nähe des Ortes Lake Village versteckt.”

Stimmt, keine der unbeabsichtigten Subjekt-Objekt-Vertauschungen, die ich sammele, aber ebenfalls ein Prachtstück: Die Täterin gibt den Ermittlern preis, wo sie ihr Opfer versteckt hat.

Durch Martins Mail, die ich kurz vor der Lektüre des FAS-Artikels erhalten hatte, war ich frisch sensibilisiert für solche Sprachverdreher und stolperte in der FAS natürlich sofort über diesen grandiosen Satz: “Wohl mehr als 500 Menschen massakrierten Schendels Onkel und die Waffen-SS an jenem Morgen.”

Leider nur ein Subjekt-Objekt-Vertauscher, ein Wer-Wen-Verwechsler. Man stelle sich vor, es wäre kein kleiner grammatischer Irrtum, sondern in diesem und allen ähnlichen Fällen die korrekte Beschreibung des Vorgefallenen. Die Welt wäre ein anderer Ort.

Zu gerne würde ich diese Geschichte auch in der Zeitungs-Kolumne erzählen. Aber dazu ist sie zu lang und hat mit Sport nichts zu tun. Aber vielleicht finde ich ja noch einen kürzeren Weg, der in die Kolumne passt.

 

 

 

Baumhausbeichte - Novelle