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Drehmomente (“Anstoß” vom 20. August)

Regelmäßig vor Olympia oder Leichtathletik-Weltmeisterschaften enthüllen wackere Journalisten einen gigantischen Dopingskandal. Erste »Sünder« waren die Werfer. Hinter ihren breiten Kreuzen versteckten sich Sprinter und Langstreckler, mitleidig die »Dicken« tröstend oder hämisch den Rumpelstilz tanzend (»Ach wie gut, dass niemand weiß …«). Dann kam der Johnson-SuperGAU. Die Werfer atmeten nicht auf, denn sie blieben neben den Sprintern am Pranger. Die Ausdauerleister: siehe oben.
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Dabei gehörten sie zu den Pionieren der Szene. Man denke nur an die Olympiasieger Frank Shorter oder Lasse Viren, an sauerstoffgepowerte Eigenbluttransfusionen und dergleichen mehr. Aber selbst Leichtathletik-Fachjournalisten schwärmten viele Jahre von »absolut sauberen« Ostafrikanern und führten deren Leistungen gerührt und fasziniert auf 20 Kilometer lange Schulwege zurück. Später, als Trainingskontrollen auch Afrika erreichten, versteckten sich die edlen Wilden in Trainings-Kasernen, in die ein vorne klingelnder Kontrolleur erst hinein kam, wenn hinten alle geflohen waren.
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Doch nun dreht sich der Wind. Nach den neuesten Enthüllungen stehen die Langläufer am Pranger, und unsere beiden Top-Kugelstoßer können sich ungestört auf ihre Favoritenrollen konzentrieren. Die deutschen Sprinter sind sowieso unverdächtig, so lange bei ihnen keine »9« vor dem Komma steht. Die schwarzen Sprinter bleiben dagegen ein Thema für sich. Da läuft ein scharf kontrollierter Gatlin mit sprintsteinalten 33 schneller als vor zehn Jahren ein mehrfach gedopter Gatlin. Wie das? Wird Doping überschätzt? Oder das Doping-Kontrollsystem? Da dreht sich die Logik im Kreise.
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Heutige Sportler lehnen Doping lautstark ab und verweisen auf die Vielzahl der Kontrollen, auf ihr Blutbild und ähnliche Beweise, die aber nur Beweise dafür sind, nicht nachweisbar gedopt zu haben. Doch hinter dem straf- und belegbaren Doping liegt das weite Feld der Leistungsoptimierung, das vom simplen Kreatin bis zum High-Tech-Leistungshaus des Nike Oregon Projekts reicht. Und ein weites Gen-Feld gehört auch dazu.
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Man dreht sich im Kreis, selbst frau. Und damit zu einem anderen logischen Problem, das sich, pardon, in den Schwanz beißt: Wenn Frauen im Prinzip körperlich genauso leistungsfähig sind wie Männer (wie hat »Emma« damals Flo-Jo bewundert!), warum sind dann ihre Wurfgewichte so viel leichter? Warum lassen sie es zu, dass ihnen Chauvis gönnerhaft Spielzeuggeräte in die Hand drücken? Aber selbst Ultra-Emanzen fordern kein gleiches Gewichtsrecht für alle. Weil sie wissen: Hier würden Weiber nicht zu Hyänen, sondern zu … da schweigt des Schreibers Höflichkeit.
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Es gibt auch ganz spezielle Drehmomente. Prognose: David Storl stößt in Peking deutlich über 22 Meter. Er ist der mit Abstand beste Athlet im Teilnehmerfeld – aber ob er gewinnt, steht längst noch nicht fest. Denn beim Kugelstoßen werden Äpfel und Birnen miteinander verglichen. Angleit- und Drehstoßtechnik, das sind zwei eigene Disziplinen, so unterschiedlich wie Sparbrief und Lottoschein. Oder wie Flop und Straddle. Letzteren, den athletischen Hochsprung, gibt es praktisch nicht mehr, über der Latte krümmen sich nur noch ellenlange Hungerhaken. Auch die Angleittechnik wird verschwinden, wenn einem der Rotationszocker ein Wettkampf-Stoß rausrutscht wie Storl-Konkurrent Kovacs, von dem man auf youtube einen Trainingsstoß von 24,29 m (!) sehen kann.
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Apropos sehen: Anleitung einer großen Zeitschrift, wie der Zuschauer vor dem Fernseher die gedopten von den »sauberen« Sportlern unterscheiden kann. Epo = »gerötete Wangen«, Anabolika = »Akne, Hautausschlag«, Wachstumshormone = »unproportionales Wachstum des Kiefers, des Kinns«. So einfach ist das. Nur – was sagt das frühere »Apfelbäckchen« Rummenigge dazu, oder Ex-Außenminister Westerwelle, oder Fußball-Nationalspieler Max Kruse?
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Über das Kinn an sich las ich kürzlich beim großen Axel Hacke im SZ-Magazin diverse Theorien aus der Wissenschaft. Evolutionsgeschichtlich trat es hervor, als sich die Schnauze zurückentwickelte, heißt es da. Ein markantes Kinn wirke dominant, aggressiv und törne die Frauen an, es sei das Geweih des Mannes.
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Glaube ich nicht. Ich vertraue der frühen Expertise eines Michael Schumacher: »Ich bin kein Sexsymbol. Das geht mit so einem Kinn auch nicht.« Als er das sagte, lang ist’s her, drehte diese sympathische Selbstironie manche skeptische Sicht auf Schumi um 180 Grad. Auch ein Drehmoment. Hoffen wir auf ein weiteres bei ihm – zur guten Besserung. (gw)
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(www.anstoss-gw.de /  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle