Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 15. August)

Der Welterschöpfungstag mahnt, dass die Ressourcen endlich sind. Wenn die Bundesliga nach England schaut, glaubt sie das nicht. Was sind schon unsere paar hundert Millionen gegen die Milliarden der Premier League?
*
Das klassische Schneeballsystem funktionierte mit Kettenbriefen, deren Initiatoren absahnten, während die Folgenden Geld verloren, denn schon nach zehn Runden würden mehr Gutgläubige benötigt, als die Erdbevölkerung hergibt. Da macht doch niemand mit? Doch. Ich kann mich an solche Briefe erinnern, die vor vielen Jahren Mode waren. Und in raffiniert verfeinerter Form stecken sie heute noch in so manchem verlockenden Investment-Angebot.
*
Als Leo Kirch Fußball-Rechte teuer einkaufte, war ich 1997 »gespannt auf die verzweifelten Bemühungen zur Quadratur des Kreises: der Refinanzierung nicht refinanzierbarer Investitionen.« Die Folgen sind gerichtsbekannt. Wie bei Kirch damals beruht die Kalkulation der Engländer heute auf der zwingenden Notwendigkeit, dass immer mehr Menschen immer mehr Geld für immer mehr Fußball bezahlen. Fußball-Klubs und die von ihnen fantastillionisch bezahlten Profis, die am Anfang der Kette stehen, verdienen sich dumm und dämlich. Wenn die Kette früher oder später reißt, ist der mit dem Geld um sich werfende Sender pleite, die Milliarden hat er sich eh nur geliehen, und irgendwer muss dafür gerade stehen. Wer? Tipp: Derselbe steht schon für viele andere Milliarden in Europa gerade.
*
Auch die optimale Größe eines Fußball-Klubs ist endlich (Hopp weiß das, Mateschitz will nichts davon wissen). Unendliches Wachstum, das ich einmal den Fetisch von schnöselbürschlingsglatten Flachseelen des Neo-Liberalismus genannt habe, funktioniert nur zu Beginn von Schneeball-Systemen. Allerdings muss ich mich heute bei den Flachseelen des Neoliberalismus entschuldigen, denn es ist nicht nur ihr Fetisch, sondern mittlerweile sogar der von ökologisch Bewegten, die mit dem Monster-SUV zum Biobauern fahren und mit den Windmühlen der Energiewende das (un)nötige Wachstum fördern wollen.
*
Aber vielleicht gibt es ja ein Patentrezept für gesundes, nachhaltiges Wachstum. Unser für den Sport zuständiger Bundesminister scheint es gefunden zu haben. Er fordert 30 Prozent mehr Medaillen, natürlich nur blitzblank saubere, und das in Zeiten, in denen erneut klar wird, dass weltweit flächendeckend gedopt wird.
*
Immerhin scheint eine logische Lücke im geplanten Antidopinggesetz geschlossen: Die Einnahme von, zum Beispiel, Wick Medinait für Kinder soll nicht für alle Bürger strafbar sein, sondern nur für die 7000 besten Vereinssportler des DOSB. Aber auch das ist als »Sondergesetz« eine kitzlige Sache, denn die Doping-Regeln ähneln den Zehn Geboten: Einige sind strafrechtlich (Du sollst nicht töten), andere nur vereinsintern (Du sollst Vater und Mutter ehren) von Belang. Das Antidopinggesetz verlangt aber, dass der Staat auch denjenigen bestraft, den ihm die Kirche als ein Vereinsmitglied meldet, das gegen das vierte Gebot verstoßen hat. Atheisten sind fein raus, Muslime sowieso.
*
Den Kuddelmuddel schaue ich mir gerne an. Ist ja auch lediglich eine Frage des Blickwinkels. Nehmen wir nur Ciro Immobile: Er habe sich die Bundesliga viel stärker vorgestellt, sagt er. Nun, die Bundesliga hat sich Immobile sogar sehr viel stärker vorgestellt.
*
Apropos Dortmund: Unter Klopp kannte der BVB nur eine Art Fußball und scheiterte oft kläglich, wenn Flexibilität verlangt war. Unter Tuchel soll der BVB etwa zehn Arten Fußball beherrschen können. Wenn die Spieler diese auch intellektuelle Herausforderung bestehen, mischt Dortmund mit diesem Spitzen-Kader ganz oben mit. Falls nicht, fetzt es Tuchel.
*
Fetzen von Tuchel gab es schon im Training. Tuchfetzen, die seine Spieler in den Händen halten mussten, um den Reflex auszuschalten, den Gegner am Trikot festzuhalten. Pfiffige Idee. Manchmal sind es die kleinen Dinge, die Vorurteile (hier: meine) ins Wanken bringen.
*
Ach ja, die Sternschnuppen. Haben Sie eine gesehen? Ich musste lange Richtung Großer Bär starren, um eine einzige zu entdecken. Gewünscht habe ich mir natürlich den Weltfrieden. Und Sie? Grenzenlos wachsenden persönlichen Reichtum? Den Titel für »Ihren« Klub? Ich weiß nicht, was sich jener junge Mann gewünscht hat, der mit seiner frischen, zarten Liebe spätabends auf einer Bank saß, aber ich habe den Dialog belauscht. »Soll ich Dir den Großen Bären zeigen«? – »Wenn Du auch nur einen Knopf aufmachst, schreie ich!« (gw)
*
(www.anstoss-gw.de  gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle