Beitrag ausdrucken Beitrag ausdrucken

Sport-Stammtisch (vom 1. August)

Nun kandidiert Platini also doch. Obwohl er beim versuchten Blatter-Sturz (noch steht er!) eine jämmerliche Rolle gespielt hat. Aber was heißt schon »obwohl«? Vielleicht eher »weil«? Früher passte zwischen Blatter und Platini kein Blatt. Heute nur ein Feigenblatt.
*
Nomen est omen. Platini hat italienische Wurzeln. Das Italienische kennt den Diminutiv »ini«. Zum Beispiel die Verkleinerungsform von Pane (Brot) zu Panini (Brötchen). Dazu passen Blatter und Platini wie Chef und Chefchen. Ihr bevorstehender Wechsel ähnelt dem von routinierten Staffelläufern: abgesprochen, geplant, trainiert – klappt aber nicht immer.
*
Reminiszenz zur aktuellen Vergabe der Olympischen Winterspiele 2022: Über den Fackelträger 1992 in Albertville sagte Rodler Georg Hackl, es sei »geschmacklos, dass er die Fackel getragen hat. Haben die keinen Wintersportler?« Der Fackelträger hieß … Platini.
*
Dass Platini bei der Wahl des WM-Ausrichters 2022 für Katar gestimmt hat, ist schon eher bekannt als die olle Fackel-Kamelle, auch dass Katar anschließend die Senderechte für die französische Liga kaufte, bei PSG Paris einstieg und Platini jr. zum PSG-»Europachef« machte. Aber wir Hessen sollten da nicht schimpfen. Katars Fantastillionen tun auch Gutes. Ein paar Peanuts davon sogar der Eintracht-Kasse.
*
Apropos: PSG-Anführer Ibrahimovic empfing Kevin Trapp nach dem Wechsel von der Frankfurter Wellness-Oase ins raue Pariser Überlebens-Camp mit dem Gruß: »Welcome to Paris!« Sehr nett von Ibra. Aber er hätte es ja nicht unbedingt übertreiben und andauernd »Welcome to Paris!« rufen müssen – bei jedem der vielen Tore, die er im Training gegen Trapp schoss.
*
Nur ein Tor, leider ein Eigentor, schossen die Öffentlich-Rechtlichen, als sie in ihrem Frust über den Verlust der Olympia-Rechte trotzig androhten, demnächst weniger von den Paralympics zu berichten. Im Prinzip vernünftig, denn Paralympics finden drei Wochen nach Olympischen Spielen am selben Ort statt. ARD und ZDF konnten bisher dort ihren teuren Apparat weiter nutzen. Dennoch haben sie einen gewaltigen Eigentor-Bock geschossen, denn sie hätten von Universiade über Azubi-WM bis Senioren-Olympiade alle möglichen und unmöglichen Sportveranstaltungen als Droh- und Druckmittel einsetzen können – aber keine Paralympics. Die sind tabu. Ähnlich wie die Makkabiade. Beide auch für mich. Ich springe doch nicht freiwillig vom Zehnmeterturm ins Fettnäpfchen.
*
Ein anderes Fettnäpfchen ist als Tretmine im Sand der Weitsprunganlage verbuddelt. Sechs der sieben DM-Konkurrenten von Markus Rehm aus dem Vorjahr landeten darin als unfaire Unmenschen, weil sie nachträglich Protest gegen die Wertung des Prothesen-Springers einlegten. In der Sache richtig, sportlich sogar zur Klärung nötig – aber tabu. Es gäbe allerdings einen tabufreien Test, der die Diskussion schlagartig beenden könnte. Springt Rehm mit seinem gesunden Bein vergleichsweise ähnlich weit wie andere mit ihrem Nicht-Sprungbein? Ich vermute, dass ein 8,29-m-Springer mit dem »falschen« Bein ungefähr 7,50 bis 7,70 m weit springt, Rehm aber sehr viel weniger. Sollte ich mich täuschen, wäre der große Sportler Rehm als Athlet noch bewundernswerter.
*
Bewundernswert ist auch, mit welch unermüdlicher Energie Charles Friedek gegen die skandalöse Ungerechtigkeit kämpft, als 17-m-Dreispringer nicht für Olympia 2008 nominiert worden zu sein. Zur Erinnerung: Friedek sprang die geforderte doppelte Olympianorm in einem Wettkampf statt in zweien. Er sucht seither ein Formulierungs-Schlupfloch und glaubt, es gefunden zu haben. Der Bundesgerichtshof will am 13. Oktober sein Urteil verkünden. Friedek wünsche ich, dass der BGH das formale Schlupfloch anerkennt und nicht die sportliche Logik. Hoffentlich fragt kein BGH-Richter einen 10 000-m-Läufer, ob man die Norm auch in einem Wettkampf zwei Mal erfüllen kann …
*
Wahrscheinlich schafft das nicht einmal Kit Armstrong. Der Pianist gab mit acht  sein erstes Konzert, begann gleichzeitig ein Mathematikstudium und war schon mit zehn Gast bei David Letterman. So einem traut man auch das Ding der Unmöglichkeit zu, mit 20 die 10 000-m-Norm in einem Wettkampf zwei Mal zu erfüllen.
*
Jetzt trat Armstrong, mit 23 nicht mehr ganz wunderkindlich und fast schon wieder von dieser Welt, beim Rheingau Musik Festival im Kloster Eberbach auf. Natürlich immer noch umjubelt. Ich aber dachte wieder an seine Mutter, die einmal gesagt haben soll, der kleine Kit habe seinen Kopf beim Schlafen nicht auf ein weiches Kissen gelegt, sondern auf ein mit geschmolzenen Eiswürfeln gefülltes, weil sein Hirn ein kleines Atomkraftwerk sei, das ständig gekühlt werden müsse.
*
Seitdem weiß ich, warum mein Hirn schon so manchen GAU erlebt hat, auch ohne Atomreaktor im Frontallappen: Ich hatte nie Eiswürfel im Kopfkissen. Wenn die Vorhersage stimmt und die nächste Hitzewelle schon anrollt, werde ich es aber versuchen. Schlauer werde ich zwar nicht mehr, aber vielleicht schläft sich’s besser. (gw)
*
(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle