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Sport-Stammtisch (vom 25. Juli)

Um die Lufthoheit über den Stammtischen kämpfe ich erst gar nicht. Mit meiner doppelt linkshändig selbst gebastelten Glossen-Drohne wäre ich wendigen Medienfightern hoffnungslos unterlegen. Aber heute trifft es sich prima, dass mein »Sport-Stammtisch« zumindest in einer Beziehung jeden anderen Stammtisch im Land übertrumpft. Wetten!? Es geht um die Klopperei auf österreichischer Wiese beim Testspiel der Frankfurter Eintracht gegen Leeds United. Die Prügelknaben beider Seiten hatten sich offenbar auf dem Dorfanger verabredet, um sich nicht fromm, aber immerhin frisch, fröhlich und freiwillig auf die, Pardon, Fresse zu hauen. Skandal!
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Skandal? Nö, warum? Lasst sie doch, so lange sie Unbeteiligte in Ruhe lassen. Kloppt euch, bis der Arzt … eben nicht kommt. Harte Jungs brauchen keinen Doktor. Ärzte werden anderswo nötiger gebraucht. Und empörte Erfolgs-Schlagzeilen, sozusagen Ehrenurkunden für Beteiligung Minderbemittelter am Jedermann-Wettkampf in Mixed Martial Arts, sollte man ihnen erst recht nicht gönnen. Erst wenn sie nicht auf die eigenen Dummköpfe einschlagen, sondern Leib, Leben oder auch »nur« Besitz friedlicher Bürger gefährden, sollten uniformierte Profis echtes Ultimate Fighting demonstrieren.
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So! Die Drohne ist gelandet. Hoffentlich unmissverstanden. Und hoffentlich ist auch Bastian Schweinsteigers Wechsel kein englisches Missverständnis. Zwar bejubelt der Dramatiker und Fußballfan Simon Stephens im Zeit-Interview die Ankunft des Urmünchners in Manchester, aber warum? Weil Manu bisher ein zu »netter Verein« gewesen sei, mit »lauter Spielern, mit denen man gern Tee getrunken hätte, aber es fehlte ein Spieler, vor dem man sich fürchtete«. Und das soll nun ausgerechnet unser Bastian sein, ein Kämpfer vor dem Herrn, aber ein soo lieber Junge? Ja, glaubt Stephens, denn er verkörpere »eine Grimmigkeit, die der Mannschaft zuletzt gefehlt hat«. O je. Bastian Schweinsteiger grimmiger als Rooney heute oder Cantona gestern?
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Dass Pep Guardiola für das katalanische Parlament kandidiert, ist kein Missverständnis. Er nimmt das todernst und kämpft schon seit Jahren für die Freie Republik Katalonien, also für die Abspaltung von Spanien. Vielleicht inspiriert er ja den Bayern-»Kaiser« und Kitzbüheler Neubürger Franz Beckenbauer zu ähnlichem Engagement für ein »Königreich Bayern-Tirol«. Mein Kampf für ein unabhängiges Mittelhessen, natürlich mit freiem Zugang zum Meer, geht jedenfalls mit frischem Mut weiter.
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Drei Namen, drei Aufreger, drei Meinungen. 1. Markus Rehm, der Prothesenspringer. Großartiger Sportler, aber seine Disziplin ist eine andere als die der prothesenlosen Weitspringer. Ob er besser oder schlechter ist als jene, ist gehüpft wie gesprungen. 2. Christopher Froome. Wer ihn und jeden anderen, der Phantastisches leistet, nicht nur grundsätzlich verdächtigt, sondern auch zur Verdammnis vorverurteilt, sollte sich fragen, ob Froome vielleicht einfach nur besser ist als andere. Soll’s geben. / 3. Jan Ullrich. Er bleibt einer der größten Helden meines Sportzuschauerlebens. Aber wer mit 1,85 Promille (da staunt die Bischöfin!) und einer gehörigen Portion Valium im Blut Auto fährt, der gehört zwar für mich weiterhin in die Hall of Fame des Sports, aber auch in den Kn… nein, keine Vorverurteilung. Aber beschweren könnte er sich nicht.
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Größter Aufreger ist aber ein anderer, quer durch alle Medien: Sie hassen uns wieder! Obwohl sie uns vorher geliebt haben! Auch wegen unseres undeutschen Fußballs. Und überhaupt, haben wir dem Ausland nicht mit hökschtem Kampfgeist auf allen gesellschaftlichen Ebenen eingeimpft, wie locker und undeutsch wir sind, mediterraner als alle Südländer zusammen? Und jetzt hassen sie uns, nur weil wir den Griechen unser sauer verdientes Geld nicht gönnen? Ungerechte, undankbare Welt!
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Liewe Leut’, die ihr glaubt, nicht typisch deutsch zu sein: Wenn überhaupt irgendetwas typisch deutsch ist, dann die Manie, sich mehr Gedanken als jeder andere zu machen, wie und warum wir im Ausland so beliebt/verhasst sind. Die Wahrheit ist eine fürchterliche, wenn sie im deutschen Kopf ankommt: Sie lieben uns nicht. Sie hassen uns nicht. Solche Gedanken machen sie sich nicht. Wir sind ihnen … egal.
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Zu guter Letzt noch ein  Veranstaltungshinweis. Weltrekordversuch im Tiroler Stubaital! Dort soll am 3. Oktober der größte Schmarren der Welt gebacken werden. Nur sehr, sehr böse Zungen werden behaupten, so ein großer Schmarr’n wie diese Kolumne sei unüberbackbar. – Und nun ist Schluss. Bin verabredet. Zum Tee mit Basti. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt« /  Mail: gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle