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35 – 25 – 15 – 5 (“Anstoß” vom 23. Juli)

Vor 35, 25, 15 und vor fünf Jahren jeweils im Sommer: Kleine Texte in »gw«-Kolumnen, die heute nachdenklich stimmen können oder schmunzeln lassen. Oder beides. 35 – 25 – 15 – 5 – Los geht’s.
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(Im Juni 1980 kam es zur ersten großen Sportveranstaltung im Ostblock mit deutscher Beteiligung nach dem Olympia-Boykottbeschluss: Leichtathletik-Länderkampf Polen – Deutschland in Warschau. Ich war dabei.) Polnische Offizielle behandeln ihre Gäste wie Krankenschwestern schwerkranke Patienten: mit routinierter Freundlichkeit, ohne dem bedauernswerten Pflegefall deutlich vor Augen zu führen, wie arm er doch dran ist. Man nimmt den Deutschen den Boykott nicht übel, da man voraussetzt, dass sie von Carter gezwungen wurden. Sie kennen das ja von den Russen. Wenn der mächtige große Bruder pfeift, haben wir eben zu kuschen. Deutsche wie Polen. Und wenn die Deutschen dies abstreiten und Begriffe wie Afghanistan, Moral; Einmarsch, Völkermord, kommunistischer Imperialismus usw. in die Debatte werfen, zucken sie nur mit der Schulter. Reagieren so, wie wir reagieren, wenn wieder einmal ein DDR-Sportler seine Verbundenheit mit der SED öffentlich unterstreichen und erklären muss, dass er ohne die Kraft der sozialistischen Idee niemals den Weltrekord gebrochen hätte. (13. Juni 1980)
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(Hätten Sie gedacht, dass »Wellness« in diesen Tagen schon 25 Jahre alt wird? Bitte sehr:) Erfindungsreichtum auf dem Gebiet der Sportausrüstung gab es schon immer, und da mutet der letzte Schrei fast schon einfallslos aus: Jogging ist nämlich out (die meisten Jogger wissen’s nur noch nicht), »Wogging« ebenfalls (obwohl die Mischung aus Jogging und Walking nie »in« gewesen ist), angesagt ist jetzt »Wellness«. Wellness ist Sport für arme Reiche, denen richtiger Sport zu anstrengend ist und die sich ihre Faulenzer-Fitness mit bunter Unterhaltungselektronik erkaufen wollen. Beispielsweise sich auf dem Hometrainer nicht abstrampeln, sondern gemütlich durch »landschaftlich reizvolle Gegebenheiten« (Werbetext) radeln, die der Computer simuliert. Man könnte natürlich auch mit einem richtigen Fahrrad (dem alten aus dem Keller) richtig gemütlich durch richtig reizvolle Gegebenheiten radeln, aber das scheint mega-out zu sein, denn es kostet ja nix. – Ernsthafte Anmerkung: Die über uns hereingeschwappten Sportmoden der letzten Jahrzehnte haben einen gemeinsamen Trend: Immer teurere Geräte gaukeln vor, mit immer weniger Anstrengung immer mehr Fitness bekommen zu können, aber jeder lügt sich in die eigene Tasche. Die Produzenten, weil’s die Tasche füllt, die Konsumenten, weil die Lüge verlockender ist als die schweißtreibende Wahrheit. (13. August 1990/hat sich eigentlich viel geändert?)
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(Wie »Wellness« ist auch »Kerner« schon seit 25 Jahren ein Begriff. Ihn begleiten Spott, Ironie … und Anerkennung. Auch von mir.) Johannes B. Kerner wird im »Anstoß« ebenfalls langzeitbeobachtet (allerdings weiß er davon nichts). Im Januar 1999 zischten wir noch: »Kerner ist doch sooo nett! So furchtbar nett. So furchtbar . . .« Später freuten wir uns: »Seit er sich zurücknimmt, wird Kerner immer besser«, und jetzt: »Ein gebremster Kerner ist ein guter Kerner.« Wie kommt’s? Kerner weiß es selbst am besten, denn nun bietet er »den Gästen ein Podium, auf dem sie der Mittelpunkt sind und nicht ich, und so ist es richtig«. Und schon kommen auch Kerners Witz und Selbstironie zur Geltung: »Vielleicht fand ich früher meine Fragen besser als die Antworten der Gäste. Das ist aber eine etwas unglückliche Grundeinstellung für ein Interview.« Am besten gefällt uns Kerners Antwort auf eine seine abstehenden Ohren betreffende Frage von »Bild am Sonntag«. Die seien »eine höfliche Geste meinen Gästen gegenüber«. Wenn man diesen Satz sich setzen lässt, steht man auf und zieht den Hut. (7. August 2000)
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(Im Juli 2010 fährt Lance Armstrong bei seinem Comeback in  der Tour de France hinterher. In seinen Glanzzeiten wurde er auch von den ihn später verdammenden Medien gefeiert – aber nie von mir.) Es ist nur der Gnade abgelegener Geburt in mittelhessischer Provinz zu verdanken, dass Armstrong und seine Anwälte nie unsere Kolumne gelesen und uns deswegen nicht mit Klagen überzogen haben. Früher hatte Armstrong entscheidende Wettbewerbsvorteile, denn (und nun folgt konjunktivischer Satzbau nur für den Fall, dass einer seiner Anwälte vielleicht doch …) er hätte intensiver, leistungssteigernder und gesundheitlich risikoloser dopen können als seine Konkurrenten mit ihrem gottserbärmlichen, schäbigen und riskanten Epo- und Blutbeutel-Tourismus. Armstrong musste in all den früheren Jahren keine Angst vor Trainingskontrollen haben und hätte sich in den Vorbereitungsmonaten komfortabel in texanischen High-Tech-Praxen leistungsoptimieren können. Aber diese Zeiten sind in den USA vorbei, und Armstrong steht dort wie hier unter strengster Kontrolle. (15. Juli 2010/Die neuen Zeiten  brachten ihn schließlich doch noch zu Fall. Dass  nun auf andere Art immer noch leistungsoptimiert wird, Stichwort NOP, ist ein anderes, aber ähnliches Thema) (gw)
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(www.anstoss-gw.de gw@anstoss-gw.de)

Baumhausbeichte - Novelle