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Sonntag, 19. Juli, 6.25 Uhr

Nach angenehm kühler Nacht vom Rauschen des Regens geweckt. Nicht schlecht. Es rauscht immer noch, jetzt grummelt es auch und blitzt ab und zu.

Gestern beim Nachlesen der Zeitungen auf die Medienseite der FAZ vom Freitag gestoßen. Auf einer Zeitungsseite liest man in drei großen Artikeln, warum man an der Welt verzweifeln könnte, wenn man sie denn noch ernst nähme.

1. Die streichelnde Kanzlerin landet im Shitstorm: Es geht um das weinende Flüchtlingsmädchen und die Reaktion der „Eiskönigin“ (aktueller „Stern“-Titel schon vorher). Natürlich hat Angela Merkel hölzern reagiert, ungelenk und etwas täppisch. Aber ehrlich. Leider hätten wir lieber Smart- und Coolness a la Obama oder Clinton: Die hätten das Mädchen locker in den Arm genommen, vielleicht sogar mitgeweint, jedenfalls die Welt zum Mitweinen gebracht, unwiderlegbar einfühlsame Worte abgesondert, Hilfe versprochen … und nach dem Show-Act wären sie verschwunden, einzige Konsequenz bliebe ein Candystorm im Internet. Die FAZ über die gesamte Szene, nicht über die paar Medien-Sekunden: „(Man) bekommt mit, dass Reem Sawhill ihre Lage Angela Merkel ausführlich schildert und die Bundeskanzlerin mehrfach nachfragt und auf die ihr eigene ungelenke Weise versucht,  Interesse und Verständnis zu zeigen. Wirklich gut gelingt ihr das nicht, weil sie die Kunst der Verstellung nicht so gut beherrscht wie viele andere ihrer Zunft. (…) Und weil sie bei der Wahrheit bleibt, die keiner hören will, und die einem im Fall wie dem des jungen Mädchens auch nicht in den Kopf will: Deutschland kann auf Dauer nicht alle Flüchtlinge aufnehmen.“

2. Wir leben im digitalen Mittelalter: Der Kabarettist Dieter Nuhr berichtet in einem Gastbeitrag über den Shitstorm (er hat gerade erst in Sachen Islam einen überstanden), den er mit einem Griechenland-Satz ausgelöst hat. „Ich habe mit einem Twitter- und Facebook-Post – ‚Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!‘ – satirisch-ironisch darauf hingewiesen, dass man den Bruch eines Kreditvertrages nicht durch demokratische  Abstimmung legitimieren kann.“ Dann kam der Shitstorm. „Die im Internet üblichen Beschimpfungen, Beleidigungen, Todeswünsche, Drohungen, was der Mensch halt so ausstößt, wenn er sich an seiner Tastatur unbeobachtet fühlt, habe ich wie immer staunend beobachtet. Wo erfährt man so ungeschminkt, wie er ist, der Mensch? (…) Der Shitstorm ist die Hexenverbrennung des 21. Jahrhunderts, Gott sei Dank bei angenehmen Temperaturen, ’nur‘ sozial, nicht physisch vernichtend.“  – Man möchte allen, die sich moralisch überhebend auskotzen, in die Lage versetzen, einem Freund einen schmerzhaften Teil ihres Vermögens zu leihen und dann gesagt zu bekommen, das Geld nicht zurück zu erhalten, sondern noch einmal den gleichen Betrag rausrücken zu sollen. Und wer dann nach Hilfe sucht, wird als eiskalter Drecksack verunglimpft.

3. Der witzelnde Professor verliert seinen Posten: Die Sache ist ebenfalls bekannt. Der Nobelpreisträger Tim Hunt hält eine kleine Rede, die launig sein soll, und sagt über das Problem mit „Mädchen im Labor“: „Drei Dinge geschehen, wenn sie im Labor sind: man verliebt sich in sie, sie verlieben sich in einen, und wenn Sie sie kritisieren, weinen sie. Vielleicht sollten wir getrennte Labore für Jungen und Mädchen haben.“ Welch ein Shitstorm! Wegen dieses ’sexistischen Chauvinismus‘ musste  Hunt seine Ehrenprofessur abgeben und aus der Royal Society und aus dem Europäischen Forschungsrat zurücktreten. Selbst wenn er nur dieses mehr oder weniger gelungene Witzchen gemacht hätte, wären die Folgen unfassbar. Aber Hunt hatte seine Ansprache eingeleitet mit den Worten, wie seltsam es sei, „dass ein chauvinistisches Monster wie ich gebeten worden ist, vor Naturwissenschaftlerinnen zu reden“, und nach dem Laborwitz sagte er „Spaß beiseite“ und würdigte die Leistungen von Wissenschaftlerinnen (eine hat er übrigens im Labor kennengelernt und ist mit ihr verheiratet). Ein typischer Fall von Selbstironie also, für Unempfängliche sogar ein- und abgeleitet mit dem eigentlich humoristisch tödlichen Hinweis, „Achtung, es folgt ein Witz“ und „Achtung, der Witz ist zu Ende“ – und dann diese Folgen.

Man könnte an der Welt verzweifeln, wenn man sie denn ernst nähme.

Das Positive: Ein Lob an die FAZ für diese Medienseite. Und übrigens auch ein Lob in die andere Richtung, an die taz, die eine ganze Seite frei räumt für  den griechischen politischen Karikaturisten Kostas Koufogiorgos, der seit sieben Jahren in Stuttgart lebt und unter dem Titel „Tsipras ist nicht Che Guevara“ eine – im doppelten Sinn – rundum treffende Analyse schreibt und mit diesem Satz über Tsipras endet: „Es ist naiv zu glauben, dass er der gute Linke ist und alle anderen sind böse Mächte, die sich gegen ihn verschworen haben. Wer das glaubt, malt sich die Politik schwarz und weiß. Nai und Oxi.“ – Zu lesen in der Samstags-Ausgabe und wohl auch online.

Und ich? Schreibe vor mich hin und habe nichts davon, jedenfalls nichts für die „Montagsthemen“. Vielleicht stelle ich etwas davon in die nächste „Ohne weitere Worte“-Kolumne. Für die „Montagsthemen“ geistert mir nur, wieder mal, Dopingzeug durch den Kopf, angestoßen vom 1500-m-Weltrekord und anderem. Aber noch habe ich Zeit, noch kann Rat kommen. Erst mal kommt … KKK? Nein, muss ich alleine für sorgen. Wegen Udo Lindenberg. Auch das noch.

 

Baumhausbeichte - Novelle