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Montagsthemen (vom 20. Juli)

Jedes Ergebnis eines Fußball-Testspiels im Juli hat so viel Gewicht wie ein Korn, das aus einem in China umgekippten Sack Reis rieselt. Halt! Stichwort China: Wichtig ist jedoch, wieviel sportliche Basisarbeit in den Sack Saisonvorbereitung gesteckt wird und wieviel geldwerte und sportunwerte Vermarktungspflicht – siehe Bayern München – wieder heraus rieselt. So viel für heute zum aktuellen Nicht-Thema Fußball.
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Mein chronisches Nicht-Thema rumort latent und bricht manchmal durch. Den akuten Anfall bewirken diesmal der 1500-m-Lauf einer Afrikanerin, die den für unüberbietbar gehaltenen Weltrekord einer Chinesin aus der berüchtigten »Armee« des noch berüchtigteren Trainers Ma (»Schildkrötenblut«) bricht, die Hetze gegen und Hatz auf einen britischen Tour-Souverän sowie ein deutscher Innenminister, der von seinen sportlich Untergebenen »mindestens ein Drittel mehr Medaillen« fordert. Natürlich auf hundertprozentig saubere Art und Weise. Dazu kommt – siehe Kugelstoßen – das Vordringen auf breiter Front in frühere Leistungsbereiche, die als dopingverseucht und daher heutzutage als unerreichbar gelten bzw. galten: Wie isses bloß möglich?
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Wie isses vor allem bloß möglich, dass Froome einen Becher voll Urin an den Kopf kriegt, statt dass er (der Becher) einen Medaillenfetischisten aus der sportbestimmenden Politik trifft? Oder besser gleich uns alle, die wir »Fleisch« konsumieren (in diesem Fall: sportliche Höchstleistungen) und zwar wissen, wie es produziert wird, aber das zu gerne vergessen, wenn wir es genießen? Und wenn wieder einmal ein »Skandal« aufgedeckt wird, eifrig mitschimpfen – aber nur in kurzen Verdauungspausen zwischen den leckeren Gängen?
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Haben früher alle gedopt? Dopt Froome heute? Dopen »unsere« Sportler nicht, sondern nur die bösen Anderen? Ist Medaillen-Aufstockung ohne Erhöhung individuellen Doping-Etats möglich? Die Antwort mag kryptisch klingen, Kenner der Szene sehen jedoch klar: Das, worum es geht, hat heute einen anderen Namen und heißt nicht mehr Doping, sondern Leistungsoptimierung. Zu ihr gehört alles, was unter der Toleranzschwelle und/oder der Nachweisbarkeitsgrenze liegt, (noch) nicht auf der Dopingliste steht, wegen Nichtnachweisbarkeit nie auf ihr auftauchen wird oder als erlaubte und sogar erwünschte High-Tech-Manipulation gilt. Als Synonym für das alles könnte man »Salazar« einsetzen oder »NOP« (Nike-Oregon-Projekt). Die kryptische Antwort also: Doping und Leistungsoptimierung ist nicht dasselbe, aber das Gleiche.
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»Der Pfahl im Fleisch.« Der deutsche Titel von Sartres Roman geht auf die Korintherbriefe zurück, in denen Paulus schreibt, sein Pfahl im Fleisch sei »des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe«. Lance Armstrong, Unsympath und ungebetener »Tour«-Gast: »Warum bin ich nicht willkommen? Weil ich ein Doper bin? Wenn das die Regeln sind, ist die Karawane fast leer.« Aber die Karawane ist voll, nicht nur bei der »Tour«, sie zieht weiter, nicht nur an ein paar bellenden Hunden vorbei, sondern auch an begeisterten Massen an den Straßen. Und in den (Fußball-)Stadien. Armstrong – des Satans Engel? Wer will sich da noch überheben?
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Ziemlich anderes Thema: Charles Friedeck, dessen sportliche Lauf- und Leidensbahn ich nach seinem WM-Sieg 1999 in Sevilla in Serienform begleitet hatte, kommt am Dienstag auf seinem Weg durch die Instanzen vor dem Bundesgerichtshof an. Der Ex-Dreispringer will 133 000 Euro Schadenersatz einklagen, weil er 2008 nicht für die Olympischen Spiele nominiert worden ist. Und das, obwohl er die Normweite von 17 Metern zwei Mal erfüllt hatte und keinem anderen Athleten den Olympiaplatz weggenommen hätte. Der Haken an der Sache: Friedek spang in einem Wettkampf zwei Mal 17 Meter, statt wie gefordert in zwei Wettkämpfen je ein Mal.
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Das kleine Schlupfloch im dicken Haken: Jeder Olympiaaspirant weiß zwar, dass doppelte Normerfüllung gewohnheitsrechtlich zwei Wettkämpfe voraussetzt und nicht zwei gelungene Versuche in einem. Ich zum Beispiel weiß das seit Montreal 1976, habe allerdings nicht geklagt, da ich weder einmal in zwei noch zwei Mal in einem, sondern null Mal in drei Wettkämpfen die Norm erfüllt habe. Friedek will das unsportliche Gewohnheits(un)recht der korinthenkackenden Funktionärsriege nun aber formaljuristisch austricksen, da die Normkriterien 2008 expressis verbis unklar formuliert und auch in seinem Sinne zu interpretieren gewesen wären. Ihm, dem Ex-Langgönser, der in seinen aktiven Jahren stets kritisch rumknötterte und aneckte, würde ich auch als Lokalpatriot von Herzen gönnen, am Dienstag siegreich vor dem BGH ins Ziel zu kommen. Es wäre ein großer Sprung.
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Den allergrößten, weiter als beim WM-Triumph in Sevilla, ist er allerdings schon gesprungen: Vom Dreisprung-Rebellen von einst – hop, step, jump! – durch die Institutionen … zum Dreisprung-Bundestrainer von heute.
Auch realsatirisch ein gewaltiger Satz. (gw)
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(www.anstoss-gw.de mit gw-Blog »Sport, Gott & die Welt«   Mail: gw@anstoss-gw.de)

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